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Wirtschaft
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Umwelt

Bauer fährt mit seinem eigenen Sprit

Wenn Traktoren mit Rapsöl betrieben würden, könnten Landwirte mehrfach profitieren. In Straubing will man die Lösung finden.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

Der Testtraktor vor einem Rapsfeld – vorn an dem Fahrzeug ist der Container für die Schadstoffmessung befestigt. Foto: TMZ

Straubing.Es reicht nicht ganz dazu, die Welt zu retten. Aber ein bisschen dabei helfen, das möchte Dr. Edgar Remmele schon. Im Prinzip wäre es binnen einiger Jahre machbar, dass alle Traktoren in Deutschland mit Rapsöl statt mit Diesel fahren. Es ist zwar eher unwahrscheinlich, dass dies eintritt. Aber den Weg dahin möchte der Sachgebietsleiter für biogene Kraft-, Schmier- und Verfahrensstoffe am Technologie- und Förderzentrum im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe in Straubing mit bereiten. Ein mehrköpfiges Team arbeitet daran, Motoren in Traktoren so abzustimmen, dass sie optimal mit Rapsölkraftstoff laufen. Zwei Jahre haben die Forscher in dem Projekt Zeit, ein gutes Ergebnis zu erzielen. Das ist arg knapp, aber erreichbar, sagt Remmele.

Geschlossener Kreislauf

Sollte es klappen, dann geht es um mehr, als ein bisschen weniger Diesel zu verbrennen. Es ginge um einen geschlossenen Stoff- und Energiekreislauf: Die Landwirtschaft könnte ihren eigenen Kraftstoff produzieren, dabei mit heimischem Futtermittel die ökologisch bedenklichen Sojaschrotimporte vermeiden und den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid senken, sagt Remmele. Und das alles ganz ohne Tank-Teller-Konkurrenz.

Mehr Tempo beim Klimaschutz

Ungefähr zwei Milliarden Liter, das sind fünf Prozent des bundesdeutschen Dieselverbrauchs, verbrennen die zumeist schweren Geräte in der Land- und Forstwirtschaft. Beim Betrieb mit Rapsöl fielen bis zu 91 Prozent weniger CO2 an – immerhin, auch wenn Deutschlands Klimabilanz damit nicht entscheidend aufpoliert wäre. Aber es wäre schnell und relativ einfach realisierbar, findet Remmele. Darin liege gerade der Charme dieser Maßnahme. „Wir sollten so schnell wie möglich alles umsetzen, was heute schon machbar ist.“

„Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir im Gäuboden im Jahr 2050 ein Klima wie in der italienischen Po-Ebene.“ Professor Edgar Remmele

Die Ziele im Pariser Klimaschutzabkommen würden ansonsten verfehlt werden. Es müsse schneller gehen“, die CO2-Emissionen zu senken. Von wegen, die Auswirkungen der Klimaerwärmung spielten sich nur weit entfernt ab. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, haben wir im Gäuboden im Jahr 2050 ein Klima wie in der italienischen Po-Ebene“, warnt der Professor. Das klinge schöner als es in Wirklichkeit wäre.

Dieser Versuchstraktor läuft mit Rapsöl. Dafür sorgen unter anderen (v.l.) die Professoren Edgar Remmele und Hans-Peter Rabl sowie der Wissenschaftliche Mitarbeiter Jürgen Gebhard. Foto: Bernhard Fleischmann

Deutschland müsse schneller seine Stromerzeugung auf regenerative Quellen – heute ein Drittel – umstellen. Andernfalls mache die Umstellung auf Elektromobilität keinen Sinn. Wenig praktikabel wären Elektrotraktoren. Ein Traktor, der heute 400 Liter Diesel an Bord hat, wäre mit der gleichen Reichweite mit Batterien um rund fünf Tonnen schwerer, der Platzbedarf der Batterien um den Faktor sechs höher. Rapsöl dagegen hat nur einen um fünf Prozent geringeren Heizwert als Diesel. Weiterer Vorteil: Bei einem Unfall läuft kein Erdölprodukt in den Boden, sondern leicht abbaubares Pflanzenöl.

Rapsöl ist zäh

Technisch wäre die Umstellung lösbar, sagt der Motorenspezialist Professor Hans-Peter Rabl von der OTH Regensburg. Gemeinsam mit dem Motorenbauer Deutz AG soll die optimale Abstimmung erforscht werden. Innermotorisch geht es um Parameter wie Einspritzdruck, -menge, -zeitpunkte und Luftzufuhr. Das Hauptproblem: Rapsöl ist bei Umgebungstemperatur zehn Mal so zäh wie Diesel und zündet beim Kaltstart nicht so willig. Das kann man mit Additiven relativ unkompliziert ändern, aber diese Zusätze sind als wassergefährdend deklariert. „Das wollen wir nicht“, schließt Remmele diesen (zu) einfachen Weg aus.

Beim Abgas schenken sich Rapsöl und Diesel wenig. Rapsöl verursacht etwas mehr Stickoxide, dagegen ist der Ausstoß von Partikeln und Kohlenwasserstoffen geringer. Mithilfe einer angepassten Abgasreinigung inclusive der üblichen Harnstoffeinspritzung lässt sich das in den Griff kriegen. Frühere Erfahrungen mit Pflanzenölen, die mitunter kollabierende Motoren beinhalteten, sorgen für Skepsis; laut Rabl unbegründet, sofern der Motor an diesen Kraftstoff angepasst ist.

Das Problem mit dem Agrardiesel

Mithilfe dieses sündteuren Laborgeräts testet Jürgen Gebhard Kraftstoffe. Foto: Bernhard Fleischmann

Ob sich Rapsöl durchsetzen kann, hängt entscheidend vom Preis ab, glaubt Remmele. 20 Prozent sei es derzeit teurer als der steuerbegünstigte Agrardiesel. Remmele meint natürlich, die Steuerbegünstigung für fossilen Diesel gehört abgeschafft und gleichzeitig der Biokraftstoffeinsatz gefördert. Allerdings nur in langsamen Schritten über mehrere Jahre. Denn würde Agrardiesel auf einen Schlag verteuert, würden sich die Landwirte daran gewöhnen und trotzdem weiter Diesel tanken. Bei einem angekündigten, allmählichen Übergang zu Biokraftstoffen könnte sich die Industrie vorbereiten und die nötigen Entwicklungen in die Wege leiten.

Rapskuchen statt Sojaschrot

Das sei aber nur ein Teil der Rechnung. Denn zur Gesamtbilanz gehöre auch ein bedeutendes Nebenprodukt: Bei der Ölherstellung aus Raps entstehen ein Drittel Öl (kann als Speiseöl, Kraftstoff oder Schmierstoff verwendet werden) und zwei Drittel Presskuchen. Das ist ein Eiweißfuttermittel. Es könne den heute gängigen Sojaschrot im Tierfutter ersetzen. Dieser hat einen weiten Weg aus Südamerika zurückzulegen, ist gentechnisch verändert und berüchtigt dafür, viel Anbaufläche zu benötigen.

Den Insekten hilft es auch

Noch ein Vorteil von Raps: Die Angst vor Monokulturen wäre unbegründet, weil diese Pflanze nur alle vier Jahre auf der gleichen Fläche angebaut werden kann, sagt Remmele. Angesichts des immensen Insektensterbens obendrein erfreulich: Raps sei eine Blühpflanze, die dem Kleingetier Nahrung bietet.

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