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Serie

Sie geht den Dingen auf den Grund

Prof. Ruth Gschwind forscht an der Uni Regensburg zur Struktur von Molekülen. Seit sie Kinder hat, fühlt sie sich kreativer.
Von Louisa Knobloch, MZ

Prof. Dr. Ruth Gschwind vor einem NMR-Spektrometer: Mit diesem Gerät bestimmen die Forscher am Institut für Organische Chemie der Universität Regensburg die Strukturen von Molekülen. Foto: Knobloch

Regensburg.Auf einem Computermonitor betrachtet Prof. Dr. Ruth Gschwind zusammen mit einem Doktoranden das Modell eines Moleküls. Am Institut für Organische Chemie der Universität Regensburg untersuchen die Wissenschaftler gerade organische Ionenpaare. „Diese spielen in der Biologie, der Chemie und der Medizin eine Rolle, ihre Struktur und ihre Wechselwirkungen sind aber weitgehend unbekannt“, sagt Gschwind. Aufschluss soll die Kernspinresonanzspektroskopie (NMR-Spektroskopie) geben: Damit lassen sich Abstände und Winkel in den Molekülen messen und so ihre Struktur bestimmen.

„Zeit, um neugierig sein zu dürfen“

Der Europäische Forschungsrat (ERC) fördert das Projekt von Gschwind über einen ERC Consolidator Grant bis 2019 mit knapp zwei Millionen Euro. Von den Erkenntnissen erhoffen sich die Forscher, die Ionenpaare künftig gezielt manipulieren zu können, um chemische Reaktionen zu optimieren. Den Dingen auf den Grund gehen, sie in ihrem Inneren verstehen – das hat Gschwind schon immer fasziniert. „Wenn man wissen will, was auf molekularer Ebene passiert, dann ist man in der Chemie am besten aufgehoben“, findet sie. Gschwind hatte in München ein humanistisches Gymnasium besucht und nur ein Jahr Chemieunterricht gehabt. Ihr war aber klar, dass sie ein naturwissenschaftliches Fach studieren wollte. Auch Mathematik und Medizin zog sie in Erwägung, entschied sich dann aber für Chemie. Vor allem die Breite des Fachs gefiel ihr: „Man kann sich in Richtung Physik, Biologie oder Medizin spezialisieren.“ Chemie sei zudem eine sehr kreative Wissenschaft, bei der Forscher neue Materialien, Substanzen oder Moleküle kreieren könnten.

1994 machte Gschwind an der TU München ihr Diplom und schloss eine Dissertation in organischer Chemie an. „In der Chemie muss man promovieren“, sagt sie. Ohne Doktortitel habe man auf dem Arbeitsmarkt nur sehr eingeschränkt Chancen. Als Zwang hat Gschwind die Promotion trotzdem nicht empfunden, im Gegenteil: „Man bekommt Zeit geschenkt, weiter neugierig sein zu dürfen und zu forschen.“ Ihre Arbeit schrieb sie über NMR-Spektroskopie an Proteinen.

Nach der Promotion in München ging Gschwind an die Universität Marburg und übernahm dort die Leitung der NMR-Abteilung. Eine feste Stelle mit der Möglichkeit, sich zu habilitieren – angesichts der oft schwierigen beruflichen Situation junger Wissenschaftler sei das ein echter Glücksfall gewesen, sagt Gschwind. 2002 schloss sie ihre Habilitation ab und wurde noch im selben Jahr als Professorin für organische Chemie an die Universität Bonn berufen – mit nur 32 Jahren.

Wie bei vielen Akademikerpaaren führte die Karriere Gschwind und ihren Mann – einen promovierten Bauingenieur – an verschiedene Orte. „Wir sind zehn Jahre lang über sechs Städte gependelt“, erinnert sie sich. Ihr Mann kam zuerst nach Regensburg, er wurde Professor an der Fakultät Bauingenieurwesen der Hochschule. Als an der Universität Regensburg dann eine Professur im Bereich Spektroskopie ausgeschrieben wurde, bewarb sich Gschwind – mit Erfolg. Am selben Ort zu arbeiten sei „wie ein doppelter Sechser im Lotto“, schwärmt sie.

Seit April 2005 ist Gschwind Professorin für organische Chemie in Regensburg. Lange Zeit war sie die einzige Professorin an der Fakultät, mittlerweile sind zwei weitere Professorinnen hinzugekommen. „Ich finde es toll, dass wir jetzt drei Frauen sind – das heißt aber nicht, dass man mit Männern nicht super zusammenarbeiten kann“, sagt Gschwind. Mit ihren Kollegen hat sie immer positive Erfahrungen gemacht. Nur als sie in Bonn gerade die Professur angetreten hatte, fragte ein Vertreter sie vor ihrem Büro, ob er den „Herrn Professor“ sprechen könne. Wenn es mehr Frauen in Führungspositionen gebe, würden Vorurteile abgebaut, ist sie überzeugt. Einer Frauenquote steht Gschwind dennoch skeptisch gegenüber. Zwar hätten die vergangenen Jahre gezeigt, dass sich ohne eine Quote nichts bewege. Starre Zahlen wie die Quote von 30 Prozent für die Aufsichtsräte großer Firmen findet Gschwind aber zu hart. Sie hat beobachtet, dass manche Doktorandinnen spezielle Förderangebote für Frauen sogar als diskriminierend empfinden. „Wir haben in der Chemie viele Frauen, die erfolgreich habilitieren“, sagt sie. Ambitionierte Nachwuchswissenschaftlerinnen auf dem Weg zu einer Professur oder einem Lehrstuhl zu unterstützen – das ist für sie echte Frauenförderung.

Ambivalentes Verhältnis zur Quote

Problematisch ist jedoch, dass bei vielen Frauen akademische Qualifikation und Familiengründung zeitlich zusammenfallen. „Ich hatte das Glück, schon als Professorin in Regensburg etabliert zu sein, als ich Mutter wurde“, sagt Gschwind. Sie und ihr Mann haben eine Tochter und einen Sohn. Einen Krippen- und später einen Kindergartenplatz zu bekommen, sei nicht einfach gewesen. Andererseits habe man als Hochschullehrer flexiblere Arbeitszeiten als in vielen anderen Berufen. Kinder und Karriere – für Gschwind ist das nicht nur eine Doppelbelastung: „Ich bin kreativer, seit ich Mutter bin, ich habe einen echten Produktivitätsschub bekommen.“ Der ERC-Grant für europäische Spitzenforschung ist der beste Beweis dafür.

Werdegang

  • Studium

    1989 bis 1994: Chemie-Studium (Diplom) an der TU München

  • Promotion

    1994 bis 1997: Dissertation in organischer Chemie an der TU München

  • Habilitation

    1997 bis 2002: Habilitation in organischer Chemie und Leitung der NMR-Abteilung an der Universität Marburg

  • Privatdozentin

    Februar bis August 2002: Privatdozentin und Leitung der NMR-Abteilung an der Universität Marburg

  • Professorin

    September 2002 bis März 2005: Professorin für organische Chemie an der Universität Bonn

  • Uni Regensburg

    Seit April 2005: Professorin für organische Chemie an der Universität Regensburg

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