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Hochschule
Sonntag, 23. April 2017 9

Bildung

Zwischen Mozart und Hartz IV

Hoch qualifiziert, aber schlecht bezahlt: Lehrbeauftragte an Musikhochschulen kämpfen für bessere Bedingungen.
Von Louisa Knobloch, MZ

Musikdozenten ziehen andere Saiten auf. Dozenten prangern nun immer offener an, wie schlecht sie bezahlt werden. Foto: dpa

Regensburg.Mit dem Wintersemester beginnt für Arvid Ong wieder die Pendelei: Von Hamburg aus, wo er an der Jugendmusikschule Komposition und Klavier unterrichtet, fährt er an einem Tag in der Woche nach Hannover, an einem anderen Tag nach Detmold. An den dortigen Musikhochschulen lehrt der 45-Jährige Musiktheorie und Gehörbildung. Ong ist einer von geschätzt 5500 Lehrbeauftragten an den staatlichen deutschen Musikhochschulen. „Offizielle Zahlen gibt es nicht“, sagt er.

Sicher ist aber: Für die Musikhochschulen sind die Lehrbeauftragten unentbehrlich. Denn anders als an Universitäten, wo teils mehrere Hundert Studenten in einer Vorlesung sitzen, wird hier viel Einzelunterricht erteilt. Ursprünglich hätten die Lehraufträge der Ergänzung des Lehrangebots dienen sollen, sagt Ong. Heute würden Lehrbeauftragte jedoch im Schnitt etwa 45 Prozent des Unterrichts tragen – an manchen Hochschulen sogar über 60 Prozent.

„Teils skandalöse Zustände“

Von „teils skandalösen Zuständen“ spricht auch der Prorektor der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik Regensburg (HfKM), Prof. Martin Kellhuber. Mehr als 30 Prozent des Unterrichts sollten auf keinen Fall von Lehrbeauftragten abgedeckt werden. „Das ist moralisch nicht vertretbar.“ Derzeit kratzt auch die HfKM an dieser Grenze: „Lange Zeit hatten wir eine Quote von 20 bis 25 Prozent, aktuell sind es 28 bis 30 Prozent“, so Kellhuber. Die Steigerung habe sich durch die Stunden für Schulmusiker ergeben, die ihr erstes und zweites Instrument frei wählen können. „Bei Kirchenmusik sind die Stunden besser kalkulierbar.“ Insgesamt würden an der HfKM pro Woche etwa 460 Einzel- und Gruppenstunden erteilt – 130 davon würden von den 40 Lehrbeauftragten gegeben, die anderen 330 Stunden von den 22 hauptamtlichen Dozenten.

Die freiberuflich tätigen Lehrbeauftragten werden jedoch deutlich schlechter bezahlt als ihre fest angestellten Kollegen. Eine Honorarfortzahlung im Krankheitsfall gibt es ebenso wenig wie Mutterschutz oder Weihnachtsgeld. Seit Jahren kämpfen die Lehrbeauftragten für bessere Bedingungen. 2011 schlossen sich Vertreter zur Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen (BKLM) zusammen, die in der „Frankfurter Resolution“ ihre Forderungen formuliert hat. Dazu gehört, dass Lehrbeauftragte, die den Kernbereich der Lehre abdecken und seit Jahren an ihren Hochschulen unterrichten, feste Anstellungsverträge erhalten sollen. Von 22. bis 23. Oktober findet in Dresden die siebte Bundeskonferenz statt. Einige Erfolge hätten die Lehrbeauftragten in den vergangenen Jahren erreicht, sagt der BKLM-Sprecher Arvid Ong. Diese positiven Effekte blieben aber auf kleiner Ebene.

Vielen droht Altersarmut droht

Prof. Martin Kellhuber Foto: kn

So wurden in einigen Bundesländern, darunter auch Bayern, mittlerweile die Honorarsätze angehoben. Wurden an den staatlichen Musikhochschulen im Freistaat im Jahr 2006 noch zwischen 24,50 und 36 Euro pro Stunde bezahlt, sind es nach Angaben des Kultusministeriums derzeit zwischen 36 und 50 Euro. An der HfKM liegt der Stundensatz bei 33 Euro. Eine Anpassung der Honorare an die Tarifsteigerungen des öffentlichen Dienstes, wie die BKLM sie fordert, lehnt die Politik jedoch ab. Bei einem Lehrauftrag handle es sich nicht um ein Arbeitsverhältnis, sondern um ein öffentlich-rechtliches Auftragsverhältnis, teilte das Kultusministerium mit. Die Mittel für die Lehrauftragsvergütungen müssten für jeden Doppelhaushalt neu verhandelt und beschlossen werden. Bezahlt werden könnten zudem nur die tatsächlich gehaltenen Stunden. An einigen Hochschulen, etwa in Nordrhein-Westfalen, gibt es Arvid Ong zufolge inzwischen Regelungen zur Honorarfortzahlung im Krankheitsfall. „Solche Verbesserungen hängen aber stark vom politischen Willen ab – und sie können auch schnell wieder zurückgenommen werden, wenn sich die politischen Verhältnisse ändern.“ Denn es handle sich lediglich um Memoranden, die keine gesetzliche Grundlage hätten.

