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Donnerstag, 23. November 2017 10° 3

Interview

Seidl: Vier bis fünf Kilo müssen weg

Der Olympia-Judoka aus Abensberg spricht mit MZ-Sportredakteur Heinz Gläser über die WM – und das berüchtigte Abkochen.
Von Heinz Gläser, MZ

In Aktion: Sebastian Seidl (oben) bei den Europaspielen in Baku im Kampf gegen Sergiu Oleinic (Portugal) Foto: dpa

Herr Seidl, am Dienstag steht bei der Judo-WM in Budapest Ihr erster Kampf auf dem Programm. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in diese Titelkämpfe?

Wird sind im nacholympischen Jahr. Der Druck ist relativ gering. Es geht nicht um Punkte für die Olympia-Qualifikation, daher steht nicht so viel auf dem Spiel wie nächstes Jahr oder 2019. Ich habe den Kopf völlig frei, kann frei drauflos kämpfen.

Aber gewisse Erwartungen an die WM haben Sie schon, oder?

Ein bisschen was erwarte ich schon von mir, klar. Ich will nur sagen, dass es kein Beinbruch wäre, wenn diesmal nicht das Resultat herausspringt, das ich mir insgeheim erhoffe.

Verraten Sie uns diese „insgeheimen“ Gedanken?

Bei einer WM vorne mitzumischen, ist immer eine schöne Sache. Ich werde versuchen, unter die ersten sieben zu kommen. Rang drei bis sieben, das ist angesichts meiner Verletzungsvorgeschichte wohl ein realistisches Ziel. Alles andere wäre zu hoch angesetzt.

Sie sprechen Ihre Blessuren an. War es für Sie diesbezüglich ein Seuchenjahr, wie man im Sport so gerne sagt?

Ich nenne es ein Krisenjahr. Nach den Spielen 2016 in Rio de Janeiro hab’ ich pausiert und meine Ausbildung zum Polizeimeister beendet. Mittlerweile bin ich sogar schon zum Polizeiobermeister befördert worden...

Glückwunsch!

Ja, beruflich lief’s super. Sportlich ging dagegen fast alles schief. Im Februar habe ich mir bei einem Trainingslager in Düsseldorf das Syndesmoseband im rechten Fuß gerissen – Operation und drei Monate Pause. Danach habe ich mich im Trainingslager in Brasilien an der Bizepssehne verletzt – eine Entzündung, nichts Dramatisches, aber wieder drei Wochen Pause. Dann kam der Europacup in Saarbrücken, und der lief plötzlich überragend, viel besser als erhofft. Der Sieg dort war wichtig für den Kopf. Er gibt den nötigen Rückhalt. So ein Erfolgserlebnis stärkt einen total. Deswegen fahre ich mit einem guten Gefühl zur WM.

Der Europacup in Saarbrücken war stark besetzt, aber kein Grand-Prix-Turnier, wie Sie vor Rio viele bestritten hatten. Wäre es rückblickend eventuell besser gewesen, auch vor Olympia bei kleineren Turnieren Wettkampfpraxis zu sammeln?

Da mag was dran sein. Ihre Aussage ist nicht so weit hergeholt. In jedem Sport spielt der Kopf eine Riesenrolle, und mit Erfolgen im Rücken kämpft es sich leichter. Deswegen hat unser neuer Bundestrainer Lorenz Trautmann angekündigt, die Vorbereitung auf die Spiele 2020 in Tokio ähnlich zu gestalten wie in diesem Jahr. Das wäre ganz in meinem Sinne. Dieses Jahr war zwar auch stressig, aber ich fühle mich fit, es geht mir gut.

Hören wir da Kritik an der Vorbereitung auf Rio heraus?

Ich will keine Kritik am Judo-Bund oder am damaligen Bundestrainer Detlef Ultsch üben. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ich hatte nach Rio viel Zeit zum Nachdenken. Wahrscheinlich wären für mich ein individuellerer Trainingsplan oder eine andere Marschroute günstiger gewesen. Aber ich schaue nach vorne. Ich stelle mich jetzt wieder drei Jahre auf die Judomatte.

Das Ziel ist also ganz klar Tokio?

Ja. Ich nehme mir Tokio vor, aber dieses Ziel ist alles andere als selbstverständlich. Die Konkurrenz wird stärker – international, aber auch national. Die Olympia-Quali zu schaffen, ist ein Riesen-Akt. Gut, letztes Mal war es vergleichsweise easy für mich. Diesmal wird’s sicher härter. Aber wenn mich keine Verletzung bremst, werde ich alles für das Ziel Tokio geben.

