München.
Karl-Heinz Rummenigge zögerte die undankbare Aufgabe lange hinaus, irgendwann aber musste er in den sauren Apfel beißen. Es war 2.15 Uhr am Sonntagmorgen, als Bayern Münchens Vorstandschef im noblen Münchner Postpalast widerwillig das Wort ergriff — und das 4:5 nach Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea endgültig zur bittersten Niederlage in der Geschichte von Bayern München erklärte. „Ich habe fast den Eindruck, dass das heute noch schlimmer war, noch brutaler, noch überflüssiger als die Niederlage von 1999 gegen Manchester United. Es tut unglaublich weh“, sagte der 56-Jährige. Statt Jubelstimmung herrschte bei den „Vize-Bayern“ betrübte Stille, nachdem das „Finale dahoam“ zum „Drama dahoam“ geworden war.
Der Traum war zum Greifen nah
Der Vorstandschef sprach Bastian Schweinsteiger und Arjen Robben schon zum Einstieg in seine siebenminütige Analyse aus der Seele. „Heute ist einer dieser Abende, wo man sagt, man wäre besser daheimgeblieben und hätte das nicht erlebt“, sagte der 56-Jährige, der genauso ratlos wirkte wie der Rest der bayrischen Garde. Die Chance, im eigenen Stadion Champions-League-Geschichte zu schreiben, hat der deutsche Rekordmeister leichtsinnig verspielt, auch weil Robben und Schweinsteiger jeweils einen Elfmeter vergaben. „Das ist keine Niederlage, die man an einem Abend abstreift. Das ist eine Niederlage, die einen verfolgen wird, weil es eine historische Chance war“, sagte Sportdirektor Christian Nerlinger zerknirscht.
Drama für Hoeneß
Nicht nur Schweinsteiger und Robben, sondern auch Präsident Uli Hoeneß konnten Filet vom Oberländer Rind und Lachs-Carpaccio mit Limonen-Creme-fraiche kein bisschen entschädigen. „Das war ein Drama. Ich habe noch keine Orientierung. Ich muss das ein, zwei Tage sacken lassen“, sagte der 60-Jährige. Als Torschütze Didier Drogba um 23.26 Uhr auch noch den entscheidende Elfmeter zu Chelseas erstem Champions-League-Titel verwandelt hatte, war Hoeneß‘ Lebenstraum zerplatzt. Seine Mannschaft, sein Stadion — aber nicht sein Pokal.
Zum zweiten Mal binnen drei Spielzeiten — 2010 hatte es ein 0:2 gegen Inter Mailand gegeben — hatten die Bayern im Endspiel das Nachsehen. Hoeneß fand deutliche Worte für den „Albtraum“ (Nerlinger), den er auf der Tribüne seines zweiten Wohnzimmers hatte erleben müssen. „Ich habe auf dem Platz ein paar Dinge gesehen, die mir nicht gefallen haben. Es gibt natürlich gewisse Probleme, wenn man drei Titel verspielt“, sagte er in der Stunde der Niederlage.
Ungewohnt direkt kritisierte der Bayern-Macher die Mannschaft nach drei „vergebenen Matchbällen“ für ihre Mentalität. „Ich habe keinen Jens Jeremies gesehen, der schon beim Einlaufen dem Gegner in die Waden gebissen hat“, sagte Hoeneß in Gedenken an den nach wie vor letzten internationalen Titel 2001.
Die Hausherren waren überlegen
Das späte Führungstor durch Thomas Müller (83.), Robbens verschossener Elfmeter in der Verlängerung und ein zwischenzeitlicher Puffer von 3:1 im Shoot-Out: Wie der haushoch überlegene Rekordmeister das Spiel noch aus der Hand geben konnte, konnte sich in der lauen Münchner Sommernacht auch Stunden nach Abpfiff niemand erklären. Der Autokorso war bereits organisiert, die Siegesfeier auf dem Rathausbalkon geplant — die Münchner Innenstadt aber war am Sonntag wie ausgestorben.
„Vize-Bayern“ statt historische Sieger
Rummenigge hatte schon auf dem Weg zum Bankett „eine unglaubliche Trauer gesehen. Die Leute, die Fans waren niedergeschlagen. Das alles, die Wut, wird bei uns erst morgen früh, wenn wir aufwachen, zum Tragen kommen“, sagte er. Spieler, Funktionäre und Ehemalige wie Oliver Kahn und Lothar Matthäus wirkten aber so, als könne es schlimmer gar nicht mehr werden.
Statt des historischen Sieges bleibt eine Saison ohne Titel. „Auf Dauer habe ich keine Lust auf Platz zwei. Das ist kein Zustand, den ich akzeptiere“, sagte Hoeneß. Eine Chance, wie sie am Samstagabend gegen das Abwehrbollwerk aus London da war, werden die Bayern wohl nicht mehr bekommen. 35:9 Torschüsse, 20:1 Ecken. „Und dann schaffen wir es nicht — das ist unglaublich“, schimpfte Hoeneß. Auch Kapitän Philipp Lahm — auf und neben dem Platz der beste Bayern-Spieler — sagte deutlich: „Wenn man so überlegen ist wie wir heute im Finale, dann muss man auch gewinnen.“
Sechs Mal zuvor hatte es in dieser Champions-League-Saison zu Hause geklappt. „Wir hatten schon eine Hand am Pokal“, sagte Manuel Neuer. Durch einen gehaltenen und einen selbst verwandelten Elfmeter hatte der National-Torhüter die Bayern zum zwischenzeitlichen 3:1 im Elfmeterschießen gebracht. Ivica Olic und Schweinsteiger versagten vor 62.500 Zuschauern aber die Nerven. Der Bayern-Regisseur wirkte bei seiner Abfahrt um 3.21 Uhr so, als könne ihn nichts und niemand je wieder aufbauen. Schweinsteiger lebte den Traum vom „Titel dahoam“ wie kaum ein anderer.
Lahms neue Mission
Robben, der wie im entscheidenden Spiel um die Meisterschaft am Elfmeterpunkt versagte, suchte bis in die Nacht Trost bei Ehefrau Bernadien — wurde offiziell aber ohnehin nicht als Sündebock abgestempelt. „Wenn es so ausgemacht ist, schießt er eben“, sagte Hoeneß. Neuer fügte hinzu: „Wir wissen, dass wir alle zusammen gescheitert sind.“
Lahm versuchte noch in der Nacht, auch „alle zusammen“ wieder aufzubauen. Bis der letzte der rund 1000 Gäste den Raum verlassen hatte, harrte der Kapitän aus. „Keine Angst, ich gehe noch lange nicht“, sagte er weit nach vier Uhr morgens — denn er hat schon längst eine neue Mission. „Wir sind alle in einem sehr guten Fußballalter. Und jetzt sind wir noch hungriger.“ Wie hatte Oliver Kahn einst nach dem Drama gegen Manchester United formuliert? „Weiter, immer weiter.“