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Samstagsinterview
Montag, 18. Dezember 2017 5

Eishockey

Was Mitchell dem Jahn-Trainer empfiehlt

Straubings Coach verlor auch die ersten fünf Spiele. Mit Claus Wotruba sprach er über die inzwischen stolze Tigers-Bilanz.

Larry Mitchell bei seiner Lieblingstätigkeit coachen: Jetzt macht er das in Straubing, seiner Herausforderung nach Augsburg. Foto: Schindler

Regensburg.Beginnen wir mal so: Warum tut sich jemand an, nach Straubing zu gehen? Weil es bei einem Tabellenletzten der DEL nur besser werden kann?

Larry Mitchell: Da haben viele Gründe eine Rolle gespielt. Erstens hatte ich nach dem Gespräch mit Jason (Dunham, dem sportlichen Leiter, d. Redaktion), den ich viele Jahre kenne, ein gutes Gefühl. Mir war wichtig, dass wir wie damals in Augsburg versuchen können, mit wenig finanziellen Mitteln trotzdem eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine zu bringen. Wenn bei einem Letztplatzierten 20 Leute längerfristige Verträge haben, hätte ich es vielleicht nicht gemacht. Jetzt hat jeder eine Chance. Die Nähe zu meiner Familie und meinen beiden Kindern hat sicher auch eine Rolle gespielt. Ich wohne mit meiner Lebensgefährtin immer noch in Landsberg.

Erst Landsberg, dann sieben Jahre Augsburg, jetzt Straubing: Ist es eine Mitchell-Spezialität, immer mit Außenseitern unterwegs zu sein?

Ich liebe Herausforderungen. Aber ich muss sagen, dass ich damals in Augsburg froh war, dass man einem Vertrauen schenkt, dass man einer der 14 Cheftrainer der DEL sein darf. Ich habe allerdings gedacht, dass mein nächster Klub nach Augsburg ein Verein mit viel Geld ist, der um die Meisterschaft spielt. Aber auf der Coach sitzen, warten und Mitleid mit mir haben, ist nicht mein Ding. Ich bin erst 47 und hoffe, dass ich irgendwann mal die Chance bekomme, mit einem großen Klub um die deutsche Meisterschaft mitzuspielen – auch wenn ich das einmal mit Augsburg im Finale 2010 schon hatte.

Ist das das Schöne bei einem kleinen Klub, dass man die Entscheidungen selbst in der Hand hat und nicht andere Entscheidungen treffen, die einem vielleicht gar nicht gefallen, man aber so tun muss, als würden sie einem gefallen?

Deswegen ist diese Erfahrung gut für mich. Ich habe diese Jungs hier in Straubing nicht ausgesucht und nicht verpflichtet. Das habe ich als Herausforderung gesehen. Das war 2007 in Augsburg auch so, als ich im Dezember übernommen habe: Die waren chancenlos auf einen Playoffplatz und wir haben mit mir an der Bande die ersten zehn Heimspiele gewonnen. Mir wurde von den Experten und Kritikern in Augsburg nachgesagt, ich sei ein guter Scout, aber nicht der beste Trainer. Ich glaube, damals 2007, dann mit der Vizemeisterschaft und jetzt mit dieser Mannschaft – all das hat nichts mit Scouting, sondern rein mit Coaching zu tun.

Wir haben in Regensburg mit dem SSV Jahn auch einen Tabellenletzten in der dritten Fußball-Liga, der nach einem Trainerwechsel fünf Spiele verloren hat. Das war bei Ihnen in Straubing ja auch so: Sie haben erst das sechste Spiel mit den Tigers gewonnen. Haben Sie vielleicht sportartübergreifend Tipps für den Fußballkollegen Christian Brand in Regensburg?

Ich glaube der beste Tipp, den ich geben kann, ist nicht abzuweichen von seinem Weg. Jeder hat eine gewisse Philosophie. Er soll nicht meinen, dass das über Nacht geht. Nach fünf Niederlagen bin ich schon auch nach Hause gegangen und habe mir gedacht: Oje, wenn du nicht gewinnst, wird die Kritik irgendwann auch laut.

Inzwischen ist die Bilanz eine andere: 15 Spiele, sieben Siege, 21 Punkte, nicht mehr Letzter. Das ist ordentlich, wenn ein Klub vorher 15 Punkte in 26 Spielen geholt hat. Wie motiviert man Spieler bei einem Letzten: Die sind doch nicht im Glücksgefühl?

Waren sie auch nicht. Frischer Wind ist das, was Spieler dann brauchen. Es ist nicht nur die zusätzliche Motivation des Castings für den Kader der nächsten Saison. Das Wenigste, was alle verlangen können, ist, dass wir jedes Mal 100 Prozent geben. Die, die mitgehen wollen, können sich empfehlen. Ich denke, die Jungs haben für Aufsehen gesorgt in einer Situation, in der sie allen Grund hätten aufzugeben. Sie haben es nicht getan. Solche Leute will man haben: Wenn nicht in Straubing, dann sicher irgendwo anders.

Betrachtet man es nüchtern, ist es fast ein Wunder, dass ein Standort wie Straubing sich so lange Jahre so wacker schlägt gegen Konkurrenz wie Berlin, Köln, Mannheim oder Düsseldorf.

Das ist eine gute Frage. Einige Leute in Augsburg hatten das Vergessen durch die Erfolge mit viermal Playoffs in sechs Jahren und die Vizemeisterschaft. Augsburgs Etat ist sogar noch kleiner als der in Straubing.

Die Leute wollen immer mehr.

Ja, aber das ist manchmal nicht realistisch. Damals in Augsburg oder auch in Straubing mit dem Halbfinale hatten die Kleinen mehr Chancen, weil sich Große wie München oder Düsseldorf in unsere Richtung bewegt haben. Dann kam Red Bull und Thomas Sabo in Nürnberg. Man muss nur schauen, wer auf 14, 13 und 12 steht: Das sind die Vereine mit den kleinsten Etats. Das ist nicht Zufall.

Sie haben es erwähnt: Sie gelten als jemand, der Topspieler im Preis-Leistungsverhältnis in Übersee findet, die sofort einschlagen. Was steckt dahinter? Im Eishockey gibt es immer noch Statistikkäufer.

Das mache ich definitiv nicht. Wie bei allem im Leben steckt viel harte Arbeit dahinter. Es ist bekannt, dass ich bis zu 7000 Kilometer gefahren bin, um 19 Spiele in 21 Tagen anzuschauen von Chicago, am nächsten Tag in Boston und dann Texas, wenn es da drei, vier Mannschaften gibt. Ich habe Freunde, die kennen jedes Lied, das am Radio kommt und können mitsingen. Ich frage immer: Wie macht ihr das? Ich schaue mir eben ein Eishockeyspiel mit 40 Spielern an und du kannst mich fragen, ob XY rechts oder links schießst. Ich kann mir das merken, in dieser Hinsicht bin ich begabt. Der eine kennt eben Lieder auswenig und ich weiß, wie Eishockeyspieler spielen und schießen.

Schwere Fragen mit der Bitte um eine einfache Antwort: Was kann das deutsche Eishockey machen, dass es besser wird, insbesondere die Nationalmannschaft?

Ich glaube wir haben nicht genug Zeit. Ich sehe das jetzt aus einem anderen Blickwinkel. Mein Sohn ist jetzt 15 und spielt in der Schülermannschaft in Landsberg. Man ist im Nachwuchsbereich einfach zu erfolgsorientiert.

Böse gefragt: Sind deutsche Nachwuchstrainer im Durchschnitt zu schlecht?

Teils, teils. Was mich besonders stört, ist das viele sagen, dass es zu viele Ausländer in Deutschland gibt und wir deswegen bei der U-20-WM absteigen. Das ist kompletter Schmarrn. Die Gründe liegen viel tiefer. Jeder deutsche Nachwuchsspieler hat ein bis drei Stunden mehr Trainingszeit als ein Kanadier. Man denkt immer das Gegenteil wäre der Fall. Ist es aber nicht: Die besten Mannschaften in Kanada trainieren dreimal, vielleicht zweimal. Mein Sohn hat in Landsberg Training Montag, Dienstag, Mittwoch und Donnerstag. Das gibt es in Kanada bei keiner Nachwuchsmannschaft.

Umso schlimmer, wenn dann nichts herauskommt in Deutschland.

Genau. Eiszeit ist da. Warum spielt man in Deutschland so wenig und in Kanada so viel? Warum muss ein Knabenspieler dreimal 20 Minuten spielen mit Zamboni-Fahrten in der Pause? Das wäre noch eine Stunde Eiszeit, die man weitergeben könnte. Das ist ein Problem, das mich sehr beschäftigt, aber nicht so einfach zu lösen ist. Es ist immer einfach zu sagen, wir haben zu viele Ausländer und zu wenig Eiszeit, aber das ist nicht das Problem. Warum spielt Thomas Brandl mit 23 im ersten Sturm bei Larry Mitchell? Weil er gut genug ist. Alle kanadischen Trainer, die hier sind, hätten kein Problem mit zwölf Brandls zu spielen oder acht Schönbergers. Aber man braucht genügend deutsche Spieler.

Larry Mitchell war auch als Bundestrainer im Gespräch. Reizt das nicht mehr?

Momentan nicht, damals ja. Nach Augsburg wäre das ein Schritt nach vorne für mich gewesen. Damals haben sie Koelliker genommen und jetzt bin ich in einer Phase, in der mich der Vereinstrainer-Job mehr interessiert.

Als Spieler waren sie eher im unteren Liga-Segment in Deutschland aktiv (Mitchell spielte z. B. in Peiting unter EVR-Trainer Doug Irwin und mit EVR-Legende Jason Phillips). Sie kennen also die ganze Bandbreite des deutschen Eishockeys.

Was nicht zu unterschätzen ist, ist nun der Blickwinkel des Vaters. Das gibt mir einen komplett anderen Eindruck als als Spieler, Trainer und Manager. Meine Oma hat immer gesagt, wenn man älter wird, wird man weiser. Vielleicht bin ich dadurch weiser geworden und habe meine Meinung in gewissen Punkten geändert.

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