Dabei erwächst Ihnen in Manuel Scheibl beim TSV Abensberg in der Kategorie bis 66 Kilogramm sogar starke Konkurrenz im eigenen Stall...

Auf jeden Fall! Aber ich sehe in Manuel nicht den Konkurrenten, sondern den guten Kumpel seit Kindertagen und den ständigen Trainingspartner in München. Wir treiben uns gegenseitig an, wir pushen uns nach vorne. Manuel hat gerade erst bei der Universiade als Fünfter ein klasse Ergebnis verbucht. Das kommt nicht von ungefähr. Ich sage mir: Man kann nicht immer der Beste sein. Und wenn ich Olympia jemandem anderes gönnen würde, dann wäre es Manuel!

Der TSV Abensberg hatte vor Rio Aufsehen erregt, als er sich als Judo-Rekordmeister vorübergehend aus der Bundesliga zurückzog, um seinen Olympia-Kandidaten eine optimale Vorbereitung zu ermöglichen. Wünschen Sie sich das auch vor Tokio?

Ich bin dem Verein sehr dankbar für die Unterstützung. Ob es für mich persönlich der richtige Weg war, kann ich schwer beurteilen. Dafür stand ich in Rio zu kurz auf der Matte. (lacht) Es wäre wohl gut, in der Vorbereitung auch in der Bundesliga zu kämpfen, ohne insgesamt zu viele Wettkämpfe ins Olympia-Jahr reinzupacken. Sonst sind wir – oder speziell ich – wieder an dem Punkt wie vor Rio: irgendwann ungemein geschlaucht, weil ich ja für meine Kategorie dauernd extrem Gewicht reduzieren muss. Wir müssen einen Mittelweg finden. Und der funktioniert meines Erachtens auch, ohne den TSV wieder aus der Bundesliga zurückzuziehen.

Apropos Abensberg: Wie oft sehen wir sie denn in dieser Saison im Einsatz für die Niederbayern?

Einen Bundesliga-Kampf hab’ ich ja heuer schon bestritten. Wenn keine Verletzung dazwischenkommt, dann bin ich im Viertelfinale um die deutsche Mannschaftsmeisterschaft im September dabei. Das ist der Plan.

Sie haben das berüchtigte „Abkochen“, also die Gewichtsreduzierung vor Wettkämpfen, schon angesprochen. Wie sieht es denn aktuell aus?

Ich habe erst am Mittwoch damit begonnen. Und ich hab’ mich in den vergangenen Wochen eigens nicht auf die Waage gestellt, sonst plagt mich das schlechte Gewissen.

Aber Sie haben es doch im Gefühl, wie viel noch runter muss, oder?

Wenn ich schätzen müsste, sind’s zwischen vier und fünf Kilo.

Und wie kommen die weg? In der Sauna?

Nein, eher im Training. Viel trainieren, dick anziehen, viel schwitzen – und dabei möglichst wenig trinken.

Mit Verlaub: Ihrer Freundin gehen Ihre „Diäten“ gewiss auf die Nerven, oder?

Wir sind seit fast sechs Jahren zusammen und haben im April in München eine gemeinsame Wohnung bezogen. Was das Kochen und die Ernährung angeht, ist es bei uns kein Thema. Sie ist selbst Leistungssportlerin (die deutsche Spitzen-Judoka Johanna Müller/d. Red.) und kennt das Prozedere mit dem Abkochen bestens.

Also kocht der Haushalt Müller-Seidl auf Sparflamme?

(lacht) Kann man so sagen. Johanna ist sehr ernährungsbewusst – und ich schließe mich dem halt einfach an.

Sebastian, Sie haben Ihre Karriere im Polizeidienst erwähnt. War Polizist immer Ihr Berufswunsch?

Schon als Kind. Ich hab’ zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Spitzensport bei der bayerischen Polizei ist das Beste, was mir beruflich passieren konnte. Ich kann die Ausbildung nur in den höchsten Tönen loben und anderen Sportlern empfehlen.

Sind Sie denn angesichts ihrer großen sportlichen Beanspruchung fit für den „normalen“ Polizeidienst?

Ich bin bei der Bereitschaftspolizei in Dachau. Wir sind gerüstet für den Einsatz auf der Straße. Im September trete ich ein achtwöchiges Praktikum in Germering an, um den Bezug zum täglichen Dienst nicht zu verlieren.

Hat der Polizist und Olympia-Judoka Sebastian Seidl schon mal einen Ganoven ordentlich in den Schwitzkasten genommen?

(lacht) Nein. Dazu ist es Gott sei Dank noch nicht gekommen. Aber natürlich gehört Selbstverteidigung zur Ausbildung. Und ich denke, es gibt schlechtere Sportarten als Judo, wenn man Polizist werden will.

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