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Wirtschaft
Samstag, 20. Januar 2018 10

Umweltschutz

Das ist Deutschlands Dieselschreck

Klagen der Umwelthilfe könnten zu Fahrverboten führen. Was steckt hinter dem Verband, der sich mit der Autoindustrie anlegt?
Von Reinhard Zweigler

Der Deutschen Umwelthilfe gehen Maßnahmen nach dem Diesel-Gate noch längst nicht weit genug.Foto: Schmidt/dpa

München.Über den Kabarettisten Dieter Nuhr hat sich Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, so richtig geärgert. In seinem TV-Jahresrückblick hatte Nuhr Reschs Organisation unterstellt, sie lasse sich vom japanischen Autobauer Toyota sponsoren, um der deutschen Autobauer-Konkurrenz zu schaden.

Prompt hagelte es beim Nachrichtendienst Twitter böse Kommentare. So zwitscherte einer, die „links-grün versiffte zwangsfinanzierte Propaganda“ der „zwielichtigen“ Umwelthilfe nerve und führe dazu, dass Tausende Dieselfahrer ihre Autos verschrotten müssten.

Die Deutsche Umwelthilfe beschäftigt sich auch mit dem Feinstaub an Silvester.

Hintergrund der Attacken ist, dass das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig am 22. Februar darüber entscheiden wird, ob in Städten wie Stuttgart, München oder Düsseldorf Fahrverbote für schmutzige Dieselfahrzeuge zur Verbesserung der Luftqualität rechtens sind. Die DUH klagt gegen insgesamt 19 Städte, weil die Luft den gesetzlich vorgegebenen Grenzwert für Stickstoffdioxid – 40 Mikrogramm je Kubikmeter – im Jahresdurchschnitt zum Teil erheblich überschritten hat. Was steckt hinter dem kleinen Umweltverband mit gerade mal 273 Mitgliedern, der sich mit der großen Politik, Kommunen und vor allem der mächtigen Autoindustrie anlegt?

„Gesteuerter Rufmord“

Über die heftigen Attacken gegen die Umwelthilfe schüttelt Resch nur den Kopf. Er könne die Vorurteile bis hin zum gesteuerten Rufmord in Medien Punkt für Punkt entkräften, sagt er jetzt unserem Medienhaus.

Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe Foto: Markus Scholz/dpa

Mit dem japanischen Autobauer etwa arbeite seine Organisation seit fast 20 Jahren zusammen. Toyota sponsort mit rund 50 000 Euro den jährlichen Dienstwagencheck der Umwelthilfe. Und dass kein Dieselfahrzeug aus Toyota-Produktion getestet worden sei, wäre „schlicht falsch“. Resch verweist auf einen bereits 2016 getesteten Diesel-Auris mit mehrfacher Überschreitung der Grenzwerte auf der Straße. Und in den vergangenen zehn Jahren führte die DUH 47 Gerichtsverfahren gegen Toyota beziehungsweise Händler wegen Verstoß gegen die Energieverbrauchsvorschriften.

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Als die Zusammenarbeit mit den Japanern Ende der 90er Jahre begann, war an den aktuellen Dieselskandal noch nicht zu denken. Es gebe keinerlei inhaltliche Einflussnahme von Toyota auf die Arbeit der Umwelthilfe. Die deutschen Autobauer, die ganze Heerscharen von Juristen gegen die Umweltaktivisten in Gang setzten, versuchten die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation fortwährend zu verunglimpfen, ärgert sich Resch.

Die „rote Linie“ für Reschs Arbeit

Dabei ist die Kette der erfolgreichen Kampagnen und Gerichtsverfahren lang, die die Umwelthilfe in den vergangenen Jahrzehnten gegen Umweltschäden auf den Weg brachte. Im Zivildienst sammelte der damals 22-jährige Resch in seiner Heimat am Bodensee tote Vögel, deren Ableben durch das Mäusegift Endrin verursacht worden war. Er legte den Mitgliedern des Sachverständigenrates der Biologischen Bundesanstalt in Braunschweig tote Mäusebussarde auf den Tisch. Vier Monate später war das Gift verboten. Selber unabhängig Fakten ermitteln und dann die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft so lange nerven, bis eine Änderung erreicht wird, lautet gewissermaßen der Arbeitsgrundsatz der DUH. Die Reinhaltung von Luft und Wasser, sei die „rote Linie“ für seine Arbeit, sagt der Umweltaktivist, der privat ein Benzin-Hybrid-Auto fährt.

Waldschadenskarte dokumentiert Schwefeldioxid-Folgen

Die Organisation erarbeitete und veröffentlichte vor über 30 Jahren aus vielen Einzeldaten eine bundesweite Waldschadenskarte und dokumentierte damit die verheerenden Folgen des Luftschadstoffs Schwefeldioxid. Vor 20 Jahren initiierte die DUH eine erfolgreich verlaufene Kampagne gegen die Mineralölindustrie und setzte ab 2001 die schwefelfreien Kraftstoffe durch. Beim Discounter Lidl stoppte die DUH den Verkauf von Einweg-Bierflaschen, die bei der Rückgabe als Mehrwegflaschen mit einem zu niedrigen Pfand erkannt wurden. Und vor rund 15 Jahren lag die Umwelthilfe im Clinch mit den deutschen Autobauern, die partout keine Rußpartikelfilter in ihren Dieselfahrzeugen einbauen wollten. Die französische Konkurrenz hatte es längst getan. Die Zusammenarbeit der Umweltschützer mit Daimler-Benz beendete die DUH 2005 wegen des Zensurversuchs des Autokonzerns. Und seit rund zehn Jahren schon warnt die DUH vor viel zu hohen Stickoxid-Emissionen bei Dieselfahrzeugen auf der Straße.

Die deutsche Umwelthilfe

  • Die Deutsche Umwelthilfe

    e.V. (DUH) wurde 1975 gegründet. Sie ist politisch unabhängig, gemeinnützig anerkannt, klageberechtigt und engagiert sich vor allem auf nationaler und europäischer Ebene.

  • Die DUH

    setzt sich für Lebensweisen und Wirtschaftsformen ein, die ökologische Belastungsgrenzen respektieren. für den Erhalt der biologischen Vielfalt und den Schutz der Naturgüter sowie für den Klimaschutz. Die Überzeugung des Verbandes: Nur eine auf regenerativen Energien basierende Energieversorgung, nachhaltige Mobilität, Ressourcenerhalt und Abfallvermeidung können die Erde erhalten.

  • Aktuell initiiert

    die Deutsche Umwelthilfe eine Kampagne gegen die Automobilindustrie. Man werde den Kampf für saubere Luft fortsetzen, verspricht der Verband und wirbt um Unterstützung. Obwohl die DUH nicht zu den Diesel-Gipfeln geladen war, ist sie Teil der sogenannten Expertengruppe 1.

Doch erst als die Umweltbehörden in den USA 2015 gegen den Volkswagen-Konzern vorgingen, kam der Stein auch in Deutschland ins Rollen. Die Bundesregierung veranstaltete drei Diesel-Gipfel mit Autoherstellern und Kommunen. Deren Ergebnis – ein Fonds von einer Milliarde Euro für Kommunen sowie Software-Updates für Dieselautos – sei bisher nur eine „Luftnummer“, kritisiert Resch. Der Widerstand der Industrie, koordiniert vom mächtigen Verband der Deutschen Automobilindustrie (VDA), sei gewaltig. Und das klingt so, als wenn David seine Schleuder gegen den großen Goliath in Stellung bringen würde.

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