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Samstagsinterview
Montag, 25. September 2017 20° 4

Eishockey

Dem Kapitän sind Tore total egal

Sandro Schönberger erklärt Straubings Besonderheit und was bei den Tigers nie selbstverständlich werden darf.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

„Ich opfere mich gerne für meine Mannschaft“, sagt Straubings Kapitän Sandro Schönberger. Foto: Schindler

Straubing.Wie viel Oberpfalz steckt nach all den Jahren in Sandro Schönberger überhaupt noch? In einer Stadionumfrage in Straubing weiß das wahrscheinlich schon kaum
mehr jemand – oder es will keiner wissen.

Wahrscheinlich will das wirklich keiner wissen (lacht). Nein, es steckt schon ein großer Teil Oberpfalz in mir. Ich bin in Weiden geboren, meine Familie wohnt da und ich bin regelmäßig zu Besuch daheim bei meinen Eltern. Mit den Stationen in Oberbayern (Bad Tölz, d. Red.) und Niederbayern bin ich ein richtig bayerischer Bursche. Alle drei Städte waren etwas Besonderes. Aber ich weiß, wo ich herkomme.

Verfolgen Sie die Oberpfälzer Eishockey-Szene?

Immer noch sehr. Ich bin in Kontakt zu Spielern und Manager in Weiden. Und die fragen Jahr für Jahr wegen Spielern nach und wollen mich natürlich nach Weiden locken. Aber das funktioniert noch nicht ganz.

Sie sind eine treue Seele, oder?

Ja, eine sehr treue Seele, auch wenn es immer wieder mal Angebote gab. Aber ich habe immer gesagt, ich habe hier in Straubing die Chance bekommen, DEL zu spielen und das will ich zurückzahlen. Ich bin stolz, hier spielen zu dürfen. Das spiegelt sich, glaube ich, auch in meiner Arbeit wieder.

Sie könnten sich nicht vorstellen alle Jahre den Klub zu wechseln, was in der Eishockey-Branche ja nicht so ununüblich ist?

Absolut nicht: Ich bin kein Eishockey-Nomade. Früher wäre das eher gegangen, aber jetzt zwei Kindern nicht mehr. Für mich gibt es wohl nur das Zurück nach Reichersbeuern, weil wir dort irgendwann ein Haus bauen werden und meine Frau Oberbayerin ist.

Vereine, Wegbereiter und sein Held

  • Zur Person:

    Sandro Schönberger ist 30 Jahre alt (geboren 14. Januar 1987). Er hat inzwischen 390 DEL-Spiele (45 Tore, 64 Vorlagen) und dazu 95 Zweitliga- bzw. 119 Oberligaspiele absolviert.

  • Seine Vereine:

    „Ich habe in Weiden gespielt, bis ich 15 war – also bis zu den Schülern. Zur DNL bin ich dann nach Bad Tölz gegangen und habe drei Jahre DNL und vier Jahre erste Mannschaft gespielt. Ab 2009 war ich dann in Straubing und hatte schon vorher eine Förderlizenz.“

  • Die Wegbereiter:

    „Als ich entschieden habe, dass ich weg muss aus Weiden, war das eine finanzielle Belastung. Tölz war der richtige Schritt, hätte ohne meine Eltern aber nie funktioniert. Da bin ich unendlich dankbar.“

  • Der Held:

    „Wir sind alle mit Wayne Gretzky, „The Great One“, aufgewachsen. So einer will man werden. Hat nicht ganz hingehauen, aber ich beklage mich nicht. Ich habe aber noch nie ein NHL live gesehen. Nach dieser Saison ist ein New-York-Trip geplant.“

Erst einmal aber läuft der Vertrag
noch bis 2020 in Straubing.

Richtig. Danach müssen wir weiterschauen. Wir haben zwei Buben, die in Straubing geboren sind. Passt alles.

Gibt es Widerspruch, wenn ich behaupte: Lieber Kapitän in Straubing als Mitläufer in München? Sie könnten ja bei einem Spitzenteam spielen wollen. Mit Straubing wird man im Normalfall jedenfalls nicht deutscher Meister.

Das weiß man nie (lacht). Es gab zwar Überlegungen, aber wir haben uns immer wohlgefühlt. Ich will den Weg in Straubing weiterführen.

Sie sind seit 2009 da: Erklären Sie mal, wie es Straubing schafft, in der zwölften Saison in der DEL mitzuspielen?

Es ist einmalig in Deutschland, dass so ein kleiner Standort so lange in der ersten Liga dabei ist. Man muss sich freuen über jede Saison, die gespielt werden darf. Das darf auch nicht selbstverständlich sein. Es ist unglaublich viel Arbeit, die dahintersteckt, von der Geschäftsstelle bis zu den Gesellschaftern, Sponsoren und Fans, die bei uns mit den Dauerkarten eine tragende Rolle spielen. Es ist eine eishockeyverrückte Stadt, im positiven wie negativen Sinne.

Irgendwas muss ganz speziell sein.

Die Fanszene: In der Stadt erkennen dich viele. Das ist anders als in München, Berlin oder Köln. Du unterhältst dich beim Bäcker über das Ergebnis vom Vortag…

…was schlecht sein kann…

…wenn’s nicht so läuft, kriegt man mal eine mit, klar. Das gehört dazu.

