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Bildung

Mobile Schulen für Nomaden-Kinder

Gemeinsam mit Kollegen in Kenia entwickelt ein Projekt-Team der Universität Regensburg ein Schulkonzept für die Daasanach.
Von Louisa Knobloch, MZ

Zwei Daasanach-Kinder testen Materialien aus dem Bereich „Life Studies“. Über Bilder zu sprechen ist für die Nomaden etwas Neues. Foto: Würzle/Stamm

Regensburg.Drei Tagesreisen von der Hauptstadt Nairobi entfernt, im kargen, trockenen Norden Kenias liegt der kleine Ort Illeret. Hier, am Ostufer des Turkana-Sees, leben rund 15 000 Nomaden und Halbnomaden vom Stamm der Daasanach. Mit ihren Herden ziehen sie im Grenzgebiet zwischen Kenia und Äthiopien von einer Wasserstelle zur nächsten. Die meisten Daasanach sind Analphabeten – aufgrund ihrer nomadischen Lebensweise können die Kinder nicht für längere Zeit eine Schule besuchen.

Doch das soll sich ändern: Gemeinsam mit Partnern vor Ort entwickeln Mitarbeiter des Lehrstuhls für Schulpädagogik der Universität Regensburg derzeit ein mobiles Schulsystem für die Daasanach. „Das ist eine ungewöhnliche und schöne Aufgabe“, sagt Dr. Ralf Girg, der in Regensburg das Team Forschung Integral leitet. Für ihn und seine Mitarbeiterinnen Ruth Würzle und Theresa Stamm ist es aber auch eine ganz neue Herausforderung.

Zustande kam der Kontakt nach Kenia über den Missionsbenediktiner Pater Florian, der bereits seit 1984 in Kenia tätig ist und seit 2002 die Nomadenmission Illeret betreut. Der Pater, dessen weltlicher Name Franz-Josef Prinz von Bayern ist, hatte in Gesprächen mit den Nomaden festgestellt, dass viele Daasanach-Eltern bereit wären, ihre Kinder zur Schule zu schicken – wenn die Schule vor Ort wäre und mit ihnen mitziehen würde. Daraufhin rief er 2013 INES ins Leben, das Illeret Nomadic Education System – mit dem Ziel, eine flächendeckende, grundlegende Schulausbildung für alle Daasanach anzubieten.

Ruth Würzle, Dr. Ralf Girg und Theresa Stamm arbeiten an einem mobilen Schulsystem für die Daasanach. Foto: Knobloch

Seit einem Jahr wird das INES-Team vor Ort dabei vom URC-INES-Team in Regensburg unterstützt. Eine mobile Schule – das ist auch für Girg und seine Kolleginnen etwas Neues. Aber die Regensburger bringen jahrelange Erfahrung mit der am Rishi Valley Institute for Educational Resources (RIVER) in Indien entwickelten MGML-Methode mit. Die Abkürzung steht für MultiGrade und MultiLevel – es wird also jahrgangs- und leistungsübergreifend unterrichtet. Vermittelt werden die Inhalte über Lernleitern, die sich wiederum in kleinere Einheiten, sogenannte „Meilensteinen“, gliedern. Mithilfe dieser Lernleitern kann jedes Kind in seinem eigenen Tempo lernen.

Mit Bildern Lernaktivitäten erklären

Solche Lernleitern entwickeln Girg, Würzle und Stamm nun gemeinsam mit dem INES-Team in Illeret für die Daasanach. „Wir orientieren uns am kenianischen Lehrplan für die ersten drei Grundschuljahre“, sagt Girg. Die Lernleitern für den Spracherwerb und Mathematik sind derzeit in Arbeit, geplant ist zudem eine dritte für das Fach „Life Studies“ – hier soll lebenspraktisches Wissen über Themen wie Hygiene, Wassergewinnung oder Viehhaltung vermittelt werden. Eine erste vorbereitende Lernleiter, die in die Methode und die drei Lernbereiche einführt, ist bereits fertig. „Diese konnten wir bei unserem jüngsten Aufenthalt in Illeret im September mitsamt Material an unsere drei Modellschulen übergeben“, berichtet Theresa Stamm. „Es ist toll, dass die Kinder jetzt konkret mit dem Material arbeiten können.“ Lehrer und Schüler seien davon begeistert.

Stamm und ihre Kollegin Ruth Würzle haben vor Ort auch viele Fotos für die Aktivitäts- und Materialkarten gemacht. „Wir können am Anfang noch nicht mit Sprache arbeiten, daher zeigen wir mit Bildern, was die Kinder machen sollen und welche Materialien sie für die jeweilige Aktivität brauchen“, erklärt Würzle. Die beiden jungen Frauen haben enge Verbindungen zu Afrika: Würzle ist als Tochter von Entwicklungshelfern in Kenia aufgewachsen und hat ihr Abitur an der Deutschen Schule in Nairobi gemacht. Stamm lernte Ostafrika bei ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Tansania kennen und lieben.

Wichtig ist dem URC-INES-Team, dass die Lernmaterialien inhaltlich und optisch an den kulturellen Kontext der Daasanach angepasst sind – die Anlauttabelle zeigt beispielsweise Zeichnungen von Löwen, Affen oder heimischen Pflanzen. Zudem sollen Materialien verwendet werden, die vor Ort verfügbar sind: Aus dem traditionellen Perlenschmuck der Daasanach stellen Nomaden-Frauen für den Unterricht Montessori-Perlenstäbe her und schneiden aus alten Gummireifen Buchstaben und Zahlen aus.

Für „Null“ gab es kein Wort

Bei der Mathematik-Lernleiter stieß das Team aber auf unerwartete Probleme. „Die Daasanach leben von der Viehzucht – wir hatten daher eine Zählaufgabe mit Tieren geplant“, erzählt Stamm. Das Zählen der Tiere ist aber ein kulturelles Tabu: „Denn ein guter Viehhüter erkennt jedes seiner Tiere am Aussehen.“ In der Sprache der Daasanach gab es zudem kein Wort für Null. In solchen Fällen entscheiden die Sprachexperten vor Ort in Rücksprache mit den Ältesten. Null heißt jetzt „man“ – dieses Wort wurde bereits in der Daasanach-Bibelübersetzung benutzt, um das „Nichts“ auszurücken.

Theresa Stamm und Ruth Würzle bei einem Workshop zur MGML-Methode mit dem INES-Team in Illeret. Foto: Würzle/Stamm

Die Sprach-Lernleiter beginnt mit Daasanach, das erst vor kurzem überhaupt verschriftlicht wurde. „Die Kinder sollen ihre eigene Sprache lesen und schreiben lernen“, sagt Würzle. Damit sie später einmal auf eine weiterführende Schule wechseln können, sollen sie über weiterführende Lernleitern aber auch Grundkenntnisse in Englisch und Swahili erwerben, den Amtssprachen Kenias.

Neben der Materialentwicklung gehört auch die Ausbildung von Daasanach-Lehrern zum Projekt. Diese sollen später mit den Nomaden-Familien mitziehen und die Unterrichtsmaterialien in Hängetaschen auf einem Esel transportieren. Gelernt wird dann unter einem Schulbaum am Lagerplatz.

Dreimal war das Regensburger Team seit November 2014 bereits vor Ort in Illeret. Die isolierte Lage macht die Anreise aber schwierig. Stamm schult die kenianischen INES-Mitarbeiter daher auch am Computer – seit knapp zwei Monaten erleichtert die Kommunikation über Skype und per E-Mail nun die Arbeit an dem außergewöhnlichen Bildungsprojekt.

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