mz_logo

Wirtschaft
Dienstag, 26. September 2017 19° 5

Technologie

Die digitale Vernetzung schreitet voran

Dr. Robert Kecskes, Senior Insights Director bei der GfK, spricht über die Ära der „Hyperconnectivity“.
Von Thomas Tijang, Wirtschaftszeitung

Dr. Robert Kecskes Foto: Thomas Tjiang

Nürnberg. Herr Dr. Kecskes, Sie sprechen in Zusammenhang mit dem Smarthome von der Ära der Hyperconnectivity. Was muss man sich darunter vorstellen?

Dr. Robert Kecskes: Das Schlagwort Hyperconnectivity verdeutlicht, dass die digitale Vernetzung weiter voranschreitet und immer weitere Bereiche des Lebens umfassen wird. Wir haben gerade das zehnjährige Jubiläum des iPhone, das 2007 auf den Markt kam. Das Smartphone hat im Wesentlichen Menschen miteinander verbunden. Dann kamen die Wearables, die Uhren, die digital zum Beispiel den Puls und andere Gesundheitsdaten messen. Damit vernetzt sich der Nutzer quasi mit sich selbst. Und mit dem Smart-home werden jetzt die Dinge zusätzlich untereinander vernetzt. Diese Steigerung nennen wir Hyperconnectivity, mit Auswirkungen, die noch gar nicht absehbar sind.

Wie stark wächst denn der Markt für diese Smarthomeprodukte?

Wir sehen aktuell deutliche Umsatzsteigerungen von 15 Prozent. Das variiert allerdings. Im Segment Küchengeräte ist die Steigerung deutlich höher als in anderen Bereichen. Die Herausforderung für Hersteller von Smart-
homegeräten ist: Die Zielgruppe, die hochaffin ist und zumindest Teile des Angebots sofort nutzen würde, hat im Augenblick noch nicht die finanziellen Möglichkeiten. Das sind junge Haushalte, die gerade in der Gründungsphase sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass das nicht die letzte Küche sein wird, liegt bei 100 Prozent. Sie verteilen ihr begrenztes Budget stärker auf Reisen und Erlebnisse. Denjenigen, die die finanziellen Möglichkeiten für eine smarte Küche oder ein Smart-home haben, fehlt dagegen die Affinität zu Smarthomegeräten.

Sie sprechen bei der affinen Gruppe von iBrains, jungen Erwachsenen von 18 bis 22 Jahren. Wann werden die eine relevante Zielgruppe?

Unabhängig von Smarthome wird die erste große Einbauküche oder ein passendes Wohnzimmer etwa im Alter von 35 Jahren gekauft. Jetzt kommt Smarthome dazu. Angesichts der Zusatzkosten muss ich als Kunde relativ sicher sein, dass ich das auch lange nutzen werde. Sonst ist die Investition zu groß. Ich glaube eher, dass sich einzelne Smarthometeile durchsetzen werden. Da geht es etwa um das Thema Voice Control mit der digitalen Assistentin Alexa von Amazon Echo oder den Küchenassistenten Mykie von BSH. Das sind einzelne Smarthometeile, die hochflexibel sind und die man auch beim Umzug mitnehmen kann.

Und was bedeutet das für die Anbieterseite?

Wir brauchen in diesem Segment Geschäftsmodelle, die weg vom Kauf hin in Richtung Abonnement gehen. Neue Geräte lassen sich einfach austauschen oder ersetzen. Wenn die Industrie bei den jungen iBrains auf Kauf und Besitz setzt, wird es noch etwas dauern, bis sich damit das große Geschäft machen lässt. Die Technik ist bereits weit genug entwickelt, aber der Kauf steht auf der Agenda noch nicht weit genug oben.

Muss die Industrie statt auf Verkauf auf Mietlösungen setzen?

Das wäre eine mögliche Richtung. In den USA gibt es bereits „subscription“-Modelle, also einen Abonnement-Markt. Auch in Deutschland machen sich Hersteller und das Marketing viele Gedanken. Es geht in Richtung Sharingökonomie, also Teilen, und noch weiter Richtung Collaborative. Wichtiger als der Besitz von schlauen Waschmaschinen, schlauen Küchengeräten und schlauer Sicherheitstechnik kann der Zugang sein. So vermeidet man Abhängigkeit von einem bestimmten System, wie wir es von den Computer- oder Smartphone-Betriebssystemen kennen, und man behält als Konsument seine Flexibilität.

Der verbindliche Kauf von Hardware oder Smarthomesystemen ist ein Malus?

Wir kennen das bestens vom digitalen Buchmarkt. Wechsle ich das System, kann ich ein vorher gekauftes Buch nicht mehr lesen. Es handelt sich letztlich um ein Leihmodell, was übrigens den meisten E-Book-Nutzern gar nicht bewusst ist. Trotzdem kommen explizite Leih- und Abonnementsmodelle den heutigen Lebensentwürfen näher. Biografien haben an Linearität verloren. Junge Heranwachsende ziehen temporär wieder zurück zu den Eltern, Paare trennen sich und gründen neue Haushalte, zunächst alleinlebend, dann mit einem neuen Partner. Kurz: Die Diskontinuitäten in der Biografie nehmen zu. Ich nenne dies den Trend zu pointillistischen Lebensstilen, die von immer mehr Veränderungen und Wechsel geprägt sind. Das bremst die Investition in Smarthomegesamtlösungen. Hersteller und Anbieter, die in den kommenden Jahren mit ihren Smarthomeangeboten erfolgreich sein wollen, müssen den Anforderungen und Bedürfnissen dieser pointillistischen Lebensperspektiven gerecht werden.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper. Lesen Sie zu diesem Thema auch den Artikel Komfort und Sicherheit im Smarthome.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht