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Montag, 25. Juli 2016 30° 4

Leichtathletik

Prokop: „Arena ist eine vertane Chance“

Der Leichtathletik-Chef hätte im Regensburger Stadion gerne eine Laufbahn gesehen. Kritik an der „Lauf-Maut“ weist er zurück.

Will im August ins Council des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF einziehen: Clemens Prokop Foto: dpa

Regensburg.

Herr Prokop, Regensburg fiebert der Eröffnung der Continental-Arena entgegen. Wie sehen Sie als Leichtathletik-Präsident den Hype?

Clemens Prokop: Mit etwas gemischten Gefühlen. Auch wenn es müßig ist, über vertane Chancen zu sprechen, muss ich doch mit Blick auf die aktuelle Situation des SSV Jahn sagen: Es rächt sich, dass hier ein reines Fußballstadion konzipiert wurde. Hätten wir eine Laufbahn, könnten wir deutsche Leichtathletik-Meisterschaften, Staffel-Weltmeisterschaften oder Team-Europameisterschaften nach Regensburg holen. Veranstaltungen, mit denen die Stadt national wie international präsent gewesen wäre, Veranstaltungen, die das Fernsehen live überträgt. Im Nachhinein bedauere ich doch sehr, dass wir das nicht geschafft haben. Es wäre für Regensburg eine Riesenchance gewesen. Schade!

Darüber hinaus wird in der Stadt weiterhin diskutiert, ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, eine Multifunktions-Arena zu errichten, die zum Beispiel für Konzerte genutzt wird.

Wenn es um die Verwertbarkeit von Stadien für außersportliche Veranstaltungen geht, lohnt sich ein Blick nach München. Der Olympiapark hat schwer zu kämpfen, und das, obwohl München – mit Verlaub – ein ganz anderes Standing als Regensburg hat. Die Verantwortlichen dort versuchen ja wirklich alles, sie veranstalten Weinfeste, sogar DTM-Rennen. Ich persönlich bin immer äußerst skeptisch, wenn einem Stadion eine Existenzgrundlage außerhalb des Sports zugeschrieben wird.

Die Arena ist also aus leichtathletischer Sicht ein Ausfall. Bekommen Sie trotzdem noch Ihr Stadion?

Bei diesem Thema liebäugelt die Stadt wohl immer noch mit dem Uni-Sportgelände. Aber die Planung gestaltet sich nicht einfach, was sich ja auch in Bezug auf die geplante Leichtathletik-Trainingshalle gezeigt hat. Diese wäre mit Blick auf mögliche Synergieeffekte bei der Uni ideal angesiedelt gewesen. Aber die Planungen dort haben sich offensichtlich zerschlagen, jetzt rückt ein anderer Standort in den Blickpunkt. Für mich ist primär wichtig, dass nach dieser langen Planungsphase endlich etwas kommt, und Oberbürgermeister Joachim Wolbergs und der Stadtrat haben sich ja in dieser Frage eindeutig positioniert.

Blicken wir über den Regensburger Tellerrand hinaus: Ihr Verband hat in den vergangenen Monaten viel Schelte einstecken müssen, weil er eine sogenannte Lauf-Maut einführen will. Verstehen Sie die Kritik?

In weiten Teilen nicht. Schon der Begriff Lauf-Maut führt ja in die Irre. Es ist ein ganz normaler Vorgang, dass der organisierte Sport Genehmigungsgebühren erhebt. Irgendwie muss der ganze Betrieb ja finanziert werden. Diese Gebühren existieren bereits. Neu an unserem Vorhaben ist, diese bundesweit zu vereinheitlichen. Bislang differiert die Höhe von Bundesland zu Bundesland zwischen 25 und 50 Cent pro Teilnehmer. Wir streben nun bundeseinheitlich 1 Euro an.

Klingt nach einer drastischen Erhöhung...

Zur Verdeutlichung, weil das in der Diskussion häufig unterschlagen wird: Betroffen sind nur Veranstaltungen, die sportlichen Wettbewerbscharakter haben. Nicht erfasst werden karitative Läufe, Spaßläufe bei Volksfesten und Ähnliches. Nach der Neureglung, die wir anstreben, wären Jugendliche grundsätzlich von der Gebühr befreit. Und sie würde auch nur bei denjenigen erhoben, die den Lauf beenden – und nicht mehr bei allen, die an den Start gehen. Damit reduziert sich die Genehmigungsgebühr sogar teilweise.

Trotzdem steht der Vorwurf der drastischen Steigerung im Raum...

In der Tat reden wir auch über eine Erhöhung. Allerdings muss man sehen, welche Gegenleistungen erbracht werden, beginnend mit dem Versicherungsschutz für die Läufer über einen Härtefonds bei Unfällen. Der Laufbereich profitiert ja ganz generell davon, dass der Verband Übungsleiter und Trainingsmaßnahmen bezahlt, dass er die ganze Logistik aufstellt, dass die Leistungen in Bestenlisten erfasst werden. Und so weiter und so fort. Die Erhöhung soll auch dazu dienen, neue Projekte im Laufbereich zu stemmen. Wir könnten mit den Mehreinnahmen neue Strukturen im Laufsport einführen und damit den Vereinen und Läufern wertvolle Hilfestellungen geben. Fakt ist: Die Mittel, die über diese Genehmigungsgebühr hereinkommen, werden eins zu eins in den Sport reinvestiert.

Handelt es sich mithin um ein Kommunikationsproblem zwischen Verband und Läufern? Wäre es nicht klüger gewesen, mit dem Vorhaben erst an die Öffentlichkeit zu treten, wenn Sie konkrete Projekte benennen können, die aus den Mitteln finanziert werden?

Es gibt bereits eine ganze Reihe von Vorschlägen und Ideen. Verbindliche Ankündigungen sind jedoch schwierig solange wir nicht überschauen können, welche Mittel am Ende konkret zur Verfügung stehen. Wenn wir den finanziellen Umfang dessen, was über diese Gebühr hereinkommt, überschauen können, werden wir auch verbindliche Projekte und die konkreten Verbesserungen der Laufstruktur benennen.

Hat Sie die barsche Reaktion aus Teilen der Läuferschaft überrascht?

Reaktionen der Läuferschaft liegen kaum vor. Aber manche Reaktionen der Veranstalter haben mich überrascht. Die Startgebühren, die bereits jetzt für bedeutende Läufe von den Veranstaltern erhoben werden, sind oft schon beachtlich. Eine Erhöhung über die Gebühr um 50 Cent fällt da aus meiner Sicht kaum ins Gewicht, wenn dem Sport und der Läuferschaft auf der anderen Seite spürbar geholfen wird. Aber wir nehmen die Kritik ernst und werden sie in die anstehenden Beratungen mit einbeziehen. Vielleicht gibt es auch Lösungen, die eine größere Zustimmung zur Folge haben.

Drückt sich in der Debatte vielleicht auch das allgemeine Unbehagen aus, das viele Sportler mit Blick auf die anonymen Verbände befällt?

Sicherlich sind viele Sportverbände für Sportler anonyme Organisationen, und wenn diese Organisation dann auch noch mit Forderungen kommt, begegnen sie diesen erst mal mit einer großen Abwehrhaltung. Wir bieten als Leichtathletik eine große Palette an Leistungen an, die als selbstverständlich abgerufen werden. Oft wird sogar der Ruf laut, der Verband habe doch bitteschön noch mehr Dienstleistungen anzubieten. Aber wie gesagt: Alles muss in irgendeiner Weise finanziert werden, dieser Punkt fällt in der Diskussion gerne unter den Tisch.

Bleiben wir beim leidigen Thema Sport und Geld. Ihr Vorzeige-Leichtathlet, Diskus-Olympiasieger Robert Harting, hat das Proj1ekt Deutsche Sportlotterie angestoßen. Was halten Sie von der Idee?

Wir als DLV unterstützen die Initiative Hartings voll, Es ist eine gute und spannende Idee, über diese Lotterie Mittel zu generieren, die dann in den Sport zurückfließen, vor allem in die Stiftung Deutsche Sporthilfe. Das Problem an der Sportlotterie ist momentan noch, dass sie nur in Hessen an Lotto-Annahmestellen angeboten wird und sich noch nicht bundesweit etabliert hat.