Laut Bayerischem Hochschulpersonalgesetz sollen Lehrbeauftragte stets nebenberuflich tätig sein. Tatsächlich hat ein Teil von ihnen eine feste Stelle als Orchestermusiker oder an einer Musikschule. Viele lebten aber nur von Lehraufträgen und anderen Zeitjobs, sagt Ong. Ein Thema bei der Konferenz in Dresden werde daher die Frage der Altersarmut von langjährigen Lehrbeauftragten sein. „Die Politik hat es hingenommen, dass gerade in der Hochschullehre prekäre Arbeitsverhältnisse entstanden sind. Dass diese Leute im Alter abhängig sind von sozialer Sicherung ist politisch sicher nicht gewollt.“

Der Bedarf ist dauerhaft

Seit über 20 Jahren ist Yumiko Yamamoto-Chen als Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik und Theater München tätig. Die 50-Jährige gibt dort Klavierunterricht und begleitet Studenten als Korrepetitorin. Daneben erteilt die Pianistin noch Privatunterricht. „Wenn ich alleine leben würde, würde es wohl nicht funktionieren“, sagt sie. Yamamoto-Chen ist jedoch verheiratet, ihr Mann hat ein regelmäßiges Einkommen. Dass nicht für alle 362 Lehrbeauftragten an der Münchner Musikhochschule feste Stellen geschaffen werden können, ist ihr klar. Zumindest halbe Stellen wären aber in einigen Fällen möglich: Yamamoto-Chen unterrichtet 10,75 Stunden pro Woche, das Maximum für Lehrbeauftragte in Bayern. Denn ab elf Stunden würde es sich um eine halbe hauptamtliche Stelle handeln.

Auch ihre Kollegin Martina Fiedler, die seit mittlerweile elf Jahren an der Hochschule für Musik Nürnberg einen Lehrauftrag für Traversflöte und Korrepetition innehat, wünscht sich, dass dauerhafte Bedarfe auch mit dauerhaften Stellen versorgt werden. „In der Korrepetition sind wir 15 Kollegen, davon zwei Festangestellte, der Rest Lehrbeauftragte. Die Arbeit ist da, aber es werden einfach keine neuen festen Stellen geschaffen.“ Vom Kultusministerium heißt es dazu, bei den Haushaltsverhandlungen hätten keine zusätzlichen Stellen für die Lehre an den staatlichen Hochschulen für Musik bereitgestellt werden können. Hier müsse das Ergebnis künftiger Verhandlungen abgewartet werden.

Ein weiteres Problem ist Martina Fiedler zufolge die schlechte Planbarkeit: Mal habe der Lehrauftrag einen Umfang von fünf Stunden, mal von neun Stunden. „Man hat vor Beginn des Semesters immer nur eine sehr ungefähre Ahnung, wie viel Einkommen man dadurch generiert.“ Ein gewisser Spielraum sei für die Hochschulen aber unabdingbar, betont Prof. Martin Kellhuber von der HfKM. „Wir wissen in der Regel erst im September, wer im Oktober tatsächlich mit dem Studium beginnt.“ Denn oft würden Bewerber die Aufnahmeprüfung an mehreren Hochschulen ablegen und sich dann aussuchen, wo sie studieren. „Ob in Musikgeschichte 18 oder 20 Studenten sitzen, ist relativ egal. Kommen aber plötzlich zwei Pianisten mehr, sind das pro Person drei bis vier Einzelstunden, die dann eventuell über Lehraufträge abgedeckt werden müssen.“

„Ein Ping-Pong-Spiel“

Mit ihren Forderungen stehen die Lehrbeauftragten zwischen der Politik, die die Mittel für die Hochschulen bereitstellt, und den Hochschulen, die autonom über ihre Haushalte entscheiden können. „Es ist ein Ping-Pong-Spiel“, sagt Ong. Zudem kritisiert die BKLM, dass die Lehrbeauftragten in einigen Bundesländern nicht angemessen in den Hochschulgremien vertreten seien. In München gibt es im Senat und im Hochschulrat beispielsweise nur einen Sitz für die beiden Gruppen der hauptamtlichen Dozenten und der Lehrbeauftragten. „Der hauptamtliche Kollege ist Mitglied mit Stimmrecht, ich kann als eine Art ständiger Gast zwar mitreden, aber nicht mitentscheiden“, sagt Yamamoto-Chen. Sie hat auch beobachtet, dass Kollegen sich mit Kritik zurückhielten – aus Sorge, dass der Lehrauftrag dann nicht verlängert werde. „Wenn Probleme geäußert werden, dann in der Regel anonym.“ Als Vertreterin der Lehrbeauftragten suche sie dann das Gespräch mit den Professoren.

Auch Martina Fiedler würde sich wünschen, dass sich mehr Kollegen mobilisieren ließen. „Im Kammermusik- oder Orchesterbereich sind Musiker darauf angewiesen, in der Gruppe zu agieren – im politischen Bereich wurstelt aber jeder vor sich hin.“ Interessenvertretungen wie die BKLM seien wichtig, denn nur um Zusammenschluss habe man die Chance, etwas zu bewirken, ist Fiedler überzeugt. Sie und Yamamoto-Chen wünschen sich mehr Anerkennung von der Politik: „Wir machen die gleiche Arbeit wie die hauptamtlichen Dozenten – ohne Lehrbeauftragte würde das System zusammenbrechen.“

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Im Kugelschreiber bloggen Regensburger Studenten über den Uni-Wahnsinn in der Stadt:

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