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Dienstag, 21. November 2017 7

Serie

„Ich bin meiner Leidenschaft gefolgt“

Trotz unsicherer Karriereaussichten entschied sich Gesine Dreisbach für die Wissenschaft. Heute ist sie Professorin für Psychologie in Regensburg.
Von Louisa Knobloch, MZ

Prof. Dr. Gesine Dreisbach ist eine von zwei Professorinnen am Institut für experimentelle Psychologie der Universität Regensburg. Foto: Knobloch

Regensburg.Eigentlich hatte sich Gesine Dreisbach schon gegen eine wissenschaftliche Laufbahn entschieden. Zu unsicher schienen der jungen Psychologin die beruflichen Perspektiven. Dreisbach war gerade von einem Postdoc-Aufenthalt an der Princeton University in den USA nach Deutschland zurückgekehrt, als der Anruf kam, der ihre Meinung ändern sollte. Ein ehemaliger Kollege hatte einen Ruf an die Technische Universität Dresden bekommen und fragte, ob sie bei ihm habilitieren wolle. „In dem Gespräch habe ich gemerkt, dass es doch das Richtige ist“, sagt Dreisbach. „Wenn man diese Leidenschaft für ein Fach mitbringt, dann sollte man dem folgen.“

Forschung zu kognitiver Kontrolle

Für Psychologie hatte sich Dreisbach schon in ihrer Schulzeit interessiert. „Ich hatte aber keine klare Vorstellung von dem Fach.“ Aus Sorge, sich für ein „Laberfach“ zu entscheiden, suchte sie nach Alternativen, schrieb sich aber schließlich doch für Psychologie ein. Im ersten Semester standen vor allem Methodik, Statistik und Experimente auf dem Stundenplan – alles sehr naturwissenschaftlich. „Ich habe schnell gemerkt: Das ist es!“, sagt Dreisbach.

Nach dem Diplom an der Technischen Universität Berlin bewarb sie sich auf eine Doktorandenstelle an der Universität der Bundeswehr Hamburg. „Ich wollte weiter forschen und experimentieren – das hat mir im Studium am meisten Spaß gemacht.“ So kam Dreisbach zum Forschungsgebiet der kognitiven Kontrolle. „Dabei geht es um die Frage, wie wir Handlungen aus einer Vielzahl möglicher Handlungen auswählen, koordinieren und gegenüber möglichen Ablenkungen abschirmen“, erklärt sie. Einerseits wollen wir im Falle einer Ablenkung das ursprüngliche Ziel unserer Handlung nicht aus den Augen verlieren – andererseits müssen wir auch flexibel zwischen Zielen wechseln, wenn Veränderungen in unserer Umwelt das erfordern. Verschiedene Stimmungen können diese Prozesse beeinflussen: „Positive Affekte machen uns eher ablenkbar, gleichzeitig aber auch flexibler“, sagt Dreisbach. Ablenkung müsse dabei nicht immer schlecht sein. „Sie öffnet auch den Blick für Neues.“

Mit dem Einfluss von Stimmungen auf die kognitive Kontrolle beschäftigte sich die Psychologin vor allem während ihrer Habilitation an der TU Dresden. Noch immer war die berufliche Zukunft unsicher. „Eine Entscheidung für die Wissenschaft kann man nicht wirklich fällen“, sagt Dreisbach. „Es gibt in der Grundlagenforschung nur wenige Stellen auf Professorenebene.“ Um den Druck herauszunehmen, setzte sie sich eine persönliche Grenze: Wenn sie bis 40 keine feste Stelle hätte, würde sie einfach nach Berlin ziehen und „was ganz anderes machen“. Ob sie das wirklich durchgezogen hätte, wisse sie nicht, sagt Dreisbach heute. Am Ende brauchte sie ihren Plan B nicht: Noch während ihrer Zeit in Dresden erhielt sie die Möglichkeit, ein Jahr lang eine Psychologie-Professur an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt zu vertreten.

Nachdenken über eine Frauenquote

2008 bekam sie einen Ruf an die Universität Bielefeld, 2009 nahm sie den Ruf auf den Lehrstuhl für Psychologie II an der Universität Regensburg an. Die vielen Ortswechsel im Verlauf ihrer Karriere haben Dreisbach nicht gestört. „Ich habe immer Lust auf Abwechslung“, sagt sie. Ungebunden zu sein war dabei ein Vorteil. Die Entscheidung für eine Familie ist für Dreisbach aber keine Erklärung dafür, warum Frauen in der Professorenschaft unterrepräsentiert sind. „In der Wissenschaft hat man flexiblere Arbeitszeiten als in der Wirtschaft.“

Am Institut für experimentelle Psychologie der Universität Regensburg ist Dreisbach eine von zwei Professorinnen – neben sechs männlichen Kollegen. Bei den Studierenden sieht das Verhältnis anders aus: Hier sind rund 80 Prozent weiblich. „Nach der Promotion bricht der Frauenanteil ein“, sagt Dreisbach. In Fächern, in denen das Geschlechterverhältnis zwischen Studierenden und Dozenten so unterschiedlich ist, wäre die Psychologin einer Frauenquote nicht abgeneigt. „Ich kann es aber auch verstehen, wenn man nicht als Quotenfrau gelten möchte“, sagt sie.

Derzeit ist Dreisbach übrigens nur selten in Regensburg: Sie hat ein Forschungsfreisemester und arbeitet an Projekten in den USA und in Israel.

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