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Der Mathematiker am Pokertisch

Das Spiel ist unfair, irrational, nervenaufreibend. Aber für den Regensburger Stephan Kalhamer ist es nicht unberechenbar.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Stephan Kalhamer lässt sich nicht in die Karten blicken und auch sein Gesicht verrät nichts. Wer pokert, lernt Mut und Demut, sagt er. Das hilft einem auch im normalen Leben. Foto: Sabine Franzl
  • Kalhamer coacht nicht nur Pokerfans. Sein Ansatz ist ganzheitlich. Foto: Sabine Franzl
  • Mathematik ordnet den Zufall in Wahrscheinlichkeiten. Wer rechnet, pokert besser, lehrt Stephan Kalhamer den Teilnehmern in seinem Taktikseminar. Foto: Sabine Franzl
  • Wach werden mit Kaffee: Die wichtigsten Handgriffe am Morgen Foto: Sabine Franzl
  • Kalhamers Bücher sind Bestseller. Auf Wunsch signiert er sie. Foto: Sabine Franzl
  • Beweglich bleiben mit Trainer Sebastian Koschel Foto: Sabine Franzl

Regensburg.Er rückt nah an den Tisch heran, hält den Rücken gerade, richtet die Augen steil nach unten. Vor ihm liegen quer zwei Karten, seine Hände schirmen sie nach oben und zu den Seiten hin ab. Für den Bruchteil einer Sekunde fächert Stephan Kalhamer das Blatt am Rand etwas auf – ein kurzer Blick in die Zukunft. Dann legt er einen Chip auf die beiden Karten. Die Ausgangsposition ist besiegelt. Und trotzdem ist alles offen. Das Spiel kann beginnen.

Es ist eine Pokerrunde, bei der es eigentlich um nichts geht. Kalhamer ist der Coach, seine Mitspieler wollen von dem 38-jährigen Regensburger Taktik lernen. Am Ende des Tages werden sie zusätzlich viel über sich selbst erfahren haben, vielleicht sogar, ohne es zu merken. Stephan Kalhamer ist seit 2009 Präsident des Deutschen Pokerbundes, hat 2011 als Trainer das deutsche Team zum Weltmeistertitel geführt und 2013 zum EM-Titel der Amateure. Sein erstes Buch „Stephan M. Kalhamer’s Texas Hold’em Poker“ von 2005 steht wohl bei jedem ambitionierten Pokerspieler im Regal, nicht nur in Deutschland.

Pokern bedeutet, in ein feindliches Umfeld investieren

Wäre dieses Kartenspiel wirklich nur ein Glücksspiel – wie der Staat meint – man könnte kaum Bücher drüber schreiben. Und es schon gar nicht zu einer Philosophie machen, die einem mehr über die Konfrontationen des Lebens lehrt wie alles andere. Im Poker geht es immer um alles, egal, ob Geld im Spiel ist oder nicht, findet Stephan Kalhamer. „Beim Pokern investiere ich freiwillig in ein feindliches Umfeld. Ich werde jedem alles wegnehmen, wenn ich kann. Umgekehrt brauche ich nicht zu jammern, wenn mir alle anderen ans Leder wollen.“ Das ist eine seiner Thesen, bei der man nur das Wort „Pokern“ ersetzen muss, um direkt in der freien Wirtschaft zu landen. Auch dort hat er als Unternehmensberater Kunden.

Stephan Kalhamer über das Pokerspielen

Ein kurzer Blick in die Runde: hier röten sich Wangen, dort zuckt ein Mundwinkel, da hängen Schultern, strafft sich ein Rücken, trommelt ein Fuß unterm Tisch, klacken Keramik-Jetons unter nervösen Fingern. Die Männer schweigen und erzählen doch einiges. Nur Stephan Kalhamers Körper ist stumm, auch sein Gesicht verrät nichts. Das kann er stundenlang: alles wahrnehmen, blitzschnell kalkulieren und dann doch aus dem Bauch raus entscheiden, ohne eine Regung. Dafür trainiert er nicht nur seinen Geist – er zählt Pokern zu den Mind Games – sondern auch seinen Körper. Würde er in seiner Funktion als Trainer an diesem Nachmittag nicht ständig reden, man wüsste nicht, was in ihm vorgeht. Dass vor ihm verdeckt zwei Könige liegen, also ein richtig gutes Blatt, ahnt keiner.

Beim Pokern gewinnt keineswegs automatisch der Spieler mit den besten Karten. Das Spiel ist ungerecht, irrational, nervenaufreibend und voller Überraschungen. Die Regeln sind einfach, aber die Spielräume riesig, freilich auch im Negativen: Der Starke dominiert den Schwachen, c’est la vie. Und immer noch haftet dem Pokern – allen Bemühungen von Spielern wie Kalhamer zum Trotz – etwas Halbseidenes an. Scheinbar kein Tummelplatz für jemanden, der Ordnung liebt und gerne alles bis ins Detail plant. Es sei denn, er findet den Zugang über die Mathematik. So war es bei Stephan Kalhamer. Er berechnete bereits als Gymnasiast die Wahrscheinlichkeiten bestimmter Konstellationen. Als Hobbyspieler zog er dann das Pokern bald dem Schafkopfen vor, „weil es mehr Freiheiten bietet“. Und gleichzeitig setzte er alles daran, diese Freiheiten mit den Möglichkeiten der Mathematik und der Psychologie auszuloten, zu berechnen, beherrschbar, irgendwie vorhersehbar zu machen. Der Zufall, dieser unkalkulierbare Rest, der dennoch immer bleibt, erhält die Faszination. Aber die Mathematik ordnet den Zufall immerhin in Wahrscheinlichkeiten. Wer sie kennt, pokert besser, lehrt der Coach im Taktikseminar.

