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Samstagsinterview
Montag, 25. September 2017 20° 4

Fussball

Eine Liga, null Pyro, null Gewalt

BFV-Präsident Dr. Rainer Koch sieht im TSV 1860 München zusätzliche Attraktivität, aber auch neue Herausforderungen.
Von Andreas Allacher, MZ

„Das war ein perfekter Auftakt der Regionalliga Bayern. Eine wunderbare Atmosphäre dank toller Fans, eine herausragende Organisation des FC Memmingen, bestens aufgestellte Sicherheitskräfte und ein attraktives Spiel“, bilanzierte BFV-Präsident Rainer Koch über das Spiel des FC Memmingen gegen den TSV 1860 München. Foto: dpa

Regensburg. Der bayerische Amateurfußball startet in die Saison. Hat die Regionalliga mit der Rückkehr des TSV 1860 München nicht nur ein sportliches Highlight, sondern auch ein Sicherheitsproblem bekommen?

Die Regionalliga Bayern ist in dieser Saison so attraktiv wie nie zuvor. Für alle Vereine werden die beiden Spiele gegen die Löwen der Saisonhöhepunkt, darauf freut sich jeder Klub. Natürlich stehen wir in der neuen Spielzeit vor besonderen Herausforderungen. Durch die erhöhten Zuschauerzahlen bei 1860-Spielen müssen für mehr Spiele besondere Vorkehrungen in den Stadien getroffen werden. Wir stehen dazu in ganz engem Kontakt mit unseren Vereinen, der Polizei und den Behörden. Unsere gemeinsame Linie lautet seit jeher: null Pyro, null Gewalt. Wir sind die einzige Regionalliga, die seit Bestehen bei jedem Spiel einen Spieldelegierten hat, der unmittelbar vor Ort die Organisation begleitet. Zuversichtlich stimmt mich auch die Ankündigung der Löwen-Ultras, die alle Fans zu anständigem und respektvollem Verhalten aufgerufen haben. Das hat in Memmingen gut funktioniert.

Der FC Memmingen unterlag zum Regionalliga-Auftakt dem TSV 1860 München mit 1:4. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Der BFV legt im Zulassungsverfahren für die Regionalliga großen Wert auf die Sicherheit. Andererseits sind einige Stadien für einen Zuschaueransturm einfach zu klein. Wie gehen diese „kleinen“ Vereine mit dem Fall um, dass das Spiel ausverkauft ist und noch 1000 Löwen-Fans draußen stehen? Kann das „Heimspiel des Jahres“ in Seligenporten oder Buchbach auch zum „Reinfall des Jahres“ werden?

Vorweg: Gerade die kleinen Vereine wie zum Beispiel der FC Pipinsried haben in den letzten Wochen wahnsinnig viel gearbeitet, um bei sich Regionalliga-Fußball zu ermöglichen. Klar ist aber auch: Wir können die Stadien natürlich nicht in die Allianz-Arena umbauen. Ob in einem Ort letztendlich gespielt werden kann, entscheiden die lokalen Ordnungsbehörden und nicht der BFV. Diese Entscheidung kann und will ich ihnen auch nicht abnehmen. Was außerhalb der Stadien in den Spielorten passiert, ist Aufgabe der Sicherheitsbehörden in den Kommunen. Wenn ein Spiel ausverkauft ist und das klar kommuniziert wird, setze ich darauf, dass die Fans verstehen, dass es keinen Sinn macht, ohne Ticket nach Buchbach oder Seligenporten zu fahren. Viele Spiele werden ja auch live bei Sport1 übertragen und wir werden auch bei BFV.TV immer zeitnah berichten. Das ist doch ein schöner Service für alle Löwen-Anhänger.

Die Stadt München hat den Sechzigern „grünes Licht“ für die Nutzung des Grünwalder Stadions gegeben. Doch wer die Ambitionen des TSV 1860 und seiner Fans kennt, der weiß, dass es wohl nicht das Ziel des Vereins ist, langfristig in der Regionalliga zu verweilen. Schlägt sich 1860 mit dem Umzug ins Grünwalder Stadion nicht selbst die Tür für eine Rückkehr in den DFB-Bereich zu?

Nach dem, was mir die führenden Personen des TSV 1860 sagen, wäre ein Verbleib in der Allianz-Arena um ein Vielfaches teuer gewesen. Deshalb kann ich den Schritt nachvollziehen. Es geht bei den Löwen aktuell darum, wieder wirtschaftlich geordnete Verhältnisse und Prozesse herzustellen.

Mit dem TSV 1860 hat der BFV jetzt in seinem Zuständigkeitsbereich mit Hasan Ismaik auch einen Investor bekommen, der angeregt hat, gegen die 50+1-Regelung auf europäischer Ebene gerichtlich vorzugehen. Haben Sie hier nicht die Sorge, dass von Bayern aus eine Festung des Vereinssports in Bayern eingerissen wird?

Für mich ist das kein Thema des BFV. Mitglied im Bayerischen Fußball-Verband ist nicht die Kapitalgesellschaft, sondern der TSV 1860 e.V. und dieser akzeptiert als solches unsere Regularien. Sie müssten Herrn Ismaik fragen, auf was er klagen und wen er verklagen will.

