mz_logo

mittelbayerische.de
Mittwoch, 3. Juni 2015 27° 1

Psychologie

Wie Geschäftsleute Flugangst besiegen

Wer berufsbedingt viel mit dem Flieger unterwegs ist und unter Flugangst leidet, für den ist die Geschäftsreise eine Qual.

Statt sich ängstlich festzukrallen, sollten sich Berufstätige mit Flugangst während der Reise lieber ablenken und mit dem Sitznachbarn plaudern. Foto: Andrea Warnecke

München. Als Kind ist Veit Hemmeter häufiger geflogen, es hat ihm nie etwas ausgemacht. Als Jugendlicher wurde das Fliegen hin und wieder von einem unguten Gefühl begleitet. „Vielleicht hatte ich zu viele Filme mit Flugzeugabstürzen gesehen“, sagt der 25-Jährige. Als er im Jahr 2005 von Berlin nach Estland zum Segeln fliegen will, verwandelt sich das flaue Gefühl im Magen in Todesangst. Kurz nachdem die Maschine die maximale Flughöhe erreicht hat, schalten sich die Triebwerke aus und das Flugzeug geht in einen steilen Sinkflug. Nicht einmal die Stewardessen wissen, was passiert.

Hemmeter und die anderen Passagiere sind in diesem Augenblick überzeugt: Jetzt stürzen wir ab. Im Nachhinein stellt sich heraus, dass im unteren Bereich des Flugzeugs ein Teil abgerissen war, was dazu führte, dass der Druckausgleich in der Kabine nicht mehr funktionierte. Da der Pilot dies rechtzeitig bemerkte und sofort reagierte, konnte er die Maschine in Berlin notlanden, die Landung verlief glimpflich. Doch das Erlebnis hinterlässt seine Spuren. Sieben Jahre lang steigt Hemmeter in kein Flugzeug mehr.

Vor kurzem hat Hemmeter sein Studium der Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen und seine eigene Firma gegründet. Hatte der 25-Jährige in den letzten Jahren Urlaubsziele gemieden, die nicht mit dem Auto zu erreichen sind, wird er in Zukunft aus beruflichen Gründen viel fliegen müssen. Um seine Flugangst in den Griff zu bekommen, besuchte er im März 2012 ein Seminar zur Flugangstbewältigung.

Solche Seminare gibt es viele: Hemmeter war bei der Münchner Agentur Texter-Millott, die mit der Lufthansa zusammenarbeitet. Daneben gibt es aber auch eine Reihe anderer Angebote: Dazu zählen Coaching-Agenturen wie Flugangst Service, Skycair oder Flugangst-Coaching, die solche Seminare in Kooperation mit Fluggesellschaften wie Air Berlin, Condor und Germanwings anbieten. Die Coachings finden an Flughäfen in ganz Deutschland statt. In der Regel umfassen die Angebote ein- bis zweitägige Gruppenseminare, die mit oder ohne einen begleiteten Kurzstreckenflug gebucht werden können.

Wer Flugangst hat, sollte sich zunächst einmal damit auseinandersetzen, was das Gefühl Angst eigentlich genau ist. „Es ist hilfreich, ein Verständnis für die eigene Angst zu entwickeln, um sie bewältigen zu können“, sagt Diplom-Psychologin Inga Schlattmann. Nicht immer ist es die eigentliche Situation, sprich das Fliegen, wovor sich die Betroffenen fürchten. Häufig sind es die Symptome der Angst wie Schwindel, Herzrasen und Schweißausbrüche, die als bedrohlich empfunden werden. Für Betroffene ist es wichtig zu lernen, dass die Angst selbst zwar etwas Unangenehmes ist, aber nicht gefährlich.

Als Vorbereitung zeigt die Seminarleiterin den Teilnehmern Lockerungsübungen und Entspannungstechniken, die sie vor und während eines Fluges anwenden können. Eine davon ist der sogenannte Muskelpanzer, eine Form der progressiven Muskelentspannung. Dabei werden verschiedene Muskelpartien kurzzeitig angespannt. Durch den starken Kontrast wird die daraufhin eintretende Entspannung viel intensiver wahrgenommen.

Auch die Vorstellung einer angenehmen Fantasieszene, die vorab eingeübt wird, kann zu einem entspannteren Fliegen beitragen. Eine weitere Methode ist das Ersetzen von negativen durch positive Gedanken. Was simpel klingt, kann in Bezug auf die Flugangst einen großen Unterschied machen: Wer während eines Fluges die schwingenden Tragflächen betrachtet und fürchtet, sie könnten jeden Moment abbrechen, fliegt mit einem anderen Gefühl als jemand, der diese Bewegung beobachtet und sich sagt: Gerade das Schwingen beweist, dass die Tragflächen ausreichend flexibel sind, um eben nicht abzubrechen.

Vielen Betroffenen hilft es, sich mit der Bauweise eines Flugzeugs auseinanderzusetzen. In Büchern, Internetportalen und Seminaren zum Thema Flugangst wird erläutert, warum ein Flugzeug überhaupt fliegt, wie die Ausbildung eines Piloten aussieht und wie ein Flugzeug ausgestattet ist. So sind zum Beispiel alle wichtigen Instrumente an Bord zwei- bis dreimal vorhanden. „Viele Betroffene können die Geräusche beim Fliegen nicht richtig zuordnen. Wird die Maschine nach dem Start auf einmal leiser, denken sie zum Beispiel gleich an einen Triebwerksausfall“, erläutert Dieter Schiebel, Inhaber der Agentur Flugangst Service. „Dies hängt in Wirklichkeit jedoch damit zusammen, dass Fahrwerk und Landeklappen eingefahren werden und das Flugzeug mit einem geringeren Luftwiderstand fliegt.“

Wie sich Flugangst äußert

Beim Fliegen können mehrere Ängste zusammenkommen: Die Angst vor Enge, vor Höhe, vor Kontrollverlust. Während die meisten beim Autofahren oder Zugfahren das Gefühl haben, einen Rest Kontrolle zu behalten, wird das Fliegen von einem Gefühl des Ausgeliefertseins begleitet. Laut einer Umfrage des Portals Treffpunkt Flugangst aus dem Jahr 2008 äußert sich Flugangst bei Männern am häufigsten durch Symptome wie schnelle Atmung und Zittern. Frauen reagieren vor allem mit Verkrampfung und Unwohlsein.

Kommentare (0) Regeln Unsere Community Regeln

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht