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Regionalwissenschaft

Den Dialog mit Ungarn fördern

Seit einem Jahr ist das Ungarische Institut eine Einrichtung der Uni Regensburg. Lehre und Forschung sollen ausgebaut werden.
Von Louisa Knobloch, MZ

Das Team des Ungarischen Instituts: Andrea Ifland, Florian Bucher, Dr. Bernadette Baumgartner, Krisztina Busa, Katalin Tóth, Dr. Ralf Thomas Göllner und Dr. Zsolt Lengyel. Nicht im Bild ist Lektorin Annamária Fábián-Trost. Foto: Knobloch

Regensburg.Beim Anblick des Bildes, das im Flur des Ungarischen Instituts in der Landshuter Straße hängt, stutzen Betrachter, denn es zeigt etwas Bekanntes – und doch Unbekanntes. Es handelt sich um eine Fotomontage, bei der die Steinerne Brücke in Regensburg mit der Kettenbrücke in Budapest verschmolzen ist. Beide Brücken überspannen die Donau und verbinden so Regensburg und Budapest, Deutschland und Ungarn.

Eine Brücke zwischen den beiden Ländern schlägt auch das Ungarische Institut, das auf eine über 50-jährige Geschichte zurückblicken kann: 1962 in München gegründet, zog die Einrichtung 2009 nach Regensburg um. Vor einem Jahr wurde aus dem An-Institut dann eine zentrale Einrichtung der Universität Regensburg. Am 5. Dezember 2014 unterzeichneten Vertreter des Bayerischen Wissenschaftsministeriums, der Universität Regensburg und des ungarischen Balassi-Instituts im Rahmen der bayerisch-ungarischen Regierungskommission eine entsprechende Zielvereinbarung.

Zum 1. Januar 2015 ging das Hungaricum – Ungarisches Institut (HUI), wie die Einrichtung offiziell heißt, an den Start. „Wir haben uns quasi verdoppelt“, sagt Dr. Zsolt Lengyel, geschäftsführender Direktor des HUI. Denn der Trägerverein Ungarisches Institut München e.V. besteht weiterhin. Das bislang dort angestellte Personal wurde von der Universität übernommen. Von einer „Win-win-Situation“ spricht Mitarbeiter Dr. Ralf Thomas Göllner. Die Universität erhalte nun die Mittel, mit denen der Freistaat Bayern und Ungarn bisher den Verein gefördert hätten. „Dass ein europäisches Land eine deutsche Universität in einem gemeinsamen Projekt unterstützt, ist in dieser Größenordnung bundesweit einmalig“, betont Lengyel.

Ziel: Deutsch-Ungarische Studien

Zu den Aufgaben des neuen Instituts gehört es, die Forschung und Lehre zu Ungarn zu fördern und zu vernetzen. Bereits seit 2010 gibt es die studienbegleitende Zusatzausbildung „Hungaricum“. Studenten aller Fachrichtungen von Universität und OTH Regensburg können hier Ungarisch-Kurse sowie fachwissenschaftliche Veranstaltungen besuchen. In diesem Wintersemester wird neben Vorlesungen zur Geschichte Ungarns und zum ungarischen Recht etwa eine Übung zum Thema „Europas ethnische Heterogenität. Mehrwert oder Bürde?“ angeboten. Künftig sollen auch Themen aus der Wirtschaft behandelt werden, kündigt Lengyel an. Die ursprünglich befristete Studienordnung für das Hungaricum sei inzwischen entfristet worden: „Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft.“ Sein Ziel wäre ein eigener Deutsch-Ungarischer Studiengang. „Hier laufen die Gespräche.“

Die Mitarbeiter des HUI forschen zur Geschichte, Politik und Literatur Ungarns. Schwerpunkte liegen dabei auf dem 19. und 20. Jahrhundert. „Ungarn hat eine gewisse Sonderstellung in der deutschen Osteuropaforschung, die im Wesentlichen eine slawistische Geschichts- und Politikwissenschaft ist“, sagt Lengyel. Das Ungarische Institut fülle hier eine Lücke.

Ein Projekt befasst sich mit der Aufarbeitung der Nachlässe von ungarischen Gelehrten, die als Exilanten zwischen 1945 und 1990 in Deutschland gelebt und gewirkt haben. Diese Nachlässe sind Teil der umfangreichen Bibliothek des Vereins Ungarisches Institut München, die seit 2009 ebenfalls in Regensburg untergebracht ist. Lengyel würde sich wünschen, dass die Sammlung als Sonderbestand in die Universitätsbibliothek integriert wird. Auch die Übernahme der sogenannten Ehinger Bibliothek, einer privaten Sammlung ungarischer Literatur in deutscher Sprache, sei noch nicht geklärt.

Tagung zu Ungarn in Europa

Ein weiteres, durch die Flüchtlingskrise sehr aktuell gewordenes Thema sei der Umgang mit Multikulturalität. In Ungarn gebe es eine gewachsene ethnische Heterogenität, sagt Göllner. Für anerkannte Minderheiten gebe es bestimmte Regelungen, etwa Schulunterricht in der Muttersprache. „Eine aktuelle Frage ist, wie sich Minderheitenschutz beibehalten lässt, wenn nun schon länger in Ungarn lebende Minderheiten mit neuen Zuwanderern konkurrieren“, sagt Göllner.

Warum sich die osteuropäischen Länder in der Flüchtlingskrise anders verhalten als die westeuropäischen Nationen sei auch ein Thema, bei dem es noch Forschungsbedarf gebe, so Göllner. Wichtig sei es, alle Fakten zu berücksichtigen, sagt Lengyel. In Bezug auf den von Ungarn errichteten Grenzzaun sei in Deutschland immer nur von der Abschottung des Landes berichtet worden. Dabei habe der Zaun vor allem das Ziel gehabt, die Zuwanderung durch Transitzonen zu regeln.

Insgesamt sei der Diskussionsbedarf bei politischen oder zeitgeschichtlichen Themen in den vergangenen Jahren gestiegen, so Lengyel. „Unser Institut will gezielt auf diesen Dialog hinarbeiten.“ Etwa über Veranstaltungen, die sich an eine breitere Öffentlichkeit werden. Zur Tagung aus dem vergangenen Jahr ist aktuell das Buch „Ungarn 1989-2014. Eine Bilanz nach 25 Jahren“ beim Regensburger Verlag Pustet erschienen. „Ziel war es, die wichtigsten Bereiche des Systemwandels in kurzen, prägnanten Übersichten zu charakterisieren“, sagt Lengyel. Für 2016 ist zusammen mit der Südosteuropa-Gesellschaft eine Tagung zum Thema „Ungarn, Deutschland und Europa“ geplant. Dabei soll auch die aktuelle Migrationsproblematik eine wichtige Rolle spielen.

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