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Wirtschaft
Dienstag, 16. Januar 2018 6

Interview

Beziehungen sind wichtiger als Geld

Gespräch mit Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Nürnberg
Von Thorsten Retta, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel Foto: Steffen Giersch

Nürnberg.Herr Professor Ruckriegel, was macht Sie glücklich?

Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel: Gute soziale Beziehungen und sinnvolle, interessante Tätigkeiten.

Gibt es Lebensbereiche, die mehr Glückspotenzial haben als andere? Oder kann der Zustand Glück nur erreicht werden, wenn beruflich und privat alles passt?

Grundlegend sind gelingende soziale Beziehungen über die gesamte Bandbreite sowie Engagement und eine sinnvolle, befriedigende Tätigkeit. Beides sollte passen.

Ob die Arbeit glücklich macht, hängt also nicht zwingend vom Gehalt ab?

Nein, aber es ist wichtig, dass man sich fair bezahlt fühlt. Ist dies der Fall, so kommt es im Wesentlichen auf die Arbeitsinhalte und das Betriebsklima, insbesondere das Verhalten des unmittelbaren Vorgesetzten an.

Nun gibt es Untersuchungen, dass mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in Deutschland innerlich bei ihrem aktuellen Arbeitgeber bereits gekündigt hätten. Warum sind so viele unglücklich? Hängt tatsächlich so viel am Vorgesetzten?

Sie beziehen sich hier auf den Gallup-Engagement-Index. Wie lange ein Mitarbeiter einem Unternehmen treu bleibt und wie motiviert und engagiert er bei der Arbeit ist, hängt vom Arbeitsumfeld und dabei in erster Linie vom disziplinarischen Vorgesetzten ab. Und hier ist in Deutschland noch viel zu tun.

Arbeit bedeutet heute oft Stress, extreme Anforderungen an Mobilität und zeitliche Flexibilität sowie hohen Wettbewerbsdruck. Das lässt die Fallzahlen psychischer Erkrankungen ansteigen. Dennoch wird der Preis scheinbar gerne gezahlt. Sind wir zu gierig?

Ich denke nicht, dass wir den Preis gerne zahlen, und auch nicht, dass die allermeisten von uns zu gierig sind. Wir sind vielmehr in einem Hamsterrad. Die Erkenntnisse der fachübergreifenden Glücksforschung der letzten Jahre sind hier für uns sehr hilfreich, um auszubrechen. Sie zeigen eindeutig, dass es nicht sehr glücksbringend ist, zu viel Zeit auf das Materielle, auf das Erzielen von Einkommen zu verwenden, da wir uns sehr schnell an das höhere Einkommen gewöhnen. Wir sollten unsere Zeit sinnvoller nutzen. Ein bestimmtes Maß an Einkommen brauchen wir allerdings schon.

Übersteigern die Legenden der Aufsteiger, die aus dem Nichts kamen und es ganz nach oben geschafft haben, den Wert der Arbeit? Jeder kennt einen „Tellerwäscher“, aus dem ein „Millionär“ wurde. Die Geschichten der 1000 Tellerwäscher, die seit Jahrzehnten Teller waschen und nicht weiterkommen, kennt man eher nicht.

Ich bin nicht sicher, ob an der Geschichte vom „Tellerwäscher zum Millionär“ – von wenigen Ausnahmen abgesehen – je viel dran war. Wichtig ist, dass wir daran arbeiten, dass unsere Gesellschaft durchlässig ist. Es kommt auf gute Bildungsangebote für alle an, um Chancen im Leben zu eröffnen.

Wenn man aus den Megatrends den wirkmächtigsten herausgreifen müsste, würden viele die Digitalisierung nennen. Hat dieser Universaleinfluss Auswirkungen auf das Potenzial der Menschen, glücklich zu sein? Und wenn ja, in welcher Weise?

Digitalisierung wird zu einem Wegfall von manuellen und kognitiven Routinen führen, aber kaum zu einer Rationalisierung von einfachen oder komplexen interaktiven Tätigkeiten und von wissensintensiven und kreativen Tätigkeiten. Die Ansprüche an kognitive und soziale Fähigkeiten werden zunehmen. Daraus ergeben sich Chancen. Arbeit kann interessanter werden. Dafür braucht es aber auch entsprechende Bildungsangebote. Arbeit kann weniger werden. Dies zieht aber Fragen der Verteilung nach sich und wir müssen uns auch überlegen, wie wir unsere verfügbare Zeit glücksbringend nutzen. Digitalisierung bietet viele Chancen. Letztlich kommt es aber darauf an, was wir, was die Gesellschaft daraus macht.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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