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Projekt

Promovieren mit Handicap

Bernhard Schneider ist Legastheniker. Im Rahmen des bundesweiten Projekts „Promi“ schreibt er nun an der Universität Würzburg seine Doktorarbeit.
Von Daniel Staffen-Quandt, epd

Professor Axel Winkelmann (nicht im Bild), Uni-Präsident Alfred Forchel, Bernhard Schneider, Sandra Ohlenforst, Christina Stabel, Bernd Mölter, Professor Jürgen Tautz (v.l.) bei der Auftaktveranstaltung für „Promi“. Foto: Marco Bosch/Uni Würzburg

Würzburg.Bernhard Schneider hat einen trockenen Humor. Er schreibe „extrem kreativ“, seine Dozenten und Lehrer hätten ihm immer leidgetan, wenn sie seine Arbeiten zu korrigieren hatten. Der Wirtschaftsinformatiker ist Legastheniker, Rechtschreibung und Zeichensetzung kann er nicht – und daraus macht Schneider kein Geheimnis. Der 32-Jährige hat vor wenigen Wochen an der Universität Würzburg mit seiner Doktorarbeit begonnen. Möglich wurde das nur durch ein spezielles Projekt für schwerbehinderte Absolventen: „Promi“ heißt es, „Promotion inklusive“ bedeutet es.

Schneider erinnert sich mit Grausen an seine Master-Arbeit zurück. Rund 40 Seiten war die stark, gekostet hat sie ihn 1.600 Euro – alleine für die notwendigen Korrekturen, damit sie für die Prüfer lesbar war. Dass er als Legastheniker es überhaupt bis zum Abschluss an einer Hochschule bringen würde, daran hatten nur wenige geglaubt. „Das war schon zur Schulzeit mit dem Abi so, später an der Hochschule und jetzt wieder“, sagt er: „Man gewöhnt sich langsam daran, immer überall der erste zu sein.“ Schließlich brauche es jemanden, „der gegen die Wand läuft“.

Steine sind dem jungen Mann in seiner Ausbildung bislang schon etliche in den Weg gelegt worden. Dass es auch anders geht, zeigt das neue bundesweite „Promi“-Projekt. Dabei werden die Promotionskandidaten auf einer halben Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiter angestellt, so haben sie einen Rechtsanspruch auf Assistenzleistungen, um damit ihre Behinderungen auszugleichen, erklärt Christina Stabel von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit. Für Schneider heißt das etwa: Nötige Korrekturarbeiten werden bezahlt.

Im Rahmen des Projekts soll zwischen 2013 und 2015 jährlich an allen 15 teilnehmenden Hochschulen eine „Promi“-Promotionsstelle geschaffen werden. „Die Art der Behinderung und die Fachrichtung sind dabei völlig egal“, sagte Stabel. Grundvoraussetzung sei ein Behinderungsgrad von mindestens 50 Prozent. Bei den 15 Stellen pro Jahr handle es sich um „Zusatzstellen für wissenschaftliche Mitarbeiter“. Diese Halbtagsstellen werden zu 30 Prozent von den jeweiligen Hochschulen sowie zu 70 Prozent über staatliche Zuschüsse und Fördermittel finanziert.

Schneider arbeitet seit dem 1. September an der Entwicklung einer Online-Lernplattform am Beispiel der „Hobos“, der „Honeybee Online Studies“ am Biologie-Lehrstuhl von Jürgen Tautz. Es geht dabei um die Entwicklung von Online-Lernangeboten in Verknüpfung mit dem Projekt „Hobos“ der Biologen – aber auch darum, sich der Biene als potenziellen „Superstar im Klassenzimmer“ zu nähern, sagt Schneider. Honigbienen seien Sympathieträger, die als Anschauungsobjekt für etliche Fächer neben Biologie taugten, zum Beispiel auch Physik oder Kunst.

Drei Jahre hat Schneider Zeit für seine Doktorarbeit, so lange läuft der Vertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Doktoranden müssen – bis auf ihre Behinderungen – bei der Auswahl alle regulären Anforderungen für eine Promotion erfüllen. „Da wird niemand durchgeschleppt“, sagt Bienen-Professor Tautz. Auch im Rahmen des „Promi“-Projekts gelte der wissenschaftliche Anspruch, dass man „nur die besten durchbringen will“. Die „Promi“-Promotion sei kein Selbstzweck, man helfe den jungen Menschen lediglich dabei, „singuläre Schwächen auszugleichen“.

Neben der Universität Würzburg beteiligen sich Hochschulen in Dresden, Halle-Wittenberg, Koblenz-Landau, Kassel, Ilmenau, Bremen, Stuttgart, Dortmund, Berlin, Hamburg, Oldenburg, Mainz und Potsdam an „Promi“. Die Projektleitung liegt bei der ebenfalls teilnehmenden Universität Köln. (epd)

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