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Samstagsinterview
Montag, 25. September 2017 20° 4

Handball

Man ist nicht über Nacht ein Spitzenteam

Nach Test gegen Zwickau ziehen die neuen ESV-Trainer Stefan von Frankenberg und Ingo Gömmel eine Zwischenbilanz ihrer Arbeit.
Von Robert Torunsky, MZ

Stefan von Frankenberg und Ingo Gömmel (re.) haben zur neuen Saison die sportliche Verantwortung bei den Drittliga-Damen des ESV 1927 Regensburg übernommen. Foto: Brüssel

Regensburg.Es war der erste Auftritt der Drittliga-Handballerinnen des ESV 1927 Regensburg auf dem neuen Parkettboden der altehrwürdigen Sporthalle an der Dechbettener Brücke und zugleich der Einstand des neuen Trainergespanns Stefan von Frankenberg und Ingo Gömmel auf eigenem Boden. Und der glückte, denn die „Eisenbahnerinnen“, die mit Juniorinnennationalspielerin Franzi Peter (U19-EM) und Mirela Negrutiu-Chirila (Urlaub) auf die etatmäßige rechte Angriffsseite verzichten mussten, waren dem Zweitligisten BSV Sachsen Zwickau über 40 Minuten ein ebenbürtiger Gegner. Bis zum 7:7-Zwischenstand wechselte die Führung hin und her, und die zahlreichen Zuschauer erlebten Neuzugang Laura Brockschmidt dabei in Torlaune. Die 19-Jährige halblinke Rückraumspielerin, bis vor kurzem noch in der Bayernliga aktiv, erzielte fünf blitzsaubere Treffer aus dem Feld. Aber auch Brockschmidts Nebenleute überzeugten in Offensive und Defensive: Die 5:1-Abwehr machte einen guten Job gegen die körperlich überlegenen und mit den Erstligazugängen Petra Nagy (5 Tore) und Nadja Bolze (3) angetretenen Gäste, die sich erst in der Schlussphase des ersten Durchgangs auf den 15:13-Halbzeitstand aus Zwickaus Sicht absetzen konnten.

Im Testspiel gegen Zwickau hielt der ESV lange gut mit. Foto: Brüssel

Obwohl die Gastgeberinnen auch nach dem Seitenwechsel in vielen unterschiedlichen Formationen aufliefen, überzeugten sie. Wenige Minuten nach Wiederanpfiff lag der ESV durch entschlossene Abschlüsse und vier Tore in Serie sogar mit 18:17 in Führung. Bis zum 20:21-Zwischenstand konnten die Oberpfälzerinnen die Partie offen gestalten, dann ließen die Kräfte nach. Zwickau, bei denen die ehemalige Regensburgerin Stefanie Hopp (Schulterverletzung) nicht mitwirken konnte, nutzte nun seine Physis gnadenlos aus und traf hochprozentig. Regensburg ließ dagegen „acht bis zehn Hundertprozentige“ (von Frankenberg) liegen, der gut sechs Wochen vor Saisonstart aber „gut damit leben konnte“. Von Frankenberg und Gömmel zeigten sich nach dem 26:34-Endstand insgesamt sehr zufrieden und sahen ihr Team auf dem richtigen Weg. Die ESV-Tore warfen Brockschmidt 6, Weber 5/3, Rekorschik 4, Albescu, Bertuccini je 3, Fuhrmann, Vlachova je 2, Baumgardten 1/1.

Nach dem Test gegen Zwickau zogen die neuen ESV-Trainer Stefan von Frankenberg und Ingo Gömmel im Gespräch mit unserem Meideinhaus eine Zwischenbilanz ihrer Arbeit.

Stefan, Ihr leitet jetzt seit einem Monat das Training beim ESV 1927 Regensburg. Wie ist der erste Eindruck?

Stefan von Frankenberg: Sehr gut. Das Umfeld tut alles, um uns bestmöglich zu unterstützen und die Mädels ziehen im Training super mit.

Ihr habt am 29. Juni ja relativ spät mit der Vorbereitung angefangen. War das der Verlegung des neuen Hallenbodens in der ESV-Halle geschuldet?

