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Freitag, 29. Juli 2016 26° 6

Extremismus

OSS: Rechtsextrem, unbekannt, ungeniert

Die Behörden nehmen eine rechtsextreme Terrorvereinigung hoch, verhaftet werden auch drei Bayern. Im Netz zeigten sie sich offen.
von Pascal Durain, MZ und unseren Agentur-Korrespondenten

Karlsruhe.Wer wissen will, wie ein deutscher Neonazi lebt, muss nur ein paar Mal auf dem Facebook-Profil von Andreas H. herumklicken. In seinem Wohnzimmer in Augsburg hängt das langläufige Gewehr neben einem Munitionsgürtel und acht weiteren Schusswaffen über einem Rinderschädel; stolz zeigt er immer wieder sein Arsenal und das Logo der Gruppe, die er als „Präsident“ anführt. Und wegen der er jetzt hinter Gitter sitzt: die „Oldschool Society“. Einer Gruppe, die Szene-Beobachtern bisher völlig unbekannt war, auch in Augsburg, wo Andreas H. einen Trockenbau- und Malerbetrieb unterhält, zählt er nicht zu den Rädelsführern. H. unterhält zwei Profile; in einem gibt er an, aus Straubing zu kommen. Er ist befreundet mit bekennenden, gewaltbereiten Neonazis und bayerischen NPD-Politikern wie Karl Richter und Manfred Waldukat oder mit Jörg Uckermann, einst bei der rechtsextremen Bürgerbewegung pro NRW aktiv.

Mehr als 3000 Leuten gefällt die Seite der OSS, auf der offen gegen Flüchtlinge, Salafisten, Linke, „Kinderschänder“ etc. gehetzt wird. Immer wieder stellt Andreas H. Fotos von sich mit großkalibrigen Waffen ein, kommentiert fleißig und wirbt Mitglieder für die OSS. „Wir sind das Volk!!!Steht auf,und lässt Euch das nicht mehr gefallen“, schreibt er. Oder er postet Selfies mit dem Spruch „Ich sehe Deutschland langsam sterben.. Spür wie Herz daran zerbricht ..“ Oder er verhöhnt die Ermordeten in Konzentrationslagern: „Gedenkstätte,......an was oder wen? An totgeschwiegenen Zeiten ehrlich und Deutsch,oder an eine Lüge die uns seit Jahrzehnten aufgetischt wird,um eine Knechtzeit aufrecht zu erhalten und sie zu intensivieren.“ Andreas H. und seine Kumpels entsprechen allen Klischees, die man von Neonazis haben kann.

Die „Oldschool Society“ hält sich nicht versteckt: Gruppenfotos, Bilder von Trinkgelagen, zwei Youtube-Videos. Auch ihre Ziele erklären sie bereitwillig in einem „Mission Statement“: „Die Organisation ‚’Oldschool Society“ist eine Verbindung gleichgesinnter Menschen die, die Werte Respekt, Loyalität, Ehre, Bruderschaft und Toleranz nicht nur als Floskel sehen, sondern diese Tugenden leben... Unser Motto lautet wieder zurück zu den Wurzeln , zu unseren alten Traditionen.“

Es dauert keine zehn Minuten bis man all das gefunden hat. Vom Logo mit Totenkopf und zwei blutigen Hackebeilen bis hin zur Drohung „Klopf, Klopf Hausbesuch“. Nur offenbaren die Profile nicht, ob all das nur Getue ist – die Generalbundesanwaltschaft und der Verfassungsschutz entschieden sich aber, die Gruppe am Mittwoch hochzunehmen. Die Vereinigung soll Anschläge auf Moscheen und Asylbewerberheime geplant haben. Die Nachrichtenagentur dpa meldet, die Gruppe habe ein Attentat am kommenden Wochenende geplant. Das sei aus der internen Kommunikation hervorgegangen, die abgehört wurde. Das erfuhr die dpa aus Sicherheitskreisen. Mit den von der OSS geplanten Bomben hätten demnach Menschen verletzt oder getötet sowie Gebäude stark beschädigt werden

Razzien in ganz Deutschland

Am Mittwochmorgen fanden dann Razzien in mehreren Bundesländern statt; Spezialeinheiten der Polizei nahmen die mutmaßliche Terrorgruppe hoch. Die Bundesanwaltschaft ließ am Mittwoch vier Verdächtige festnehmen. Außerdem ermittelt die Anklagebehörde gegen fünf weitere „Beschuldigte“, deren Wohnungen ebenfalls durchsucht wurden. Festgenommen wurden sie zunächst nicht. An dem Einsatz in Sachsen, Nordrhein-Westfalen, Bayern, Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern waren etwa 250 Polizeibeamte aus Bund und Ländern beteiligt.

Die vier verhafteten Verdächtigen sind deutsche Staatsbürger im Alter von 22, 39, 47 und 56 Jahren. Bei einer Durchsuchung wurden pyrotechnische Gegenstände „mit großer Sprengkraft“ sowie weitere Beweismittel sichergestellt. Waffen waren Sicherheitskreisen zufolge nicht dabei. Drei Männer wurden laut Bayerischem Rundfunk in Bayern verhaftet: der 56-Jährige lebte im Augsburger Stadtteil Bergheim, dort wurde er kurz nach 11 Uhr verhaftet, wie Augsburger Allgemeine berichtet. Zwei weitere Männer wurden im Landkreis Deggendorf und im Raum Mühlheim verhaftet. Über die 22-jährige Denise Vanessa G. weiß man noch nicht viel. Rädelführer der Gruppe sollen Andreas H. und der 39-jährige Markus W. sein.

Für de Maizière ein großer Erfolg

Die Gruppe soll spätestens seit November 2014 bestehen. Damals hätten sich neun Rechtsextremisten im sächsischen Frohburg südlich von Leipzig zu einer Gründungsveranstaltung getroffen. Im Laufe der Überwachung haben sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen Erkenntnisse verdichtet, dass die Rechtsextremisten durchaus in der Lage gewesen seien, ihre Ziele umzusetzen, hieß es weiter.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte, möglicherweise sei die Bildung einer Organisation nach dem Vorbild des NSU verhindert worden. Der rechtsextreme „Nationalsozialistische Untergrund“ hatte mit einer jahrelang unentdeckten Mordserie Deutschland erschüttert. Der Minister sprach von einer Besorgnis erregenden Entwicklung, lobte aber zugleich den „bedeutenden Ermittlungserfolg“. Nach Einschätzung von Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sei die OSS eine neue Gruppe. Bisher seien noch keine Querverbindungen zu anderen rechtsextremen Vereinigungen erkennbar, sagte er am Mittwoch in München. „Soweit ich das überblicken kann, waren die meisten, um die es da geht, bisher noch nicht so auf dem Bildschirm.“

Ausgangspunkt für die Ermittlungen waren Erkenntnisse des Verfassungsschutzes. Zuerst hatte „Spiegel Online“ von den Razzien und Festnahmen berichtet.

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