Trotz seines finanziellen Engagements ist Hasan Ismaik bei vielen Löwen-Fans in der Beliebtheitsskala weit unten angesiedelt. Auch im Fanlager des SSV Jahn Regensburg regt sich Widerstand gegen den neuen Investor Philipp Schober. Wie steht der BFV zu Investoren, die in die Entscheidungen der Vereinsführung eingreifen können und wollen?

Ich stehe zur 50+1-Regel und bin absolut dafür, dass die zentralen Entscheidungen durch die eingetragenen Vereine getroffen werden. Einen Spielbetrieb, in dem wir Firmen-Meisterschaften austragen, halte ich nicht für wünschenswert. Ich bin aber kein Fußball-Romantiker, der die Augen vor der Realität verschließt. Moderner Fußball ist ohne Sponsoren und gerne auch ohne Investoren nicht möglich und auch nicht vorstellbar.

Beim SSV Jahn Regensburg sorgte nicht nur der Investorenwechsel, sondern vor allem der Abschied von Trainer Heiko Herrlich für Diskussionsstoff. Wie sehen Sie die Perspektiven des Zweitliga-Aufsteigers?

Der Jahn hat eine furiose Saison in der 3. Liga gespielt und ist verdient aufgestiegen. Ich traue den Regensburgern in jedem Fall den Klassenerhalt zu. Trainer Achim Beierlorzer brennt genauso für die Aufgabe wie zuvor Heiko Herrlich. Dass es nicht einfach wird, haben wir bei den Würzburger Kickers gesehen, die trotz starker Hinrunde leider abgestiegen sind. Man braucht einen langen Atem.

Dr. Rainer Koch – im Sport1-Interview mit Moderatorin Nele Schenker – ist seit dem Jahr 2004 BFV-Präsident, seit 2007 DFB-Vizepräsident und seit Mai in der FIFA-Governance-Kommission. Foto: DFB

Die Regionalliga Süd-West integriert eine chinesische Auswahl. Wie beurteilen Sie dies und hätte solch ein Projekt nicht auch Bayern gut zu Gesicht gestanden, wo doch die Staatsregierung um gute Kontakte zu China bemüht ist?

Hier möchte ich erst einmal klarstellen: Die chinesische U20-Auswahl wird nicht in die Regionalliga Südwest eingegliedert. Sie nimmt auch keinem Klub einen Startplatz in der Liga weg. Es geht um Freundschaftsspiele gegen den jeweils spielfreien Verein. Das finde ich eine gute Sache, von der beide Seiten profitieren. Die Klubs bleiben im Spielrhythmus, sie haben eine Zusatzeinnahme im fünfstelligen Bereich und bekommen viel Aufmerksamkeit. Für die chinesische U20-Nationalmannschaft sind die Spiele ein guter Test auf hohem Niveau. Und natürlich trägt die Kooperation auch zur Völkerverständigung bei. Wenn einzelne Klubs im Südwesten, wo die chinesische Mannschaft trainieren und leben wird, kein Interesse an einem Spiel haben, dann bin ich sicher, dass Vereine der Regionalliga Bayern an einem spielfreien Wochenende gerne einspringen werden.

Ist die Regionalliga Bayern das Erfolgsmodell geworden, das man sich von ihrer Einführung versprochen hat? Oder doch eine Drei-Klassen-Gesellschaft von aufstiegswilligen „Großen“, ambitionierten „Kleinen“, für die die höchste Amateurspielklasse gerade noch machbar ist, und wenig zuschauerträchtigen 2. Mannschaften der Bundesligisten?

Gerade dieser Mix macht die Regionalliga Bayern interessant. Und wir stellen jedes Jahr fest, dass die kleinen Amateurvereine den großen Klubs nach wie vor ein Bein stellen können. Jahn Regensburg hat das in der Aufstiegssaison beim 0:1 in Buchbach erlebt. Dank der Live-Übertragungen bei Sport1 bekommt die Liga bundesweit Aufmerksamkeit. Nie zuvor wurde so viel über die Regionalliga berichtet. Auch der DFB-Pokal-Startplatz für den bayerischen Amateurmeister steigert die Attraktivität. Mit Unterhaching hat inzwischen der dritte Verein aus Bayern den Sprung in die 3. Liga geschafft. Das spricht für die Qualität der Regionalliga Bayern.

Auch in den Bayern- und Landesligen rollt der Ball wieder. Dort erfolgt die Grenzziehung jährlich neu. Auf Bayernliga-Ebene fühlt sich der ASV Neumarkt mit der Verlagerung in den Süden arg benachteiligt.

Die Ligeneinteilung ist eine Herkules-Aufgabe, bei der man es nie allen Vereinen recht machen kann. Der Spielausschuss versucht, die Wünsche der Vereine bestmöglich zu berücksichtigen. Aber es gibt immer einzelne Härtefälle. Geografische und verkehrstechnische Gesichtspunkte spielen bei der Einteilung eine Rolle. Das Hauptkriterium sind aber die zu fahrenden Kilometer.

Welchen Wunsch haben Sie als BFV-Präsident ganz persönlich für die neue Saison im bayerischen Amateurfußball?

Ich wünsche mir natürlich eine spannende Saison mit vielen packenden Spielen von der C-Klasse bis zur Regionalliga Bayern. Und dass wir, Verband und Vereine gemeinsam weiter deutlich machen, wie attraktiv der Amateurfußball ist. Wir müssen unseren Sport auch in der digitalen Welt abbilden, um gerade junge Leute anzusprechen.

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