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Samstagsinterview
Samstag, 16. Dezember 2017 10

Samstagsinterview

Tischt uns Schmaus den WM-Titel auf?

Der Regensburger Anton Schmaus ist Koch der Fußball-Nationalelf. Er sagt: Man muss aufpassen, dass man sich nicht verbrennt.
Von Heinz Gläser, MZ

In seinem Element: Spitzenkoch Anton Schmaus im Regensburger Restaurant „Storstad“ Foto: Florian Hammerich

Regensburg.Herr Schmaus, wer schoss das deutsche Siegtor im WM-Finale 1990?

Andi Brehme.

Und wer wurde in diesem Endspiel auf deutscher Seite ausgewechselt?

Puh! Da muss ich überlegen. Ich war damals ja erst acht, knapp neun. Ein Abwehrspieler war’s, oder? Guido Buchwald?

Nein, aber Abwehrspieler stimmt. Stefan Reuter kam für Thomas Berthold. Ist Fußball-Fachwissen eigentlich eine Voraussetzung, um Koch der deutschen Nationalmannschaft zu werden?

(lacht) Nein, aber ich denke mal, es schadet auch nicht. Ich bin ein Riesen-Fußballfan, speziell der Nationalmannschaft und des FC Bayern.

Chefkoch der Nationalelf, dieser Job steht ja nicht in der Rubrik Stellenanzeigen. Wie kam der DFB auf Sie?

Über Klaus Eder (Star-Physiotherapeut aus Donaustauf/d. Red.). Wir kennen uns lange, er ist oft bei uns hier im Restaurant „Storstad“ zu Gast. Klaus hat gesagt: „Die Stelle als Koch ist vakant. Hättest Du Lust?“ Er hat den Kontakt zu Oliver Bierhoff hergestellt. Der DFB hat ein bisschen recherchiert, mit wem er es da zu tun hat. Dann gab’s ein erstes persönliches Treffen in München mit Oliver Bierhoff, Jogi Löw und seinem Stab zum gegenseitigen Kennenlernen.

Wann hatten Sie ihren ersten Einsatz?

Anfang Juni beim Länderspiel in Kopenhagen. Ich war dann beim Confed Cup in Russland dabei. Das hat ganz gut geklappt, der DFB war offensichtlich sehr zufrieden. Aber ich hab’ mir anschließend noch ein bisschen Bedenkzeit erbeten.

Wieso denn das?

So etwas bespricht man erst mal mit seiner Ehefrau. Schließlich ist der Koch bei einer WM inklusive Vorbereitung an die sieben Wochen mit der Mannschaft unterwegs.

Hatten Sie eventuell Sorge, dass sich Ihre lange Abwesenheit auf Ihre Restaurants in Regensburg auswirkt?

Nein, das nicht. Das kann man sehr gut auffangen, wenn man organisatorisch und personell frühzeitig die Weichen stellt. Außerdem lässt sich über die modernen Medien vieles abdecken. Ob ich nun bei der Abteilungsleitersitzung persönlich anwesend oder via Facetime zugeschaltet bin, macht keinen großen Unterschied. Das läuft hier auch in meiner Abwesenheit sehr gut, davon bin ich überzeugt.

Was nehmen Sie mit, wenn Sie im kommenden Sommer mit der DFB-Elf nach Russland reisen?

Nur meinen Messerkoffer und meine Kochklamotten, das reicht.

Keine speziellen Leckereien für den verwöhnten Gaumen unserer Stars oder spezielles Geschirr?

Nein. Beim Confed Cup hatten wir im Teamhotel in Sotschi fast alles, was man braucht. Und an Lebensmitteln kaufen wir alles vor Ort, soweit möglich. Ich werde ja jetzt kein Gemüse nach Russland einfliegen lassen!

Holt der neue Koch zunächst mal Informationen über die Leibspeisen der Spieler ein? Fragt er zum Beispiel nach einer Gluten-Unverträglichkeit?

Nein. Wer auf bestimmte Lebensmittel verzichten will oder muss, der kommt selbst auf mich zu. Ich frage auch nicht jeden nach seiner Leibspeise. Das würde zu einem mittelgroßen Chaos führen. Kein Koch dieser Welt kann alle Sonderwünsche abdecken. Also kommen bei mir nicht drei total ausgefallene Hauptgänge auf den Tisch, sondern mindestens ein Gericht, das jeder mag – und ein vegetarisches Gericht wie Pasta, falls einer kein Fleisch oder keinen Fisch isst.

Stichwort Pasta: Einem gängigen Vorurteil zufolge sollten Sportler zum Frühstück, Mittag- und Abendessen jede Menge Nudeln in sich reinschaufeln, der Kohlehydrate wegen. Bei Ihnen auch?

Es kommt auf jeden Fall High-Carb-Ernährung auf den Tisch, ganz klar. Die Spieler verbrennen ja jede Menge Kohlehydrate. Aber es müssen nicht immer nur Nudeln sein. Kartoffeln oder Reis sind eine gute, sinnvolle Abwechslung. Mein Ziel ist es, während der WM ein schönes und ausgewogenes Programm hinzukriegen. Jeder soll sich in der Auswahl wiederfinden.

Hat auch ein Ernährungsberater ein Wörtchen mitzureden?

Ja, Mona Nemmer steht mir als Ernährungswissenschaftlerin zur Seite. Sie arbeitet beim FC Liverpool, ist aber auch für den DFB tätig. (Nemmer wurde von Jürgen Klopp vom FC Bayern nach Liverpool geholt/d. Red.). Mona ist meine Ansprechpartnerin. Wir stimmen uns ab, sie gibt Ratschläge.

Haben Sie schon Freunde in der DFB-Elf?

Mein Job ist das Kochen. Ich bin ein Teil des Teams hinter dem Team und damit nur ein Fünfundsechzigstel des gesamten Trosses. Ich versuche, mich so gut wie möglich im Hintergrund zu halten, so hält es jeder der Betreuer. Für Spieler, die länger dabei sind, ist es bestimmt gewöhnungsbedürftig, dass ein neuer Koch da ist. (Schmaus-Vorgänger Holger Stromberg übte die Funktion von 2007 bis 2107 aus/d. Red.) Die loten erst mal aus: Was macht der so, was ist das generell für ein Typ, wie tickt der? Ich denke, es dauert noch, bis man sich näherkommt und mal einen Ratsch hält. Was sich daraus entwickelt, kann ich nicht absehen. Große Freundschaften im Mannschaftskreis aufzubauen und zu pflegen, ist jedenfalls nicht meine primäre Aufgabe.

Worin sehen Sie Ihre primäre Aufgabe?

Die große Herausforderung besteht ja nicht darin, sieben Tage bei einer Länderspielreise zu kochen. Die Fallstricke lauern während der sieben Wochen einer WM. Da gilt es, die Mannschaft während dieses langen Zeitraums auch mit dem Essen bei Laune zu halten und Abwechslung reinzubringen. Dazu gehört auch ein bisschen Show, ein wenig Entertainment.

Was empfanden Sie eigentlich, als Sie das erste Mal dabei waren?

Da bist du natürlich erst mal Fußballfan, siehst deine Stars und denkst: Wow! Aber das legt sich nach drei oder vier Tagen. Dann ist die Ehrfurcht wieder weg. (lacht)

Sie sind als Sternekoch das Rampenlicht gewöhnt. Aber nun sind Sie hierzulande eine Person breiten öffentlichen Interesses. Wie gehen Sie damit um?

Klar: Koch der Nationalmannschaft – das ist eine Wahnsinnsnummer! Das ist eine große Ehre und erfüllt mich mit Stolz. Ich bin mir auch der Verantwortung bewusst. Aber das macht mich nicht zu einem anderen Menschen oder zu einem anderen Koch.

Spüren Sie gewisse Erwartungen?

Die Frage ist doch: Wie lebt man das Ganze aus? Ich bin nicht der große Zampano. Der DFB braucht auf dieser Position keinen Selbstdarsteller. Im Gebilde Nationalmannschaft geht es um die Fußballer, nicht um mich. Je entspannter man das macht, desto besser. Ich weiß, was ich kann. Und das ist für mich entscheidend.

Aber die Anfragen und öffentlichen Auftritte werden sich sicherlich enorm häufen...

Natürlich ist die Aufmerksamkeit jetzt eine andere. Vielleicht unterschätzt man das auch am Anfang. Aber man wird mich nicht überall rumhüpfen sehen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht verbrennt. Es kommt sympathischer rüber, wenn man alles auf kleiner Flamme kochen lässt.

Aus Ihrem engeren Umfeld gibt’s aber schon Reaktionen, oder?

Na ja, bis jetzt habe ich ja noch kein Spiel verloren. Aber wenn, dann kommen sicherlich Anrufe: „Hey, kochst du denen das Falsche?“ (lacht)

Wie lange läuft Ihr Vertrag mit dem DFB?

Einen Vertrag gibt es nicht. Das wird per Handschlag geregelt. Solange es passt, passt’s. Ganz einfach. Wenn die WM gut läuft, warum sollte es dann nicht weitergehen? Ich glaube, Kontinuität in dieser Rolle schadet nicht. Du brauchst ja auch Zeit, dich in die spezielle Situation einzuarbeiten und das Vertrauen der Mannschaft zu gewinnen. Das kommt nicht von heute auf morgen.

Herr Schmaus, was essen Sie persönlich am liebsten?

Ich mag diese Frage eigentlich nicht besonders. In ihr versteckt sich eine Aufforderung, sich besonders bodenständig zu geben. So eine Art Fishing for Compliments. Ich sage immer: Es gibt nix Besseres als was Gutes! Ich esse alles, was mir schmeckt. Das kann eine Pizza sein, ein guter Schweinebraten, aber auch ein Rinderfilet mit Sauce béarnaise. Ich bin weder in meiner Küche noch in meinem Privatleben ein Dogmatiker.

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