Der Ober sticht den Unter – so ist das nun mal

Nach der ersten Setzrunde sind noch drei Spieler dabei, die anderen haben ihre Karten abgegeben, „Fold“ nennt man das. Es gibt 2,7 Millionen Möglichkeiten, aus den 52 Plastikkarten eine Poker-Hand, also fünf Spielkarten, herauszugreifen. Mit der Starthand eines Königspaars liegt die aktuelle Siegchance am Tisch bei etwa 75 Prozent. In der Mitte werden nun die ersten drei der insgesamt fünf Gemeinschaftskarten aufgedeckt, der „Flop“. Ein Ass ist dabei, ausgerechnet. Hat einer der Mitspieler ebenfalls ein Ass, zählt dieses Paar mehr als die beiden Könige. Der Ober sticht den Unter – so ist das nun mal. Kalhamer bräuchte in den nächsten Runden, die „Turn“ (die vierte Karte wird aufgedeckt) und „River“ (Karte fünf) heißen, einen weiteren König zum Drilling. Seine Chancen sind massiv gefallen.

Stephan Kalhamer studierte nach dem Abitur am Albrecht-Altdorfer-Gymnasium – Leistungskurse Mathe und Altgriechisch – Mathematik in Regensburg und Boston unter anderem am renommierten MIT und kehrte nach Regensburg zurück. Während er noch überlegte, ob er in Zukunft auf die Mathematik setzen wolle, in welcher Branche und an welchem Ort, schrieb er sein Pokerbuch. Es verkaufte sich besser als erwartet. Daher spielte der Diplom-Mathematiker auf Risiko und gründete sein Gaming Institute, das sich im Lauf der Jahre zur größten Live-Poker-Schule im deutschsprachigen Raum entwickelte. Persönlich an verschiedenen Standorten, aber auch via Internet coachen Kalhamer und Kollegen Pokerspieler, vom Anfänger bis zum Profi. Stephan Kalhamer schrieb weitere Bücher, er tritt als Redner auf und berät Unternehmen.

„Das Spiel ist brutal, aber es kann einem wahnsinnig helfen, wenn man es zulässt“, sagt Kalhamer und zählt auf: Mut zu schnellen, schwierigen Entscheidungen, aber auch Demut – man hat schließlich nicht alles im Griff. Handeln unter Druck. Umgang mit Risiko und Verlust. „Am Pokertisch gibt es keine Sättigung. Du willst immer das Bestmögliche rausholen.“ Und wenn etwas daneben geht, Schwamm drüber, sich selbst verzeihen, nur nicht nachkarten. Vielleicht lautet die wichtigste Botschaft, Entscheidungen als gedächtnislose Prozesse zu begreifen: „Die Zukunft ehrgeizig angehen, die Vergangenheit aber relaxt und leger abhaken.“

Die nächste Setzrunde. Ein weiterer Spieler gibt die Karten ab – Fold. Aber einer erhöht: „Raise auf 1000.“ Das ist ein mächtiger Zug. Der hat ein Ass im Ärmel, glaubt jeder. Es knistert im Raum. Hat er wirklich? Wie hat er sich bisher verhalten? Anfänger entscheiden nur gefühlsmäßig – sie können gar nicht anders, Fortgeschrittene handeln rational. Könner sind in der Lage, beides wieder zu vereinen. Die Frage ist: Wer sitzt mir gegenüber? Das Zwischenmenschliche sei das Elixier des Spiels, sagt Stephan Kalhamer. Manchmal wünschte er sich, dass er selbst unterschätzt werde – vergeblich. Und jedes Mal, wenn er sich an den Pokertisch setze, sage er sich: „Ich bin der Letzte, der hier durchdreht. Das ist mein Mantra.“ Denn gewonnen wird ein Turnier nicht am Anfang, sondern in den letzten zwei Stunden.

Gegeneinander auf Kosten des Miteinanders

Statistisch gesehen verlieren 93 Prozent der Pokerspieler. James Bonds Lieblingsspiel ist einfach zu spielen, aber schwer zu gewinnen. Doch das ist nicht der Grund, warum Kalhamer kein Profi-Spieler sein möchte, von Turnier zu Turnier reisen, selbst mit den besten Siegchancen nicht. Er würde gewinnen, sicher, und trotzdem verlieren: „Das Prinzip Pokern zelebriert das Gegeneinander auf Kosten des Miteinanders. Es nutzt gnadenlos die Fehler der anderen aus, bis einer am Boden liegt. Ich möchte nicht, dass dieses Modell mein Leben dominiert“, sagt der Vater von zwei Kindern.

Stephan Kalhamer schiebt seine Könige zur Seite. „Fold.“ Das Spiel ist aus. Diesmal gewinnt ein anderer.

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