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Der Chefstratege als Kummerkasten

Dr. Ulrich Stephan, oberster Anlageberater der Deutschen Bank, stellte sich den Fragen von Anlegern der Region.
Von Roman Hiendlmaier, mz

Viele Fragen zur Euro-Krise stellten Anleger an Ulrich Stephan (r.). Foto: rh

Regensburg. Es sollte ein Anlegerforum werden, für betuchte Kunden der Deutschen Bank, denen Dr. Ulrich Stephan die Lage an den Finanzmärkten erklären sollte.

Der Chefanlageberater für Privat- und Geschäftskunden bei der Deutschen Bank hatte vor rund 30 Zuhörern im Sorat-Hotel jedoch in erster Linie eine europapolitische Debatte zu führen. Denn die Fragen an den promovierten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler lauteten nicht, ob Aktie A besser als Aktie B sei, oder wie weit Gold im Wert noch steigen wird – viel mehr war eine tiefe Besorgnis in den Gesichtern des Top-Klientels zu lesen.

Werden wir von den Schuldenbergen erdrückt? Fliegt uns der Euro um die Ohren? Ist das Ersparte noch sicher? Existenzielle Fragen drängten den 46-Jährigen aus seinem Konzept der Zahlen und Statistiken.

Eine Situation, die für den Veranstalter übrigens nicht ungewöhnlich war: „Das erleben wir in den Beratungsgesprächen täglich,“ so Thomas Kunze, Leiter der Investmentsparte der Deutsche-Bank-Dependance Regensburg.

Kunzes Pendant in Frankfurt teilte auch grundsätzlich die Besorgnis seiner ostbayerischen Zuhörer, fühlte sich durch die hartnäckige Fragen jedoch bemüßigt, die Debatte zu verkürzen: Ja, die Krise des Euro sei besorgniserregend, ebenso das hohe Engagament der Bundesrepublik in den Krisenstaaten. Aber auch ein klares Nein zu Rezession und Staatsbankrott der Bundesrepublik, selbst für den Fall einer völligen Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. „Man muss die Dimensionen vergleichen,“ so Stephan. „Gemessen an den jährlichen Transfers in die neuen Bundesländer könnte Deutschland die griechischen Schulden binnen drei Jahren tilgen.“ Und selbst wenn Griechenland aus dem Euro fliegen würde – die Kredite und Bürgschaften würden nicht dann wertlos, sondern in einem noch zu ermittelnden Maß im Wert beschnitten. Voraussichtlich schon bei G-20-Gipfel im November werden die Euro-Retter einen großen Schritt weiter sein, beruhigte Ulrich Stephan.

Unmittelbarer als die Löcher in den Staatshaushalten sorge ihn, welche Löcher sich noch in den Bankbilanzen befänden. Die Zwangs-Verstaatlichung der belgisch-französischen Großbank Dexia habe in der Finanzbranche Spuren hinterlassen. „Gute Ratings, Stresstest mit Bravour bestanden – und dann binnen Tagen pleite.“ Da forderte sogar ein Bankenvertreter die strengere Aufsicht über die Rechungslegung. Erst Banken stärken, dann Griechenlands Schulden beschneiden – so sähe die Finanzwelt den Königsweg aus der Krise. Wenn da nur nicht die Politik wäre: Ein Silvio Berlusconi habe kein Problem, ein riesiges Sparpaket zu verkünden, nur wenige Tage später das Projekt in Teilen wieder zu kassieren, um es einige Wochen später dann doch zu beschließen, rügte Ulrich Stephan. „Woher soll bei den Finanzmärkten das Vertrauen kommen?“

Abseits bilanzieller und politischer Winkelzüge sei dagegen die wirtschaftliche Lage weiter gut, vor allem in Deutschland seien hier die Unternehmensgewinne „erstaunlich gut“.

Stephan war zuversichtlich, dass im Zuge der Euro-Rettung die EZB den Leitzins noch senken werde. Für Anleger würde das weiter niedrige Zinsen bedeuten. Zusammen mit dem moderaten Wachstum im EU-Raum sieht die Deutsche Bank daher auch keinen Anlass, ihre Kunden vor einer galoppierenden Inflation zu warnen.

„Chancen nutzen, aber defensiv“ gab Stephan als Anlage-Motto aus. Defensiv bedeute für ihn der Kauf von Dividendentitel wie Daimler oder Münchner Rück. Chancen heißt übersetzt Engagements in Edelmetalle, in Emerging Markets, Unternehmensanleihen oder Immoblienfonds. Kurz vor der anstehenden Berichtssaison blieb Stephan auch bei seinem prognostizierten Ziel für den deutschen Leitindex Dax zum Jahresende: 7000 Punkte.

Schließlich sei es „zur Sicherheit“ nicht verkehrt, noch ein schönes Sümmchen cash zu haben – „aber nicht übertreiben“, so Ulrich Stephan. Denn dank Inflation sei bei Bargeld auch die Rendite sicher: sicher negativ.

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