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Wirtschaft
Freitag, 23. Juni 2017 30° 2

Innovation

Der harte Weg flexibler Innovationen

Ein Shirt mit Pulsmessung, ein Teppich, der erkennt, ob ein Einbrecher auf ihn tritt – in Regensburg tagte die High-Tech- Textilienbranche.
Von Roman Hiendlmaier, mz

Textile Mikrosysteme können auf Knopfdruck Schuhe zum Erwärmen bringen oder Handschuhe zum Telefonhörer machen – noch scheitern jedoch viele Innovationen auf dem langen Weg zur Serienfertigung. Foto: Bayern innovativ

Regensburg. Leicht und weich, wind- und wasserabweisend sind moderne Textilien schon heute. In Zukunft wird unsere Bekleidung dank immer kleinerer und flexiblerer Halbleitertechnik buchstäblich „schlauer“. Sie wird fühlen und mitdenken, den Nutzer oder Träger in verschiedenen Situationen unterstützen oder vor Gefahren warnen. Innovationstreiber sind dabei Wissenschaftler diverser Disziplinen von der Grundlagenforschung bis zu Produktions-Experten, die vom Antiraucher-Pflaster bis zur künstlichen Ader immer neue Anwendungsgebiete erschließen.

Gut 200 Theoretiker und Praktiker aus der Branche trafen sich gestern in Regensburg, um nach den Worten von Prof. Karlheinz Bock „verstreutes Wissen“ zu bündeln und neue Allianzen zu schmieden. Bock, als Leiter der Fraunhofer-Einrichtung EMFT in München und Regensburg mit dem Bio-Park, dem Cluster Sensorik und Bayern innovativ Gastgeber, sah in der Resonanz von über 200 Teilnehmern den großen Bedarf für derartige Foren. Ein Shirt mit Lichtschutzfaktor 30, das abends in der Disco leuchtet, Vitaldaten überwacht und bei Bedarf Akupressurpunkte meldet, gab es im Computer schon Anfang des Jahrtausends. Der Grund, warum seitdem noch vergleichsweise wenig High-Tech-Textilien den Alltag erobert haben, liegt laut Prof. Bock in der schwierigen Umsetzung der Forschungsergebnisse.

Diesen langen Weg beschrieben im Kolpinghaus zahlreiche Referenten wie der Forschungschef des Philips-Konzerns, Dr. Stevens Luitjens, am Beispiel einer Spezial-Decke für Babys mit Neugeborenengelbsucht. Viele der von diesem Phänomen betroffenen Kinder benötigen als Therapie die Bestrahlung mit blauem Licht. Nachteil: Die Strahlung kann die empfindlichen Augen gefährden und den Temperaturhaushalt der Neugeborenen durcheinanderbringen.

Die „Leuchtdecke“ aus der Philips-Forschung wäre da natürlich eine in jeder Hinsicht lohnende Innovation. Aber auch mit der Forschungskraft eines Konzerns im Rücken ist es Luitjens’ Team noch nicht gelungen, das leuchtende Deckchen in die Neugeborenenstationen zu bringen. Eines der Probleme: das High-Tech-Textil ist noch nicht waschmaschinenfest. Marktstart soll nun 2013 sein.

Tatsächlich ist im Tagesgeschäft der Erfolg von „wearable Technology“ bisher bescheiden, trotz einer mittlerweile über zehnjährigen Forschung. Knut Starringer, Inhaber eines gleichnamigen Textil- und Lederwarenunternehmens in Schrobenhausen, erklärte den Forschern auch, warum: „Es wird zu wenig vom Anwender her gedacht.“ Sein Unternehmen ist ebenfalls in ein textiles Pilotprojekt involviert – einem Shirt, das Puls und Atmung messen und im Notfall den BRK-Hausnotrufdienst informieren kann. Aber auch das ist noch Zukunftsmusik: Bis Jahresende soll zumindest der erste Prototyp fertig sein.

Einen Schritt weiter ist Christl Lauterbach. Sie ist Geschäftsführerin von Future-Shape, das Fußböden mit Sensorkontakten anbietet. Die Ex-Infineon-Projektleiterin hat eine Innovation zur Geschäftsgrundlage gemacht, die beim Münchner Halbleiter-Konzern nicht mehr weiterverfolgt wurde. Eine nur zwei Millimeter dünne Folie unter Teppichen registriert den Zutritt in diesem Raum, schaltet bei Bedarf das Licht ein oder öffnet Türen. Der schlaue Teppich kann aber auch die Polizei informieren, wenn er eine Trittspur registriert, die am Fenster oder Balkon beginnt...

Anwendungen für den cleveren Bodenbelag gibt’s genug, sagt Lauterbach, vom Sicherheitsbereich bis zur Unterlage für bewegungsgesteuerte Computerspiele. „Problem“ ist dabei der Preis des Sensorbodens: 500 Euro pro Quadratmeter, Ziel sind 200Euro „in einigen Jahren“.

Auch wenn der Weg vom Labor oder dem Simulations-Computer bis zum verkaufsfähigen Produkt oft lang und steinig ist, die deutsche Textilbranche ist hinsichtlich seiner Innovationen weltweit führend, so Prof. Josef Nassauer, Geschäftsführer der Bayern Innovativ. Es gebe zahlreiche Förderprojekte, deren Teilnahme sich für Unternehmen lohne – nicht immer in Cent und Euro, aber immer mit einem Zuwachs an Kontakten, Kompetenz und Erfahrung.

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