Stefan von Frankenberg: Ja, vorher war kein Hallentraining möglich. Aber das ist nicht so schlimm, denn wir wollten, dass die Mädels nach der kräfte-, aber vor allem auch nervenaufreibenden Saison 2016/2017 ein wenig Abstand vom Handball gewinnen und ihre Akkus vollständig aufladen. Dadurch ist die Vorbereitungszeit in der Halle zwar knackig, aber dafür haben wir kaum urlaubsbedingte Fehlzeiten und können viermal die Woche effektiv trainieren. Und natürlich haben die Mädels in der handballfreien Zeit auch individuelle Trainingspläne bekommen.

Ingo, der Bereich Athletik-, Konditions- und Präventionstraining ist der Schwerpunkt Deiner Aufgabe als Co-Trainer. Ein wichtiger Bestandteil ist dabei die Zusammenarbeit mit Fitnessstudios. Wie zufrieden bist Du mit den Kooperationen, aber auch den bisherigen Ergebnissen?

Ingo Gömmel: Die Mädels trainieren mittwochs immer im RFZ Rückenzentrum und werden dabei von einem Physiotherapeuten oder einem Trainer überwacht. Diese Zusammenarbeit klappt hervorragend und trägt auch bereits die ersten Früchte. Die Regensburger Spielerinnen haben vor dem Hallentrainingsstart dort zusätzliche Trainingsmöglichkeiten gehabt, die Spielerinnen aus Franken haben in einem Fitnessstudio in Erlangen die Trainingspläne abgearbeitet.

Stichwort Trainingsaufwand: Ihr ward vor Eurem Engagement als ESV-Trainer beide immer Alphatiere, konntet aufgrund der Trainingsintensität in der 3. Liga Eure Zusage aber nur im Team geben. Wie klappt die Abstimmung?

Ingo Gömmel: Wir sind dank häufiger Telefonate und WhatsApp immer bestens informiert und stimmen uns aufeinander ab.

Stefan von Frankenberg: Das klappt bislang wirklich sehr gut und ich verlasse mich darauf, dass Ingo die Mädels fit für den Handball macht, den ich spielen lassen will und den die Mädels heute über 40 Minuten gegen Zwickau gezeigt haben.

Über 40 Minuten waren die ESV-Damen ein gleichweritiger Gegner. Foto: Brüssel

Gegen den Zweitligisten sah das ja über zwei Drittel der Partie sehr vielversprechend aus – und das obwohl mit Franzi Peter (Juniorinnen-EM) und Mirela Negrutiu-Chirilia (Urlaub) die etatmäßige rechte Angriffsseite gefehlt hat. War das der Handball, den Ihr sehen wollt?

Stefan von Frankenberg: Ja, natürlich. Wenn uns einer vor dem Anpfiff gesagt hätte, dass wir 40 Minuten ebenbürtig mit einem Zweitligisten sind, dann hätten wir das sofort unterschrieben. Die Ausfälle sind ohnehin nicht das Thema und werden auch nie eins sein. Wir trainieren 14 Mädels und jede muss individuell stark sein, jede muss sich die Chancen nehmen und etwas zutrauen. Und dann funktioniertn das auch. Aber wenn man so eine intensive Abwehr spielt, ist gerade zu dem frühen Zeitpunkt der Vorbereitung klar, dass irgendwann gegen einen höherklassigen Gegner die Kräfte ausgehen.

Die Abwehr ist ja eins Deiner Steckenpferde, Ingo. Welche Formation habt Ihr spielen lassen?

Ingo Gömmel: Ganz offiziell ist es eine 5:1-Deckung, die aber sehr variabel gespielt wird. Mal deckt die vorgezogene Abwehrspielerin auch eine Gegenspielerin eng, mal geht es in eine 3:2:1-Formation mit drei offensiven Verteidigern über. Aber die Grundzuordnung ist 5:1, und die wird dann taktisch auf den jeweiligen Gegner und seine Stärken angepasst. Alles ist auf Ballgewinn ausgelegt.

War die Leistung gegen Zwickau eine Steigerung gegenüber dem Turnier in Echterdingen am vergangenen Wochenende?

Stefan von Frankenberg: Das war um Klassen besser. Es ist halt ein Unterschied, ob man ein Turnier oder ein reguläres Spiel spielt. Bei einem Turnier hat man zwischen den Spielen immer längere Wartezeiten und in der verkürzten Spielzeit als Aktiver auch nicht so lange die Möglichkeit, seinen Rhythmus zu finden. Dazu hatten wir am Vortag auch hart trainiert. Das Turnier war ganz klassisch für die Teambuilding und jetzt ging es mehr um die handballerischen Feinheiten. Das Spiel heute gibt den Spielerinnen – und uns natürlich auch – die nötige Sicherheit, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Das Turnier scheint sein Ziel aber auch nicht verfehlt zu haben: Die Neuzugänge Franziska Ruzicka, Julia Drachsler und Laura Brockschmidt wirken schon sehr gut integriert.

