mz_logo

Samstagsinterview
Freitag, 19. Januar 2018 5

Sportmedizin

„PECH“ ist im Fußball sehr hilfreich

Der Orthopäde Prof. Tobias Renkawitz wird für das Konzept „Verletzungsfrei: Spitzenmedizin im Amateurfußball“ ausgezeichnet.
Von Heinz Gläser

Verletzungen im Amateurfußball: Allzu oft müssen Kicker wegen Blessuren passen. Dabei lässt sich in Bezug auf die Vorbeugung und optimale Behandlung vieles tun. Foto: Franz/Eibner Pressefoto,

Regensburg.Herr Prof. Renkawitz, Sie wurden beim Landesfinale der „Sterne des Sports“ vom Deutschen Olympischen Sportbund zusammen mit dem TSV Bad Abbach für Ihr Programm „Spitzenmedizin im Amateurfußball“ ausgezeichnet. Was steckt hinter Ihrem Konzept?

Auch hier in der Region wird toller Amateurfußball gespielt, von den unteren Spielklassen bis hoch zur Regionalliga. In Bayern finden Woche für Woche rund 15 000 Amateurfußballspiele statt. Allerdings gibt es dabei auch jedes Wochenende eine nicht unerhebliche Zahl von Verletzungen. Hier wollte ich als Orthopäde unbedingt etwas dagegen tun und habe vor drei Jahren die Initiative „Spitzenmedizin im Amateurfußball“ ins Leben gerufen. Mein Ziel ist es, den Spielern, aber auch den Trainern und den ehrenamtlich tätigen Betreuern ein einfaches Konzept an die Hand zu geben, das für jedermann leicht umsetzbar ist.

Sie sind auch als Konsiliararzt in der Fußball-Bundesliga gefragt. Woher kommt die Liebe zum Amateursport?

Prof. Dr. Tobias Renkawitz

In der Bundesliga sportmedizinisch zu arbeiten, hat für mich natürlich eine besondere Faszination. Ich behandle aber schon seit Jahren aus Überzeugung hochklassige Amateurspieler und engagiere mich ehrenamtlich zusammen mit meinen Kollegen Dr. Michael Worlicek und Dr. Florian Völlner als Mannschaftsarzt in meiner Heimatgemeinde beim Landesligisten TSV Bad Abbach. Wir können natürlich nicht alles aus dem Spitzenfußball übernehmen, aber den Amateurvereinen doch einzelne Bausteine für eine optimale Betreuung ihrer Spieler zur Verfügung stellen. Dabei geht es um ganz einfache Dinge. Was verändere ich im Training, um die klassischen Verletzungen im Fußball möglichst zu vermeiden? Was tue ich im Fall einer Verletzung?

Wir reden hier über Trainingseinheiten und Spiele im Amateurfußball, bei denen in der Regel kein Arzt und oftmals auch kein Physiotherapeut dabei sind. Was also kann der Laie tun?

Ein einfaches Beispiel: Ein Spieler spürt eine Verhärtung und klagt über muskuläre Beschwerden. Dann ist es aus sportmedizinischer Sicht sehr wichtig, dass sowohl die Spieler selbst als auch die Trainer und Betreuer zu einem gewissen Grad geschult sind und die Situation richtig beurteilen können. Was gibt es für Warnsignale und wie deute ich diese? Liegt lediglich eine Überdehnung vor oder schon eine strukturelle Schädigung der Muskelstruktur, ein Faser- oder gar Bündelriss? Muss ich den Spieler sofort auswechseln? Wenn der Spieler und das Trainerteam hier eine falsche Entscheidung treffen, drohen eine Verschlimmerung und eine längere Ausfallzeit.

Wie reagiere ich richtig?

Wenn eine strukturelle Verletzung des Muskels vorliegt, sind die Erstmaßnahmen essenziell. Dabei kann man vieles falsch machen, obwohl es ganz einfach ist. Oder man macht es eben richtig: Was in der ersten Stunde nach der Verletzung passiert, erleichtert es uns im Team aus Sportmedizinern und -physiotherapeuten, den Spieler anschließend richtig zu behandeln und ihn schnell wieder fit zu machen.

Zur Person: Prof. Dr. Tobias Renkawitz

  • Der gebürtige Regensburger

    ist leitender Oberarzt der Orthopädischen Klinik für die Uni Regensburg im Asklepios Zentrum Bad Abbach. Renkawitz studierte Humanmedizin in Regensburg, den USA und der Schweiz. Mit der Auszeichnung „Sterne des Sports“ würdigt der Deutsche Olympische Sportbund seit 2004 vorbildliches ehrenamtliches Engagement.

  • Für seine Forschungsarbeiten

    erhielt der 41-jährige Gelenkspezialist Renkawitz den Oskar Medizin-Preis, den höchstdotierten Wissenschaftspreis in Deutschland. Seine Ausbildung führte ihn unter anderem an Universitäten und Exzellenz-Zentren in Kanada, England und Skandinavien. Seit 2011 lehrt der Orthopäde und Sportmediziner an der Uni Regensburg.

Was sollten sich Trainer oder Betreuer für diesen Fall einprägen?

