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Samstag, 16. Dezember 2017 10

Statt Bollywood das wahre Leben

Mit dem Dorfelefanten Mohen ist Urlaub auf dem Bauernhof im südindischen Kerala ein Abenteuer für die ganze Familie.

  • Mit dem Tuk Tuk durch Kottayam
  • Begegnung im Projektkindergarten

Von Manfred Forster, MZ

Mohen ist der erklärte Liebling der Kinder. Ganz aufgeregt hüpfen die Kleinen um den grauen Koloss, halten ihm vorwitzig, aber dennoch schüchtern Früchte hin. Elegant und geschwind tastet er sich von Hand zu Hand vor, ergreift mit seinem Rüssel Bananen, Rosenäpfel und Mangos. „Mohen freut sich, wenn er zu uns darf“, sagt Hausherr Mathew. Und wenn man genau hinschaut, könnte man fast meinen, dass der Elefant tatsächlich lächelt.

Der Nachmittag mit Mohen ist einer der vielen Höhepunkte auf unserer Familienreise nach Kerala, dem zweitkleinsten indischen Bundesstaat an der Malabar-Küste. „God’s own Country“ lautet der Slogan der keralesischen Tourismusindustrie. Und tatsächlich gilt Kerala als indisches Musterland. Aus touristischer Sicht bedeutet das: Ideal für Indien-Anfänger.

Ziegen als Müll-Schlucker

Für unseren Besuch der geschichtsreichen Stadt Kochi – Seefahrer Vasco da Gama wurde 1524 hier bestattet – und unseren Besuch am Cherai Beach, einem der beliebtesten Strände Keralas, setzt Mathew uns in den Morgenzug von Kottayam nach Kochi-Ernakulam. „Eure Kinder sollen erfahren, wie gut es ihnen geht“, begründet Mathew, „in irgendeinem Gepäcknetz werden sie schon Platz finden“ – was natürlich die Aufregung fördert. Tatsächlich verströmt der Zug das Flair eines Gefängnistransporters, die Fenster sind vergittert, die Sitzbänke aus Holz. Die Kinder finden das natürlich alles nur aufregend.

Sie sind überrascht, dass hier in Indien „die Kühe auf den Straßen und an dem Tempeln herumlaufen.“ „Ich finde ganz lustig, dass wir einen Teich im Haus haben“, begeistert sich Maya (7), die mit ihrer Familie das Brahmanen-Haus im Projektdorf bezogen hat. Was aber in Indien auch auffällt ist „der Müll – weil er hier überall rumliegt“, haben Firmin (10) und Ida (9) festgestellt.

„Das Umweltproblem ist das größte hier“, räumt Mathew ein. Deshalb hat er vor einem Jahr das Ziegen-Projekt eingerichtet. An unserem vorletzten Tag in Sreekandamangalam werden die ersten vier trächtigen Ziegen an die Familien von Projektmitarbeitern übergeben. „Die Ziegen fressen Küchenabfälle und dienen damit der Müllvermeidung“, erklärt Mathew seine Idee, die dazu beitragen soll „dass die Reste nicht in einer Plastiktüte in der Natur landen.“

Die Tage sind angefüllt mit Erlebnissen und Erkenntnissen, die Abende verbringen die Kinder zusammen mit Theresa (25) und Christoph (15), den Kindern Mathews und Leelas, mit Malen und Flüsterpost im Kerzenschein oder sie falten mit Korian, dem Hausmeister und Nachtwächter des Projektdorfes, aus Palmblättern Würfel, Kugeln und Windräder. Die Erwachsenen vertiefen ihre Eindrücke derweil bei interkulturellen Gesprächen mit Mathew oder bei kulturellen Abenden mit Theater, Musik und Kathakali-Tanz.

Ausflug ins Tigerreservat

Aufregende Fahrten mit den Tuk Tuks zum Stoffekaufen nach Kottayam, zum spontanen Besuch in der St.Joseph’s-Grundschule in Mannanam und die Tour mit dem Postboot – einer Art schwimmendem Omnibus – auf den Backwaters von Kottayam nach Allepey, der Ausflug in die Gewürzgärten, die Bio-Teefabrik und das Tigerreservat in Periyar füllen die Tage aus. Die Erholung im paradiesischen Tropengarten in „unserem“ Dorf kam leider viel zu kurz. Doch statt das Hochglanz-Indien aus Bollywood erlebt man so das wahre Indien.

Die familiäre Atmosphäre bei Mathew und Leela schätzen nicht nur die Gastfamilien. Auch Steffen Wagener, Projektbetreuer beim Veranstalter „travel-to-nature“ macht gerne in Sreekandamangalam Urlaub –diesmal für eine dreiwöchige Ayurveda-Kur: „Für Mathew und Leela sind die Reisegäste – egal welchen Alters – eine Möglichkeit, ihren ganz persönlichen, deutschen Lebensabschnitt auch in ihrer Heimat Indien weiterzuführen und als ideale Mittler zwischen den Kulturen zu wirken“, weiß Wagener aus vielen Begegnungen. „Das ist aus meiner Sicht das Geheimnis, weshalb sich die Gäste so individuell angenommen und familiär aufgenommen fühlen“, sagt er.

Am Abend treffen wir Mohen, „unseren Mohen“, wie die Kinder betonen, beim Tempelfest in Kottayam wieder. In der Abenddämmerung plärrt hinduistischer Gesang aus den Lautsprechern, Pfauentänzer stolzieren durch die Menschenmenge. Prächtig herausgeputzt mit goldenem Kopfschmuck steht Mohen neben vier weiteren Elefanten am Portal zum Thirunakhara-Shiva-Tempel – stundenlang muss er hier ausharren. Wir winken Mohen zu. Ob er uns wieder erkannt hat?

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