mz_logo

Samstagsinterview
Donnerstag, 21. September 2017 19° 3

Fußball

Ein Manager für 22 und mehr Charaktere

Nach 344 Bundesliga-Spielen ist für Wolfgang Stark am Platz Schluss. Als Video-Assistent und Schiri-Coach macht er weiter.
Von Andreas Allacher, MZ

Wolfgang Stark ist seit der vergangenen Saison Rekordhalter mit 344 geleiteten Bundesliga-Spielen. Auch nach seinem Karriereende bleibt der Landshuter dem Schiedsrichterwesen treu. Foto: dpa

Regensburg. Am Wochenende startet die neue Bundesliga-Saison. Nach 20 Jahren als Schiedsrichter in der höchsten deutschen Spielklasse wird man Sie, lieber Herr Stark, nicht mehr am Rasen sehen, denn am 20. Mai ertönte nach ihrem 344. Spiel ihr letzter Schlusspfiff. Mit dem Erreichen der Altersgrenze von 47 Jahren scheiden sie aus der 1. Liga aus. Sind Sie schon bereit
für den Schiedsrichter-Ruhestand?

Nun, über diese Altersgrenze wird ja schon seit Jahren diskutiert, vor allem von Vereinsseite, die die Erfahrung eines Schiedsrichter in den Mittelpunkt stellen. Es gibt sicher Kollegen, und da zähle ich mich dazu, die mit ihrer Fitness ein oder zwei Jahre dranhängen könnten. Ich hätte schon noch gerne weitergemacht, aber letztendlich überwiegt die Akzeptanz der Altersgrenze. Denn ich bin vor 20 Jahren auch dank dieser Altersgrenze in die Bundesliga gekommen, und jetzt mache ich halt den Platz für einen jüngeren Kollegen frei. Und letztlich weiß man um diese Grenze ja und kann sich gedanklich darauf einstellen.

Welche Bedeutung hat es für Sie, zum Abschluss der Karriere, in der Sie mit 344 Spielen zum Rekordhalter geworden sind, noch einmal zum „Schiedsrichter des Jahres“ gewählt worden zu sein?

Ich hatte wirklich eine super letzte Saison – ohne große „Aufreger“ in meinen Spielleitungen. Wenn man mit so einer tollen Saison aufhören kann und dann noch als „Schiedsrichter des Jahres“ ausgezeichnet wird, ist dies das i-Tüpfelchen auf eine tolle Karriere.

Wenn Sie die 20 Jahre seit ihrem ersten Erstliga-Einsatz im April 1997 beim Spiel FC Köln – MSV Duisburg Revue passieren lassen: Was hat sich geändert?

Ja, das war damals ein Schnupperspiel für Aufstiegsaspiranten aus der 2. Liga. Seitdem hat sich alles geändert. Das Spiel ist schneller und athletischer geworden, die Räume wurden enger, es gibt ein hohes Pressing und ein schnelles Umschaltspiel. Vor 20 Jahren waren die ersten Gedanken an eine Viererkette fast revolutionär; heute ist ein Systemwechsel während des Spiels üblich. Da müssen auch die Schiedsrichter agieren und reagieren. Dass sie umdenken und sich weiterentwickeln, ist ein ganz normaler Prozess.

Sind mit dieser Entwicklung nicht auch die echten Typen am Fußballplatz weniger geworden?

Ich hatte das Glück, in diesen 20 Jahren zwei oder drei Spielergenerationen kennenlernen zu dürfen – anfangs Spieler wie Häßler oder Basler, die nicht leicht auszurechnen wäre. Für Showmätzchen haben die Spieler heutzutage gar keine Zeit mehr, aber die Schürrles, Reus oder Götzes von heute haben andere Qualitäten. Nach wie vor aber braucht jede Mannschaft solche Spielerpersönlichkeiten.

Schiedsrichter Wolfgang Stark bleibt am Ball. Foto: Marius Becker/dpa

Wissen Sie noch, wie Sie für Ihren ersten Bundesliga-Einsatz entlohnt wurden? Da hat sich ja viel getan.

Ich glaube, dass es damals 1500 DM für das Spiel gegeben hat. Ab der neuen Saison erhäht der Schiedsrichter eines Bundesliga-Spiels 5000 Euro und dazu ein Grundgehalt. Die Initiative für diese Basisentlohnung haben wir als Aktivensprecher – Florian Meyer, Deniz Aytekin und ich – vor einigen Jahren bei DFB und DFL gestartet. Das ist auch angemessen, denn die zeitliche Belastung ist gerade im Fitnessbereich enorm gestiegen. Bundesliga-Schiedsrichter von heute trainieren drei- bis viermal pro Woche, besuchen regelmäßig einen Physiotherapeuten, dazu die Reisebelastung und die Einschnitte im privaten Bereich durch die dauernde Verfügbarkeit. Dieses in vielen anderen Ländern längst schon übliche Grundgehalt ist auch ein Ausgleich dafür, dass man seinem Job heutzutage nicht mehr zu 100 Prozent nachgehen kann und beruflich ausgebremst wird.

Wie sehen Sie eine Diskussion um einen Profi-Schiedsrichter?

Was im deutschen Schiedsrichterwesen seit einigen Jahren passiert, das ist schon sehr professionell. Ich wüsste nicht, was man als Profi noch mehr machen könnte. Der Beruf als zweites Standbein bleibt wichtig, denn was wäre bei einem Leistungseinbruch oder einer Verletzung? Da müsste man dann schon an Mehrjahresverträge in Dimensionen wie die Spieler denken. Ich glaube, dass unser System schon das beste ist.