Ist das vielleicht manchmal sogar gut für die Motivation?

Die Motivation ist immer da. Aber du hast das natürlich im Hinterkopf.

Nervt es nicht, wenn man jedes Jahr aufs neue Außenseiter ist. Wenn in Straubing jemand gut und überzeugend spielt, spielt er oft nur ein Jahr da.

Nervig ist das nicht. Dass Straubing zu den Underdogs gehört, wissen die Jungs und ich. Wir wollen immer das Gegenteil beweisen und haben ja ordentlich Erfolge feiern dürfen in den vergangenen Jahren.

Gibt es ein besonderes Anforderungsprofil für Tigers-Spieler?

Man muss einfach nur mit Herz dabei sein und jedes Mal bis zum Umfallen kämpfen: Dann verzeihen dir die Leute in Straubing viel. Dann kannst du auch ein Spiel verlieren.

Das ist auch die Schönberger-Spielweise: Sie gelten als der große Schüsseblocker.

Ich mache das gerne und opfere mich für meine Mannschaft. Wenn man die Ziele erreichen kann, ist jeder blaue Fleck danach vergessen.

2012 gab es bislang am meisten zu jubeln für Sandro Schönberger (l.): Straubings Kapitän mit der Rückennummer 27 und sein Team kamen ins Halbfinale. Foto: Eibner

Ist es schwer, so eine Sichtweise jungen Spielern beizubringen, wo doch die Statistiken mit Toren und Vorlagen im Fokus stehen? Vom geblockten Schuss redet in Deutschland kaum jemand.

Das ist oft schwierig. Viele junge Spieler meinen, dass Statistik wichtig ist. Ist sie ja auch für einen Großteil der Mannschaft. Mir ist sie komplett wurscht. Wen wir das Mannschaftsziel erreicht haben und ich habe nur ein Tor geschossen, war’s für mich eine gute Saison. Es gibt nicht viele Spieler, die so denken. Ich würde mir manchmal wünschen, es wären mehr.

Der nächste Schritt blieb Ihnen verwehrt:
Ein Sandro Schönberger war zwar im
Dunstkreis der Nationalmannschaft,
aber viele Spiele sind es nicht geworden.

Zwei.

Waren die Schönberger-Qualitäten
da nicht gefragt?

Ich bin ziemlich oft eingeladen worden. Aber viermal, darunter einmal wegen der Geburt meines Sohnes, musste ich absagen, meist wegen Verletzungen. Ich wollte nicht verletzt hinfahren, weil ich weiß, dass ich für Straubing spiele und nicht in erster Linie für Deutschland. Das heißt, dass ich am 1. August fit sein muss. Da war mir der Gesundheitszustand meines Körpers wichtiger.

Und dann war es vorbei?

Irgendwann erreichst du ein Alter, wo auf jüngere gesetzt wird. Ist ja auch richtig so. Aber man soll nie nie sagen. Vielleicht rufen sie aber irgendwann an und sagen: „Wir brauchen dich nochmal.“ Dann stehe ich parat.

Wie ist Ihr Blick auf andere Sportarten?

Alle deutschen Burschen bei uns verfolgen Fußball. Aber es ist immer mehr Football dazugekommen mit den Super-Bowl-Partys, wo die gesamte Mannschaft zusammen feiert.

Mit den 222 Millionen Euro aus dem Neymar-Transfer wäre der Eishockey-Standort Straubing auf Jahrzehnte gesichert.

Da bin ich felsenfest davon überzeugt. Für solche Summen habe ich überhaupt kein Verständnis. Wie viele Menschen davon essen und trinken könnten, will ich mir gar nicht ausmalen. Für mich ist das nur schwachsinnig und ich hoffe, dass es durch irgendwelche Regeln reduziert wird.

Ganz direkt: Kommt man sich als Eishockey-Profi mit Blick auf die Verdienstmöglichkeiten im Fußball nicht veralbert vor?

Die Fußballer spielen einmal, vielleicht zweimal die Woche, wenn sie international spielen, und jammern, dass sie müde sind. Wir spielen zwei- bis dreimal die Woche und verdienen einen Bruchteil. Nicht mal das, eher Krümel von dem, was die Fußballer verdienen, obwohl wir auch in der ersten Liga spielen. Aber das ist so. Man muss es hinnehmen und einfach ausblenden.

Wie hat sich das Eishockey in Ihrer Karriere entwickelt? In wesentlichen Punkten diskutiert man ja immer das Gleiche.

Vom Spielerischen ist es im Vergleich zu vor zehn Jahren deutlich schneller, athletischer. Du musst jedes Jahr fitter sein, um mithalten zu können. Insgesamt kennt man die Problematiken: Auf- und Abstieg, Ausländerreduzierung, Nationalmannschaft, wo man viel mehr machen könnte – da ändert sich nix. Das ist eine Neverending-Story und ich weiß nicht, wann da mal ein Durchbruch erzielt wird.

Alle Samstags-Interviews der Sportredaktion finden Sie hier.


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