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Samstagsinterview
Montag, 25. September 2017 20° 4

Eishockey

Sieben Jahre für 100 Spiele in der NHL

Der Ex-Regensburger Korbinian Holzer ist einer der Deutschen in berühmten Liga – und zäh. Vielleicht, weil er Löwen-Fan ist?
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

  • Das macht Korbinian Holzer (rechts) am allerliebsten: jubeln im Trikot der Anaheim Ducks (hier über eines seiner vier NHL-Tore) und am besten irgendwann über den Stanley-Cup-Sieg. Foto: Imago
  • Beim VKKK-Benefizkick war Korbinian Holzer erstmals seit Jahren wieder in Regensburg: Der Löwen-Fan spielte früher selbst Fußball. Foto: Brüssel

Regensburg. Wenn jemand gerade in der großen NHL spielt und der hiesige Verein in der Oberliga, dann lässt sich das Gespräch trefflich mit der Frage eröffnen, ob jemals noch eine Chance besteht, einen Korbinian Holzer wieder in Regensburg spielen zu sehen?

Ich sage immer, man soll niemals nie sagen. Mir hat es damals in Regensburg gut gefallen und man weiß nie, was passiert. Ich habe jetzt noch zwei Jahre Vertrag in Anaheim und dann gilt es wieder zu schauen, wie viel Sinn es noch drüben macht oder ob es nach Deutschland oder Europa wegen der Familie geht. Aber wenn es in Regensburg auch sportlich Sinn machen würde, ist es immer eine Option.

Der Name Holzer wurde in Deutschland schon diesen Sommer gehandelt: Vor allem in München. Da war nichts dran?

Richtig konkret ist das nie geworden, weil ich schnell gesagt habe, dass ich wieder rübergehe und die Gespräche mit Anaheim gleich nach der Saison gut waren. Es war nur die Frage, welche Rolle ich wo spiele. Ob ich woanders als Anaheim hingegangen wäre, ist schwer zu sagen – alleine wegen der Umstellung für die Familie. Denn in Anaheim passt alles komplett: Das Team ist super, meiner Familie und mir gefällt es hervorragend.

Ein Korbinian Holzer ist sowieso niemand, der seine NHL-Einsätze geschenkt bekommen hat. 119 NHL-Spiele lassen sich schneller zusammenbekommen.

Ich habe lange gebraucht, sieben Jahre. In Toronto war es schon immer ein Kampf. Irgendwo hat etwas nicht funktioniert. Ich habe keine Ahnung, was es war.

Sie waren geduldig.

Ich bin ein Spieler, der jedes Spiel solide spielt, aber halt nichts Herausragendes macht. Ich spiele mein Spiel und auf mich kann man sich verlassen. Vielleicht war das manchem Trainer nicht genug. Aber es war immer soviel Wertschätzung da, dass sie wieder und wieder verlängert haben. Als der Umbruch kam, der Vertrag auslief und wir eine schlechte Saison in Toronto hatten, hatte ich schon die Befürchtung, dass ich wahrscheinlich getraded werde. Aber ich habe mich in Anaheim von Anfang an zu Hause gefühlt. Nach dem Wechsel leider im ersten Jahr kein einziges Spiel mehr gemacht, aber auch wieder nur positives Feedback gekriegt.

Lesen Sie hier, wie Korbinian Holzer beim VKKK-Benefizturnier für das MZ-Team kickze und mithalf, 30 000 Euro zu erspielen.

Das macht es nicht leichter.

Wenn du fragst, was du besser machen kannst und der Trainer sagt: „Ich kann dir kein Video zeigen, du machst alles richtig, mach einfach so weiter“, ist das schon frustrierend. Aber speziell in Anaheim hatten wir vergangene Saison zehn Verteidiger, von denen alle bei allen anderen Teams wahrscheinlich in den Top sechs der Verteidigung gewesen wären. Da spielen viele Faktoren eine Rolle und es ist auch ein bisschen Politik. Ich bin froh, dass ich die Spiele gemacht habe, die ich gemacht habe. Und es kommen ja hoffentlich noch ein paar dazu.

Da schwingt Stolz mit.

Hätte mir einer vor sieben, acht oder 20, 25 Jahren gesagt, du machst 119 NHL-Spiele plus x, hätte ich sofort unterschrieben. Nach sieben Jahren endlich das 100. zu machen, war für mich ein Meilenstein, auch wenn es letztlich ein Spiel wie jedes andere war.

Nie die Schnauze voll gehabt vom Hin- und Her-Geschubse?

Natürlich gibt es da Tage, da möchtest du alles hinschmeißen. Ich habe mich die ersten zwei, drei Jahre aufgeregt. Ich habe irgendwann gelernt, das zu kontrollieren, was du selbst kontrollieren kannst und das ist die eigene Leistung auf dem Eis – und abseits davon. Wenn du jeden Tag in die Kabine kommst und die Schnauze voll hast, wenn du nicht spielst, wird es eine lange Saison. Klar würde ich am liebsten jedes Spiel machen. Bei mir war es öfter mal so, dass ich vier, fünf Wochen nicht gespielt habe und dann einen Superauftritt hatte. Da hat der Trainer gesagt: „Es gibt nichts Besseres als einen wie dich, weil du ewig draußen bist und trotzdem gut spielst.“

Ist es gewagt, wenn man sagt: Solche sieben Jahre in Nordamerika zählen doppelt in der Entwicklung – sowohl als Eishockeyspieler wie auch als Mensch?

Ich weiß nicht, ob es gleich doppelt ist. Aber jemand hat mich gefragt, ob ich das noch mal machen würde: Da habe ich gesagt, diese Erfahrungen der sieben Jahre, die kannst du nirgends anders machen. Schon beim Trainingsniveau merkst du, wie es vorwärts geht. Alles geht schneller. Und als Mensch, wenn du Tausende Kilometer von daheim weg bist, entwickelst du die eigene Persönlichkeit schneller. Nach dem ersten Vertrag habe ich zu meinen Eltern gesagt, dass ich nach zwei Jahren wahrscheinlich wieder da bin. Ich habe nie damit gerechnet, dass es so gut läuft und es mir so gut gefällt.

Korbinian Holzer: Daten und Ansichten

  • Zur Person:

    Korbinian Holzer ist 29 Jahre alt und kam im Sommer 2006 für ein Jahr zum damaligen Eishockey-Zweitligisten nach Regensburg – kurz, nachdem der Verteidiger gedraftet worden war. 2008 debütierte er im Nationaltrikot, absolvierte einmal Olympische Spiele (2010) und dreimal Weltmeisterschaften für die DEB-Auswahl (2010, 2011, 2016). Holzer verbringt den Sommer zu Hause in der Nähe von Bad Tölz und hat eine zweieinhalbjährige Tochter.

  • Holzer über den Stellenwert

    der Nationalmannschaft: Wenn ich Zeit habe, spiele ich jedes Mal gerne. Wenn wir ausgeschieden wären dieses Jahr, wäre ich sofort heimgeflogen. Wenn der Sturmi (Bundestrainer Marco Sturm, d. Red.) mich fragt, ob ich bereit wäre zu kommen, ist das für mich selbstverständlich. Es gibt nichts Besseres, als sein eigenes Land zu vertreten.

  • Holzer über den Stellenwert

    deutscher Eishockeyspieler in Nordamerika: Der Leon (Draisaitl, d. Red.) ist ein großer Faktor. Die Spieler, die drüben sind, spielen alle gute Rollen: Ein Greiss war jetzt zum Schluss als Nummer eins bei den Islanders. Dennis Seidenberg war immer ein Top-Verteidiger, schon in Boston, jetzt bei den Islanders. Tobi (Rieder, d. Red.) spielt in einer der Top-Zwei-Reihen. Und Tom (Kühnhackl, d. Red.) hat zweimal den Stanley-Cup gewonnen.

  • Holzer über den Nachwuchs:

    Es ist so schwierig im Eishockey. Es sind zu viele Vereine, wo das Geld für den Kader gebraucht wird. Das ist in Deutschland das Problem, das die Geldquellen nicht so ergiebig sind, dass man im Nachwuchs 100 000 oder 200 000 Euro investieren kann. Es wäre schön, wenn jeder professionelle Trainer hätte. Aber für eine Goldlösung bin ich zu weit weg.

Wie verklickert man jemanden wie groß der Unterschied zur NHL ist?

Es ist kein Riesenunterschied, aber halt viele Details, die man als Laie nicht so sieht, die jeder Spieler macht, die im großen Ganzen das Spiel besser machen. Du gewöhnst dich daran. Es entscheidet wirklich nur, wer diese Details besser macht – erst recht in den Playoffs. Ob du einen Meter zu weit links oder einen halben Meter zu weit rechts stehst, kann entscheiden, ob du deswegen das Spiel verlierst. Das fällt vielleicht nicht jedem auf, macht aber den Unterschied.

Haben Sie ein Problem damit, dass in Nordamerika die Gehälter so offen kommuniziert werden. Jeder weiß: Ein Holzer kriegt für zwei Spielzeiten 1,8 Millionen Dollar. In Deutschland sind Gehaltslisten Kassenschlager für Sportzeitschriften.

Mir ist das wurscht. Ich weiß es nicht, ob wir in Deutschland in einer Neid-Gesellschaft leben. Drüben ist das gang und gäbe. Wenn einer einen Vertrag unterschreibt, weiß man automatisch, was er die nächsten zwei, drei, fünf, zehn Jahre verdient. Aber beim Baseball schaut man schon hin und sagt: Das könnten die bei uns auch mal zahlen. Auch im Fußball sind die Summen ja inzwischen fast krank, die da im Umlauf sind.

Millionär ist man aber auch nicht gleich mit so einem NHL-Vertrag.

In Deutschland wirst du in netto gezahlt, drüben in brutto. Da musst du in Kalifornien schon mal 50 Prozent Steuern zahlen. Dann gibt es Abgaben an die Liga, 16 oder 18 Prozent. In Deutschland ist das Angenehme, dass du Wohnung und Auto gestellt kriegst. Das ist in Kalifornien auch ein Kostenfaktor. Das Leben ist von den Mieten her nicht ganz billig. Freilich bleibt immer noch viel, viel Geld. Ich bin der Letzte, der sich beschwert.

Wie wund ist eigentlich die Fußballseele des 1860-Fans Holzer, der beim Regionalliga-Auftakt in Memmingen dabei war? Noch sauer auf Regensburg?

Durch meine Verbindungen zu Regensburg kenne ich natürlich auch Jahn Regensburg. Nein, die waren die bessere Mannschaft und sind verdient aufgestiegen. Ich hoffe für Regensburg, dass sie in der zweiten Liga bleiben und eine gute Rolle spielen und wünsche viel Glück. Für Sechzig ist es schade, dass es nicht in die dritte, sondern gleich in die vierte Liga geht. Vielleicht ist das ja tatsächlich die Chance für einen Neuanfang. Da könnten wir eine Stunde drüber reden.

Das 1860-Fandasein spiegelt sich in der Holzer-Karriere mit all der Zähigkeit.

Als Sechziger-Fan bist du fürs Leben gestählt. Da kann dich nichts mehr schocken. Beim Eishockey ist es wohl meine Natur, mein Charakter, dass ich keiner bin, der schnell aufgibt.

Ist der Traum für nächste Saison: 1860 steigt auf und Korbinian Holzer gewinnt den Stanley-Cup mit viel Eiszeit?

Das würde ich unterschreiben. Leider kannst du im Sport nichts so einfach steuern. Übrigens: Auch wenn ich nicht so viel spielen würde und wir gewinnen mit Anaheim den Stanley-Cup – täte ich auch nehmen.

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