Sie waren auch von 1999 bis 2014 international im Einsatz. Was betrachten Sie selbst als die Höhepunkte Ihrer Karriere?

Das waren sicher die Berufungen zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking, zur Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, zur Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine, dazu das Europa-League-Finale 2012 zwischen Atletico Madrid und Athletic Bilbao sowie das Champions-League-Halbfinale 2010 zwischen Real Madrid und FC Barcelona. Auch an Spiele wie das deutsche Pokalfinale 2011 denke ich gerne zurück. Besonders in Erinnerung bleiben natürlich die Turniere: Die WM 2010 ist für mich super gelaufen, denn drei Spiele für einen deutschen Schiedsrichter ist eine Seltenheit, auch weil die deutsche Mannschaft immer so weit kommt.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Schiedsrichter aus?

Da hat sich in den letzten 20 Jahren gar nicht so viel geändert. An oberster Stelle steht die Fitness: Die Bundesliga-Schiedsrichter von heute sind alle Top-Athleten. Dazu kommen Durchsetzungsvermögen, Spielverständnis, der Mut zu unpopulären Entscheidungen, wenn es das Regelwerk erfordert, und Menschenführung; denn ein Schiedsrichter ist in seiner Rolle vergleichbar mit einem Manager, der 22 und mehr verschiedene Charaktere durch das Spiel führen muss.

Was machen Sie künftig an den Wochenenden?

Es kann schon sein, dass ein bisschen Wehmut aufkommt, wenn es Freitag wird und ich nicht die Sporttasche packen muss, um zu einem Spielort aufzubrechen. Aber ich freue mich auf meine neue Aufgabe als Video-Assistent. Wie die ebenfalls als Erstliga-Schiedsrichter ausgeschiedenen Günter Perl und Dr. Jochen Drees bin ich weiter in diesem Projekt dabei, nachdem wir ja die gesamte Offline-Phase mitgemacht habe. Außerdem werde ich mich im Auftrag der DFB-Schiedsrichter-Kommission als Coach um die Kollegen in der 3. Liga kümmern, was schon deshalb wichtig ist, weil in den DFB-Ligen ab der neuen Saison keine Noten mehr für Schiedsrichter gibt.

Der künftige Arbeitsplatz von Wolfgang Stark als Video-Assistent in einem Kölner Studio Foto: Marcel Kusch/dpa

Hätten Sie sich in ihrer Zeit auch einen Video-Assistenten gewünscht?

Dann wäre mir wohl manche Fehlentscheidung erspart geblieben. Wichtig ist, den Video-Assistenten nicht als Oberschiedsrichter zu begreifen, sondern als zusätzlichen Helfer des Referees, der bei strittigen Entscheidungen eingreifen kann, wenn er durch die verschiedenen Kameraeinstellung einfach die bessere Perspektive hat. Aber: Die letzte Entscheidung bleibt beim Schiedsrichter. Und: Die Eingriffsmöglichkeit ist auf vier klar definierte Bereiche beschränkt – und nur, wenn ein klarer Schiedsrichterfehler vorliegt. Vereine und Öffentlichkeit haben sich mit ihrer Forderung durchgesetzt, die technischen Möglichkeiten zu nutzen. Denn jeder Fan im Stadion kann in kurzer Zeit auf seinem Smartphone kontrollieren, ob die Entscheidung richtig war. Klar ist aber auch, dass diese Überprüfung Zeit braucht. Deutschland ist weltweit Vorreiter in Sachen Video-Assistent. Dennoch der Fußball wird weiter Diskussionsstoff liefern, allein schon über die Frage, was ein klarer Schiedsrichterfehler ist.

Würden Sie aus der Erfahrung Ihrer Karriere einem jungen Menschen empfehlen, Schiedsrichter zu werden?

Es ist ein Glücksfall, dass ich so weit gekommen bin. Genauso, wie man einem Zwölfjährigen seriös keine große Fußballerkarriere vorhersagen kann, gibt es keine Garantie, als Schiedsrichter ganz oben anzukommen. Aber man ist im Sport voll integriert und das Amt schult auch die eigene Persönlichkeit. Und letztlich hängt der Erfolg von jedem einzelnen ab.

Aber es gab ja auch in ihrer Karriere Negativerlebnisse mit Kritik an den Entscheidungen, aber auch an der eigenen Person. Zum Beispiel beim Relegationsspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC 2012...

Hier waren eher die Begleitumstände und das Fehlverhalten des einen oder anderen Berliner Spielers negativ, denn als Schiedsrichter hatte ich ja nichts falsch gemacht. Aber das ist lange her. Doch wie immer im Leben bleiben doch eher die schönen Dinge in Erinnerung.

Mehr vom Sport lesen Sie hier.

Pilotprojekt „Videoassistent“ startet

  • Wolfgang Stark

    engagiert sich künftig im Deutschen Fußballbund als Coach für die Schiedsrichter der 3. Liga und als Video-Assistent. Für dieses auf zwei Jahre angelegte Pilotprojekt hat die Regelkommission des Weltfußballverbandes Fifa im März 2016 grünes Licht gegeben. Nach einjähriger Testphase ist der Video-Assistent ab der neuen Saison in der 1. Bundesliga im Einsatz.

  • Dabei ist die Intervention

    des Video-Assistenten auf klare Schiedsrichterfehler in vier Bereichen beschränkt: · Torerzielung (Foul, Handspiel, Abseits und andere Regelwidrigkeiten im Vorfeld), Strafstoß, Rote Karte und Verwechslung eines Spielers.. Kein Eingriff erfolgt bei Ermessensentscheidungen des Schiedsrichters wie „falschem Einwurf“ und der Frage, ob der Ball geruht hat. (ra)

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht