Häufchen Elend: Bastian Schweinsteiger hockt nach dem Spiel äußerst nachdenklich vor einem schwedischen Trikot. Foto: dpa
Von Heinz Gläser, MZ
Berlin. Nach dem Abpfiff drosch Mesut Özil den Ball wutentbrannt in Richtung Seitenlinie. Das Geschoss kam jedoch nicht weit, weil es vor die Füße der jubelnden schwedischen Ersatzspieler fiel, die es prompt zurück auf den Platz des Olympiastadions beförderten. Oben auf der Tribüne waren Bundeskanzlerin Angela Merkel derweil die Mundwinkel verrutscht, während Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt ein sehr breites Grinsen zur Schau stellte. So ist das eben, wenn ein Spiel „irgendwie aus dem Ufer läuft“, wie es Bundestrainer Joachim Löw formulierte.
Die Wortwahl des Bundestrainers war an diesem denkwürdigen Dienstagabend von Berlin ebenso aus den Fugen geraten wie zuvor das Spiel seiner Mannschaft in den letzten 30 Minuten. Hätte er das Ruder herumreißen können, etwa durch eine weitere Auswechslung? Natürlich wurde Löw nach dem unglaublichen und letztlich desaströsen 4:4 (3:0) gegen Schweden wieder gefragt, ob er von der Seitenlinie nicht mehr auf sein Team hätte einwirken können. „Es ist schwierig, den richtigen Einfluss zu finden“, antwortete er. Eine gewisse Ratlosigkeit war unüberhörbar.
„Etwas Historisches“
Löws Auswahl darf seit dieser Begegnung in der WM-Qualifikation eine Bestmarke für sich in Anspruch nehmen, vielleicht sogar eine für die Ewigkeit – allerdings auch eine, mit der sie gewiss nicht stolz hausieren gehen wird. Einen Vier-Tore-Vorsprung zu verjuxen, das ist in der 104-jährigen Länderspielgeschichte und in insgesamt 867 Begegnungen noch nie einer DFB-Elf widerfahren. „Das ist der größte Kracher der schwedischen Sportgeschichte“. ordnete das Blatt „Dagens Nyheter“ das Geschehen ein. „Das war wohl etwas Historisches“, merkte auch Erik Hamren, der Coach der Skandinavier, an.
Hamren war es auch, der ungefragt das Thema Nachtruhe aufs Tapet brachte. „Ich werde heute sehr, sehr gut schlafen“, feixte er – und hatte die Lacher auf seiner Seite. Kollege Löw hingegen stellte sich angesichts des unverdaulichen Schweden-Happens auf unruhige Stunden und unentwegtes Grübeln bis zum Morgengrauen ein: „Davon gehe ich aus.“
Grübeln im Schlafgemach
Der 52-Jährige wird beim Nachdenken im Schlafgemach die Gründe dafür gesucht haben, „warum wir nach dem 1:4 die Ordnung nicht mehr herstellen konnten“. Unmittelbar nach Spielschluss und noch sichtlich kon-sterniert war er bei seiner Fehleranalyse nicht recht von der Stelle gekommen. „Schwierig“ sei es, sagte Löw, diese Partie „richtig einzuordnen“. Er tat es dann doch und sprach von einem „Lernspiel“ für seine Schützlinge, aus dem „wir wahnsinnig viel mitnehmen können“. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass „Fußball ein lustiges Spiel“ ist, wie es Hamren ausdrückte.
Eine Stunde lang hatte die DFB-Elf den Gegner nach allen Regeln der Kunst in seine Einzelteile zerlegt und dabei ein spielerisches Feuerwerk abgebrannt. „Die Schweden waren 60 Minuten nicht vorhanden“, sagte Löw. Resultat der erdrückenden Dominanz waren die Tore von Miroslav Klose (8. Minute/15.), dem jetzt nur noch ein Treffer zum nationalen Rekord von Gerd Müller fehlt, sowie Per Mertesacker (39.) und Mesut Özil (56.). Das Olympiastadion schwelgte in schwarz-rot-goldener Euphorie, jedoch folgte ein Stimmungsdämpfer mit der Wucht eines Vorschlaghammers. Schwedens exzentrischer Topstürmer Zlatan Ibrahimovic, der sich schon der Resignation hinzugeben schien, besorgte den Anschlusstreffer (62.), Mikael Lustig (64.), Johan Elmander (76.) und Rasmus Elm (90.+3) bestraften die plötzliche Lethargie der Deutschen brutal.
„Das darf nicht sein! Die Bälle, die die Schweden aufs Tor gebracht haben, waren dann auch drin. Das ist unerklärlich“, schüttelte Bastian Schweinsteiger den Kopf. Der ebenso ratlose Oliver Bierhoff assistierte: „Wir sind nicht in der Lage gewesen, in irgendeiner Weise den Stecker wieder reinzustecken.“ Der Teammanager sprach vage von einer „Kettenreaktion“, der auch vermeintliche Führungsspieler wie Schweinsteiger zum Opfer fielen. „Das ist ein psychologischer Aspekt. Jeder macht weniger, man wird oberflächlich, man gewinnt weniger Zweikämpfe, man geht weniger Meter“, stöhnte Bierhoff. Und je weniger man selbst tut, desto mehr Tore erzielt der erstarkte Gegner.
Geringe Auswirkungen
Die Nachwirkungen des späten Berliner Bebens sind vorerst überschaubar. Die DFB-Elf hat zwar eine Vorentscheidung in der WM-Qualifikation versäumt, führt jedoch vor dem Doppelpack gegen Kasachstan im kommenden März die Gruppe C deutlich mit zehn Punkten vor Schweden (7 Zähler) und Irland (6) an. Das Fernziel Brasilien 2014 haben Löw & Co. noch fest im Blick, indes wird der Weg dorthin nun etwas beschwerlicher.
Einer, der seine Lehren aus dem „Lernspiel“ schnell gezogen hatte, war Kapitän Philipp Lahm. „Das ist der Sport, es gibt solche kuriosen Spiele“, sagte er und erinnerte an das legendäre Champions-League-Finale zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool, bei dem die Italiener binnen weniger Minuten einen Drei-Tore-Vorsprung verspielten und letztlich im Elfmeterschießen unterlagen.
„Wir müssen daraus lernen, dass wir alle 90 Minuten lang konzentriert bleiben müssen“, forderte der Münchner. Löw gab sich derweil zuversichtlich, was die mentalen Langzeitfolgen bei seinen Spielern angeht: „Ich denke nicht, dass da was hängen bleibt.“
Ähnliches hatte er nach dem EM-Halbfinale gegen Italien geäußert.