Herr Prokop, im August sollen Sie als Nachfolger von Helmut Digel ins Council des Weltverbandes IAAF, also quasi in die Weltregierung der Leichtathletik einziehen. Ist Ihre Wahl als Vertreter des großen DLV ein Selbstläufer?

Beileibe nicht! Nein, die Wahl ist angesichts der vielen internationalen Gegenkandidaten ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen. Ich kann in diesem Zusammenhang dem System der Fifa, die solche Positionen aus den Kontinentalverbänden heraus besetzen lässt, durchaus etwas abgewinnen. Denn in der Leichtathletik ist es momentan noch so, dass am Ende zum Beispiel die Stimmen der Vertreter Ozeaniens oder Afrikas darüber entscheiden, wer für die europäische Leichtathletik im IAAF-Council sitzt.

Also keine Wahl per Akklamation oder per Applaus, wie es bei manchen Sportverbänden üblich ist?

Soweit ich mich erinnere, war das letzte Mal, dass mit Applaus abgestimmt wurde, bei der Wahl von Primo Nebiolo. (Der Italiener stand von 1981 bis 1999 an de Spitze des IAAF/d. Red.) Er hatte keinen Gegenkandidaten. Diese Zeiten sind vorbei. Wir haben fast für jede zu besetzende Position Konkurrenzverhältnisse. Die spannendste Frage ist sicherlich, ob Sergej Bubka oder Sebastian Coe zum Präsidenten und Nachfolger von Lamine Diack aufsteigt.

Sie haben sich ja bereits klar für Coe positioniert.

Ich habe zu Sebastian Coe persönlich einen engen Draht – was nicht heißen soll, dass Bubka nicht auch ein sehr veritabler Kandidat ist.

Welche Schwerpunkte setzen die beiden? Für welche Themen steht Coe, für welche Bubka?

Das ist momentan noch schwer einzuschätzen. Beide Programme sind darauf ausgerichtet, dass Reformen in der Welt-Leichtathletik dringend erforderlich, ja unumgänglich sind. Bubka hat sein Programm erst kürzlich präsentiert. Es enthält viele Anleihen bei Thomas Bach, der als Präsident das Internationale Olympischen Komitee öffnen und seine Arbeit transparenter machen will. Coe setzt unter anderem einen Schwerpunkt bei der Neustrukturierung des Wettkampfsystems. Die Unterschiede liegen aber auch in den Persönlichkeiten und Biographien. Es wird sicherlich eine spannende Entscheidung.

Wäre nicht das Wichtigste für die IAAF, nach der Diack-Ära endlich wieder eine Aufbruchstimmung in der Leichtathletik zu erzeugen?

Richtig. Die Leichtathletik braucht auf internationaler Ebene neuen Schwung. Bubka und Coe haben sich ja Reformen auf die Fahne geschrieben. Welche umgesetzt werden, das ist dann ein politischer Prozess in der IAAF.

Die IAAF hat Ende vergangenen Jahres die deutschen Leichtathletinnen Marita Koch und Heike Drechsler in ihre „Hall of Fame“ aufgenommen. Die Entscheidung ist umstritten, da Kochs immer noch bestehender Fabelweltrekord über 400 Meter (47,60 Sekunden) aus einer Ära stammt, auf der ein schwerer Doping-Verdacht lastet. Waren Sie überhaupt eingebunden?

Nein, ich habe die Entscheidung der IAAF der Presse entnommen und dieses Verfahren auch entsprechend kritisch gewürdigt. Meine Position ist klar: Die IAAF sollte in solchen Fällen Kontakt zum nationalen Verband aufnehmen und diesem wenigstens Gelegenheit zur Stellungnahme geben. Aber eines möchte ich noch anmerken: Heike Drechsler war zwischenzeitlich enttäuscht, weil sie sich in die Kritik mit einbezogen fühlte. Das ist aber nicht der Fall. Heike Drechsler ist eine Ausnahmeathletin, die nach der Wiedervereinigung bewiesen hat, dass sie in einem strikten Anti-Doping-System Topleistungen bieten kann. Sie hat sehr viel für die deutsche Leichtathletik getan.

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