Stefan von Frankenberg: Ja, das ist so. Sie fühlen sich auch alle wohl. Ich fahre ja immer mit den fränkischen Mädels im Auto und die haben den Eindruck, als ob sie schon mehrere Jahre beim ESV spielen würden. Besser geht es eigentlich nicht.

Die beiden neuen ESV-Trainer

  • Stefan von Frankenberg

    trainierte in der Saison 2016/017 den Männer-Bezirksoberligisten MTV Stadeln, der ungeschlagen (19 Siege, 3 Unentschieden) die Bezirksoberliga Mittelfranken gewann und den Aufstieg in die Landesliga schaffte. Der als Leitender Angestellter im Direktvertrieb arbeitende 45-Jährige spielte als Aktiver in der Bayern- und süddeutschen Auswahl bei der CSG Erlangen. „Nach zwei Kreuzbandrissen mit 18 und 19 Jahren war es mit Leistungshandball aber schnell vorbei“, sagte von Frankenberg, der deshalb frühzeitig seine Trainerkarriere vorantrieb. Seine Stationen im Damenbereich waren unter anderen der HC Erlangen (Aufstieg in die Bayernliga), HC Sulzbach (Bayernliga) und TuSpo Fürth (Aufstieg in die Landesliga). Dazu war der zweifache Familienvater als Torwarttrainer bei HG Fürth in der 2. Bundesliga aktiv und drei Jahre lang BHV-Trainer im männlichen Bereich im Bezirk Oberfranken. Das Engagement beim Drittligisten ESV ist für den B-Lizenz-Inhaber die bislang höchste Liga als verantwortlicher Coach und deshalb eine „sehr reizvolle Aufgabe“, so von Frankenberg).

  • Ingo Gömmel

    , als Spieler bis hoch zur 2. Bundesliga aktiv, war bereits Co-Trainer beim TV 1860 Fürth in der 3. Liga, trainierte als Verantwortlicher aber auch die Damen-Bayernligisten HC Erlangen und HG Zirndorf sowie Männerteams ab der Landesliga wie den HC Sulzbach und den TSV 2000 Rothenburg. Der 47-jährige zweifache Familienvater fungierte viele Jahre als Trainer für den Bayerischen Handball-Verband und verfügt über gute Kontakte zum Deutschen Handballbund. Der A-Lizenz-Inhaber will seine Kompetenz vornehmlich im Athletik-und Schnelligkeits-, aber auch im Abwehrbereich einbringen.

Mit Ines Flesch, die 15 Jahre den ESV-Kasten hütete und ihre Karriere beendet hat, steht eine Ikone nicht mehr zur Verfügung. Sehr Ihr Euch mit Chiara Zellner und Franzi Ruzicka trotzdem gut aufgestellt?

Stefan von Frankenberg: Ja, auf jeden Fall. Kiki und Franzi kommen auch super miteinander aus. Wir haben am Dienstag auf zwei Tore gespielt und beide haben die Kiste so richtig zugenagelt und sich gegenseitig zu Höchstleistungen hochgeschaukelt. Das hat viel Spaß gemacht.

Ingo Gömmel: Gegen Zwickau hat das auch gut geklappt, auch wenn man so ein Testspiel insgesamt nie überbewerten darf. Aber es war in allen Bereichen eine wichtige Momentaufnahme, keine Frage.

Auch am Kreis musstet Ihr komplett umbauen, da mit Lisa Haberkorn und Doro Mooser beide Kreisläuferinnen der vergangenen Saison berufsbedingt nicht zur Verfügung stehen. Heute haben dort Neuzugang Julia Drachsler gespielt und Mariella Bertucchini, die bislang auf den Außenpositionen zu finden waren. Sind das die ersten Optionen?