Das Schlagwort lautet „PECH“. P wie Pause: den Spieler rausnehmen, ihn nicht weiterspielen lassen. Dann E wie Eis. Aber ich meine nicht den früher leider mal üblichen exzessiven Einsatz von Eisspray, bis es zu einer Hauterfrierung kommt. Das wäre genau falsch. Deswegen empfehle ich eine Technik, die Klaus Eder, der Physiotherapeut der deutschen Nationalmannschaft, zusammen mit seinem Team aus Donaustauf entwickelt hat. Dazu wird in einer Kühlbox Wasser mit Eiswürfeln vermischt. Mit diesem Eiswasser tränkt man dünne, handelsübliche Schaumstoffschwämme und bringt diese mit einer Binde und einem gewissen Druck auf der verletzten Stelle an. Das Eiswasser hat man zudem in einer Flasche parat und hält die verletzte Stelle durch äußeres Nachfeuchten der Binde in den ersten rund 30 Minuten kühl.

Wie geht es weiter mit „PECH“?

Damit sind wir beim C – Compression oder Druck. Der Bluterguss sollte sich möglichst im Muskel nicht so weit ausdehnen, und diesem Ziel dient auch das H: hoch lagern! Wie häufig sehen wir den Klassiker! Der angeschlagene Spieler verlässt den Platz, kriegt ein bisschen Eisspray und verschwindet schnell in der Kabine, um als erster unter der Dusche zu stehen. Dabei geht es in dieser wichtigen frühen Verletzungsphase immer noch darum, einen möglichen Bluterguss im Muskel einzudämmen. Darum sollte man das verletzte Bein für 20 Minuten etwas hochlegen, und sei es nur auf eine Kühlbox. Mit „PECH“ lässt sich in den ersten 30 bis 60 Minuten nach der Verletzung die Therapie optimal einleiten.

Das klingt auch für medizinische Laien total einfach...

...und ist es auch! Eiswasser kostet praktisch nichts und ist leicht herzustellen. Eine elastische Binde dazu – fertig! Bei ernsthaften Verletzungen übernimmt dann ein erfahrener Sportmediziner die weitere Abklärung. Ich begegne auf den Fußballplätzen vielen passionierten Betreuern. Diese Ehrenamtlichen nehmen das Konzept auf, sie sind richtig wissbegierig. Dann übt man das gemeinsam: Wie lege ich einen Kälteverband an? Wie viel Druck braucht es?

Beratung und Wettkampfbetreuung sind zwei der drei Bausteine Ihres Konzepts. Der dritte Baustein ist das Training. Wie können Spieler und Trainer in den Übungseinheiten Verletzungen vorbeugen?

Ganz allgemein lassen sich vier zentrale Risikofaktoren für Verletzungen benennen. Dabei sprechen wir von Überlastung oder Ermüdung nach zu intensivem Training oder zu vielen Wettkämpfen in kurzen zeitlichen Abständen ohne aktive Regeneration. Zweitens spielen Infektionen eine Rolle. Geht der Spieler mit Fieber oder einer Grippe in ein Match, kann das seine muskuläre Situation beeinträchtigen. Ganz wichtig sind drittens frühere Verletzungen. Ein Beispiel: Sie hatten bereits eine Kreuzbandverletzung, dann steigt das Risiko, sich auch am anderen Knie eine Kreuzbandverletzung zuzuziehen, um 20 Prozent.

Und der vierte Faktor?

Das sind gefährdende Bewegungsmuster, und deswegen ist das ein wichtiger Punkt in der Aufklärung und Vorbeugung. Mit speziellen Lauf- und Sprungübungen lässt sich das im Training korrigieren. Viele Kreuzbandverletzungen passieren beispielsweise, wenn das Knie nach innen wegknickt, wie häufig nach einem Kopfball beim Landen. Will ein Trainer herausfinden, ob sein Spieler dafür gefährdet ist, macht er einen einfachen Test. Er lässt ihn von einer kleinen Erhöhung springen, macht bei der Landung mit dem Smartphone ein Zeitlupenvideo und analysiert die Stellung der Beine. Knie und Hüfte in einer Achse bedeutet: alles okay! Wenn die Knie allerdings beim Landen in eine X-Bein-Stellung geraten, liegt ein erhöhtes Risiko für eine Kreuzbandverletzung vor.

Und was dann?

Ursächlich könnte in diesem Fall nicht die Muskulatur des Kniegelenks, sondern die seitliche Muskulatur der Hüfte sein, speziell jene, die die Hüfte abspreizt. Ist diese zu schwach, fehlt die muskuläre Führung im Kniegelenk bei der Landung. Genau da setzt man mit der Prophylaxe an. Dafür gibt es einfache Übungen im Training. Für die Abspreizmuskulatur beispielsweise der klassische Seitstütz, und man hebt das obere Bein ab. Das kennt jeder, dafür ist im Training nicht mal ein Hilfsmittel erforderlich. Sie sehen, worauf ich hinaus will: Das sind einfache Übungen, die jeder ausführen kann. Man muss es nur wissen und in diesem Konzept ein bisschen geschult sein.

Müssen Sie in den Amateurvereinen trotzdem noch viel Überzeugungsarbeit leisten?

Unser Konzept und die Zusammenarbeit mit dem TSV sind eine Erfolgsgeschichte. Die Auszeichnung „Sterne des Sports“ gebührt deshalb dem gesamten Verein, das Preisgeld fließt zu 100% in die Jugendarbeit des TSV Bad Abbach. Alle Trainer haben schnell erkannt, dass es keine verlorene Zeit ist, wenn sie so ein funktionelles Konzept 20 Minuten ins Training integrieren. Wenn auch nur bei einem Spieler dadurch eine schwere Verletzung vermieden wird, hat sich mein ehrenamtliches Engagement bereits gelohnt.

Mehr aus dem Sport lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht