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Der „Doc“ leidet beim SSV Jahn mit

Als Teamarzt ist Dr. Andreas Harlass-Neuking beim SSV Jahn eine Institution. Er ist sogar mit Olympia-Bronze dekoriert.
Von Heinz Gläser, MZ

Im Einsatz: Andreas Harlass-Neuking verarztet den angeschlagenen Benedikt Gimber, Jahn-Kapitän Marco Grüttner (r.) und Asger Sörensen schauen interessiert zu. Foto: Nickl

Regensburg.Das Temperamentsbündel Karsten Wettberg nahm Anlauf zu einem gewaltigen Jubelsprung. Die Trainerlegende landete in den Armen des ungefähr drei Köpfe größeren Jahn-Mannschaftsarztes. Was Wettberg damals – im Jahr 2000 – im Überschwang der Gefühle glatt vergessen hatte: Der „Doc“ war wenige Wochen zuvor wegen anhaltender Rückenbeschwerden selbst unters Messer gekommen und noch Rekonvaleszent. „In diesem Moment wusste ich: Okay, die Bandscheibe hält“, berichtet Dr. Andreas Harlass-Neuking schmunzelnd. Ein Belastungstest nach einer OP, wie er gewiss nicht in orthopädischen Lehrbüchern steht.

Zwei Leidenschaften verquickt

Mittlerweile hat der gebürtige Regensburger und renommierte Sportmediziner fast 20 Jahre beim SSV Jahn auf dem Buckel. Trainer, Spieler und Vorstände kamen und gingen, Harlass-Neuking ist einer der wenigen Konstanten und eine Institution im Regensburger Traditionsverein. Die lange Zeit hat nicht an seiner Motivation genagt, im Gegenteil: Die Aufgabe als Mannschaftsarzt beim Fußball-Zweitligisten ermöglicht es ihm, zwei Leidenschaften zu verquicken. „Wo lässt sich der Spaß an einem wunderbaren Beruf und der Spaß am Sport schöner verbinden?“, fragt der 55-Jährige.

Auf dem aktuellen Jahn-Mannschaftsfoto ganz rechts unten: Teamarzt Andreas Harlass-Neuking Foto: Nickl

Die Passion für jede Form von Bewegung nimmt man Harlass-Neuking sofort ab. Heute hält er sich mit Tennis und Joggen fit, als Kind und Jugendlicher spielte er fast alles querbeet: Fußball („Fast jeden Nachmittag mit Freunden draußen am Westbadweiher“), Tennis, Handball – und vor allem Hockey, zunächst mit Nachbarskindern auf der Straße, angespornt vom Olympiasieg der deutschen Herren 1972 in München, später beim Regensburger Hockey- und Tennis-Club, Bis in die Bayernliga brachte es der 1,98-Schlaks, und im Hockeysport knüpfte er jene Kontakte, die ihn bis hinauf zu Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften führen sollten.

Andreas Harlass-Neuking studierte in Regensburg und München Medizin, arbeitete anschließend acht Jahre am Regensburger Josefskrankenhaus, wo er seine Ausbildung zum Facharzt für Chirurgie absolvierte. 1995 folgte der Einstieg in die Gemeinschaftspraxis von Dr. Ludwig („Wigg“) Hecht.

Das Engagement in der Praxis im Regensburger Stadtwesten war auch ursächlich dafür, dass er sich 2006 nach acht Jahren Tätigkeit als Teamarzt von der deutschen Hockey-Nationalmannschaft verabschiedete. „Zehn oder zwölf Wochen Abwesenheit bei großen Turnieren: Das war zeitlich einfach nicht mehr zu verbinden“, sagt Harlass-Neuking rückblickend.

Als Säule des „Teams hinter dem Team“ war er dabei, als die Hockey-Herren bei Welt- und Europameisterschaften triumphierten sowie 2004 in Athen Olympia-Bronze gewannen. Die Plaketten von damals und signierte Trikots zieren die Vitrinen in der Praxis. Die Medaille der Spiele von Athen ist eine Kopie. Die Mannschaft ließ es sie sich nicht nehmen, für „Ibu“ – so sein Spitzname, angelehnt an ein häufig verschriebenes Medikament – ein Duplikat anfertigen zu lassen. Mit Hockey-Erfolgstrainer Bernhard Peters, der heute als Direktor Sport beim HSV fungiert, hält Harlass-Neuking noch Kontakt. Und im Abstand von jeweils fünf Jahren kommt das Team zusammen, das 2002 in Malaysia den WM-Titel holte. „Ibu“ ist – Ehrensache – im Mannschaftskreis immer dabei. Wer im Archiv stöbert, der stößt auf entsprechende Fotos: Harlass-Neuking mit der WM-Goldmedaille von 2002 und als Olympia-Arzt 2004 – auf dem Kopf einen schicken Strohhut mit aufgesteckten Deutschlandfähnchen.

Dem SSV Jahn blieb er derweil treu. Die emotionale Verbindung zum Regensburger Traditionsverein besteht ja seit Kindertagen. „Wir waren als Buben immer im alten Jahnstadion, mein älterer Bruder Willi und ich“, erzählt er. Und diese Leidenschaft wirkt heute noch nach, wenn er sein Faible für die Tätigkeit als Mannschaftsarzt beschreibt: „Die Atmosphäre bei den Spielen ist toll. Und die Aufgabe ist wahnsinnig abwechslungsreich. Du kommst viel in Deutschland herum. Du bist mit jungen Menschen zusammen, du hältst den Draht zu jungen Leuten am Glühen. Ich finde es immer wieder spannend, weil du nie weißt, was am Wochenende auf dich zukommt.“ Auf die Frage, ob er sich Jahn-Fan bezeichnen würde, kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Ja, natürlich! Und ich leide mit, wenn’s mal nicht so läuft.“

Über die nunmehr fast 20 Jahre hat Harlass-Neuking ein feines Gespür für den aktuellen „Stimmungspegel“, wie er es nennt, entwickelt. Jahn-Mannschaft ist ja nicht gleich Jahn-Mannschaft. Der Teamgeist ist ähnlichen Schwankungen unterworfen wie die Leistungsfähigkeit und der aktuelle Tabellenstand. Ohne Ross und Reiter oder bestimmte Spielzeiten zu benennen, beschreibt Harlass-Neuking eine Atmosphäre, die zwischen den Extremen „erschreckend“ und „euphorisch“ schwanken kann. Um es diplomatischer auszudrücken: „Manchmal geht es herzlich zu, manchmal eher sachlich.“ Derzeit dominiert die Herzlichkeit. Das Bild einer verschworenen Gemeinschaft, die zwei Aufstiege in Folge ermöglicht hat, trügt nicht.

Trophäe: Andi Harlass-Neuking im Jahr 2002 mit der Medaille für den WM-Titelgewinn der deutschen Hockey-Herren Foto: Archiv

Gewiss, auch der Teamarzt versuche, seinen Teil zur guten Stimmung im Team beizutragen. Aber ansonsten gelte die Maxime: „Jeder konzentriert sich auf seine Arbeit und bringt seine Kompetenzen ein.“ Mediziner im Profisport bewegen sich in einem Spannungsfeld, „irgendwo zwischen Trainer und Spieler“, wie Harlass-Neuking sagt. Die Vereinsspitze, der Coach und bisweilen auch die Spieler selbst dringen auf eine möglichst kurze Verletzungspause, der Arzt muss abwägen, was medizinisch verantwortbar ist. „Das ist unser täglich Brot. Damit musst du als Teamarzt umgehen können“, sagt Harlass-Neuking. „Eine gewisse Distanz“ zu den handelnden Akteuren sei da durchaus sinnvoll. Was nicht heißt, dass er die menschliche Seite ausblendet. Wenn sich ein Routinier wie „Wastl“ Nachreiner mit hartnäckigem Verletzungspech herumplagt, geht das auch dem „Doc“ nahe.

Netzwerk aus Fachleuten

Regensburg behauptet seit Jahrzehnten einen Spitzenplatz in der Sportmedizin. Harlass-Neuking ist Teil des „Netzwerks aus Fachleuten“ in der Region, die sich fußballspezifischer Themen annehmen. Er kooperiert dabei auch mit der „Fifa-Klinik“ am Universitäts-Klinikum. Die diagnostischen Möglichkeiten haben sich für Sportmediziner enorm verbessert, auf der anderen Seite sind die höhere Intensität im Spiel, die größere Dynamik und die wachsenden Belastungen durch einen dicht gedrängten Terminkalender Faktoren, die sich auf die Art und Schwere der Verletzungen auswirken.

Zwischen dem Jahn und ihm gibt es keinen Vertrag, nur eine mündliche Vereinbarung. „Wir ziehen nach jeder Saison Bilanz, ob’s gepasst hat“, sagt Harlass-Neuking. Die Unterstützung durch seine Ehefrau und die Tochter lässt ihn die zeitaufwendige Tätigkeit leichter schultern. Hinzu kommen die netten Begebenheiten am Rande. Da war das Auswärtsspiel, als der Teambus auf der Rückfahrt gleich dreimal geblitzt wurde. Da war – lange her – die Episode mit dem Physiotherapeuten, der nach einer durchzechten Nacht den Anpfiff verschlief und vor versperrten Stadiontoren stand.

Und da war Karsten Wettbergs Jubelsprung: „Unvergesslich“, sagt Harlass-Neuking – und schmunzelt.

Alle Artikel der MZ-Themenwoche „Das Team hinter dem Team“ finden Sie unter www.mittelbayerische.de/team.

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