Stefan von Frankennberg: Das sind keine Optionen, das weden wir so durchziehen. Wir haben da auch keine Alternativen. Mariella ist die Spielerin aus dem Kader, die das annimmt und sagt: „Mach ich“. Sie bringt auch die körperlichen Voraussetzungen für diese Position mit und ist zudem eine komplett unterschiedliche Spielerin als ihre Positionspartnerin. Julia ist mit 1,93 Meter eine sehr groß gewachsene Spielerin, die man einfach mal im zweiten Stock anspielen kann.

Eine Spielerin, die immer ein gutes Auge für den Kreis hatte, ist Nikola Kubesova. Kehrt sie nach ihrer Babypause zurück?

Ingo Gömmel: Wir haben sie eingeladen, aber bisher war sie nocht nicht da. Und Nikola müsste natürlich ihren Trainingsrückstand aufholen. Bei dem jungen Kader, den wir haben, muss sie natürlich schauen, ob sie den Anforderungen, die wir in allen Trainingsformen an die Spielerinnen stellen, auch gerecht werden kann. Aber ihr Pass ist noch in Regensburg und sie wäre im Fall des Falles natürlich eine gute Alternative.

Testspiele bedeutet auch den Kampf um Stammplätze. Foto: Brüssel

Mit Franzi Peter ist eine der begehrtesten Spielerinnen Deutschlands bei ihrem Heimatverein geblieben, was Abteilungsleiter Dieter Müller als „Sechser im Lotto“ bezeichnet. War ihr Verbleib auch entscheidend für Eure Zusage?

Stefan von Frankenberg: Nein, denn die Antwort hat die Mannschaft heute gegeben. Wir haben ohne Mirela und sie über weite Strecken ein Bombenspiel abgeliefert. Wir könnten im Falle einer Verletzung ja auch nicht den Spielbetrieb einstellen. Aber selbstverständlich ist Franzi ist eine sehr wichtige Spielerin, aber nicht mehr und natürlich auch nicht weniger.

Ingo Gömmel: Das sieht Franzi übrigens selbst genau so. Franzi ist eine absolute Mannschaftsspielerin und man darf ihr auch nicht zu viel aufbürden, schließlich ist sie immer noch eine 18-Jährige. Auch sie braucht ihre Pausen und wird sie auch bekommen. Aber nichtsdestrotz freuen wir uns natürlich sehr, eine Spielerin im Kader zu haben, die beim ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Juniorinnen-EM erfolgreichste Werferin war und zur besten Spielerin der Partie gewählt wurde.

Ist die Personalplanung abgeschlossen?

Ingo Gömmel: Wir haben alle Positionen doppelt besetzt und sind zufrieden mit unserem Kader.

Stefan von Frankenberg: Gucken wir tun nicht, aber wenn Mitte August noch eine Nationalspielerin in Regensburg einen Studienplatz bekommt, dann sagen wir natürlich nicht nein.

Wie ist Eure Zielsetzung für die Saison, die am 16. September mit dem Heimspiel gegen Aufsteiger TSG Ketsch II beginnt?

Stefan von Frankenberg: Wir haben nicht den Druck, dass wir unter die ersten Drei kommen zu müssen. Wir wollen eine möglichst gute Runde spielen und wenn wir es schaffen, dass wir bis Weihnachten einen gefestigten Platz haben, dann ist der Kopf frei und es geht auch was. Aber man darf nicht vergessen, dass der ESV vergangene Saison der beste Nichtabsteiger war und man nicht über Nacht zum Spitzenteam wird.

Ingo Gömmel: Die Gegner sind auch schwer einzuschätzen. Gerade die zweiten Mannschaften, deren Aufgebot sich immer nach dem Spielplan ihrer Bundesliga-Teams richtet. Wir wollen nach Möglichkeit nichts mit dem Abstieg zu tun haben und alles Weitere ist hübsches, aber hart erarbeitetes Beiwerk.

Neben dem regulären Training ist der nächste Höhepüunkt der Vorbereitung ein Trainingstag in Roßtal am 12. August. Was steht dort auf dem Programm?

Ingo Gömmel: Vier Trainigseinheiten, dort werden wir nochmal ganz individuell mit den Spielerinnen arbeiten. Im Prinzip sind es vier verschiedene Trainer, denn wir wollen immer auch über den Tellerrand rausschauen. Ein Aerobic-, ein Leichtathletik- und ein Lauftrainer und am Ende darf ich einen Part übernehmen, der die Mädels nochmal so richtig fordern wird (lacht).

Stefan von Frankenberg: Und ich komm zum Mittagessen vorbei (lacht).

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