mz_logo

Wirtschaft
Samstag, 23. September 2017 21° 1

Luftverkehr

Air Berlin: Verhandlungen laufen

Der Bund ist gegen eine Komplett-Übernahme der Fluggesellschaft. Laut Air Berlin werde es mehrere Käufer geben.

Berlin.Der Bund lehnt eine Komplett-Übernahme der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin durch den Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl klar ab. „Das Modell Air Berlin als eine eigenständige Airline ist ja gescheitert“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Matthias Machnig dem Inforadio des RBB. Man müsse „nüchtern zur Kenntnis nehmen, dass man jetzt mehrere Partner braucht“. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur lag bis zum Samstagmittag noch kein Angebot von Wöhrl bei Air Berlin vor.

Es werde auch keinen Zuschlag alleine an die Lufthansa geben, mit der Air Berlin bereits Gespräche führt, sagte Machnig. „Das wäre kartellrechtlich und wettbewerbsrechtlich gar nicht möglich.“ Nach eigenen Angaben ist der Bund an den Verhandlungen nicht beteiligt und steuert sie auch nicht.

Gespräche mit insgesamt drei Unternehmen

„Wir haben mit mehr als zehn Interessenten gesprochen, darunter mit mehreren Fluglinien“, sagte Vorstandschef Thomas Winkelmann der „Bild am Sonntag“. Die Gespräche würden am Wochenende und in der kommenden Woche weitergeführt. Ein Komplettverkauf sei unwahrscheinlich. „Es wird nicht einen, sondern zwei oder drei Käufer geben.“ Die Geschäftsbereiche Langstrecken, Geschäftsflüge und Urlaubsreisen seien zu unterschiedlich.

Air Berlin spricht nach eigenen Angaben aktuell mit der Lufthansa und zwei weiteren Unternehmen. Als Interessenten gelten die britische Billiglinie Easyjet, Tuifly sowie die Thomas-Cook-Tochter Condor. Für Winkelmann ist bei den Verhandlungen Eile geboten. Einen Verkauf im bisher genannten Zeitfenster bis November ist aus seiner Sicht zu spät. „Wir wollen den Verkauf spätestens im September abschließen. Sonst schwindet das Vertrauen der Kunden in die Airline“, sagte er.

Lesen sie außerdem: Was die Pleite für Urlauber bedeutet

Kunden können ihre gesammelten Flugmeilen nicht mehr gegen Gratisflüge oder andere Prämien einlösen. „Wir müssen das Meilensammeln und das Meileneinlösen solange aussetzen, bis wir Klarheit über die Situation bei Air Berlin erlangt haben“, hieß es auf der Seite des Programms Topbonus. Ein Airline-Sprecher sagte: „Air Berlin bedauert, dass der Mehrheitseigner das Topbonus-Programm offenbar nicht weiter führen will.“ Etihad hält 70 Prozent an dem Vielfliegerprogramm, Air Berlin 30 Prozent.

Warnung vor politisch motivierter Bevorzugung

Der Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach, warnte vor einer politisch motivierten Bevorzugung der Lufthansa bei der Zerschlagung von Air Berlin. Ein Ausbau der Lufthansa-Marktanteile in der internationalen Luftfahrt sei zwar grundsätzlich zu begrüßen. „Es überzeugt aber nicht, wenn dies dadurch erfolgen sollte, dass auf Wettbewerb auf deutschen Flugstrecken verzichtet würde“, sagte Wambach der „Welt am Sonntag“. In der Regel führe weniger Wettbewerb zu weniger Innovationen und zu unattraktiveren Produkten, meinte der Chef des Beratungsgremiums. Die Lufthansa müsse stattdessen auf guten Service zu attraktiven Preisen setzen.

„Wir brauchen einen deutschen Champion im internationalen Luftverkehr“

Alexander Dobrindt, Bundesverkehrsminister

Zuvor hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt dafür geworben, dass Lufthansa wesentliche Teile der insolventen Airline übernimmt: „Wir brauchen einen deutschen Champion im internationalen Luftverkehr“, hatte der CSU-Politiker der „Rheinischen Post“ (Freitag) gesagt.

Ziel der Verhandlungen sei, möglichst alle Angestellten so in eine neue Beschäftigung zu überführen, dass die tarifvertraglichen Grundlagen weiter gelten, sagte Staatssekretär Machnig. „Wir haben den Verantwortlichen bei Air Berlin und bei anderen Airlines unsere Erwartungen sehr deutlich formuliert, und ich glaube auch, dass ist verstanden worden“, sagte Machnig.

Bundesregierung half Air Berlin mit Brückenkredit

Ryanair-Chef Michael O'Leary, der eine Bevorzugung der Lufthansa beklagt, sei dafür bekannt, „PR-mäßig“ unterwegs zu sein, sagte Machnig weiter. Wenn er wirklich Interesse habe, solle er sich melden: „Ich bin gerne zu Gesprächen bereit.“

Die Bundesregierung hatte Air Berlin mit einem Brückenkredit in Höhe von 150 Millionen Euro geholfen. Das war unter anderem von O'Leary scharf kritisiert worden. Rückendeckung erhielt der Bund hingegen vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Es sei „vernünftig, das zu machen“, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer dem SWR. Er forderte aber, schnell eine Lösung für die Fluglinie zu finden.

Verdi fordert einen Sozialvertrag

Vor allem der deutsche Marktführer Lufthansa hofft auf einen großen Teil der Flugzeuge der Airline. Die Gewerkschaft Verdi forderte, einen Sozialtarifvertrag zu vereinbaren, um den Übergang für die mehr als 8000 betroffenen Mitarbeiter abzufedern.

Bei den Gesprächen mit Lufthansa könne es um rund 90 der 144 von Air Berlin geleasten Flugzeuge gehen, hieß es in Unternehmenskreisen. Im Eigentum von Air Berlin ist keine Maschine der Flotte mehr. Dementsprechend müssen auch die Leasingfirmen in eine Vereinbarung eingebunden werden. Eine Komplettübernahme von Air Berlin, die derzeit aber nicht zur Debatte steht, würde der Lufthansa vor allem auf innerdeutschen Strecken zu einer starken Stellung verhelfen.

Weitere Artikel aus dem Ressort Wirtschaft lesen Sie hier!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht