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Wirtschaft
Samstag, 1. Oktober 2016 24° 3

Studie

Die Digitalisierung bleibt ein Stiefkind

Der Mittelstand vernachlässigt ein Zukunftsthema, so eine Studie. Die Oberpfälzer Fit AG spielt eine positive Vorreiterrolle.
Von Christine Hochreiter, MZ

  • Die größten Schwierigkeiten sehen die Unternehmen in der hohen Komplexität und Geschwindigkeit der technischen Entwicklung. Foto: dpa
  • Die Additive Fertigung ermöglicht außergewöhnliche Designansätze. Dieser Duschkopf wurde mit „Laser Melting“ aus Aluminium aufgebaut. Foto: Lex
  • Ein Schuh aus dem 3D-Drucker. Foto: Lex

Regensburg.Der bayerische Mittelstand kümmert sich zu wenig um das Zukunftsthema Digitalisierung. Das ist das Ergebnis einer Studie die TNS Infratest im Auftrag der Commerzbank erstellt hat. Rein theoretisch betrachtet haben die Mittelständler das Potenzial der Digitalisierung erkannt: 85 Prozent der Unternehmer und Manager sehen darin eine „große Chance“ für den Standort Deutschland. Ganz konkret zählt bereits heute fast jedes fünfte Unternehmen im Freistaat zu den digitalen Vorreitern. „Diese Vorreiter gibt es in allen Branchen und unabhängig von der Unternehmensgröße oder dem Alter der Manager“, so Christian Feil, Niederlassungsleiter der Commerzbank-Mittelstandsbank in Regensburg bei der Präsentation der wichtigsten Studienergebnisse.

Kommentar

Ein Weckruf

Die Zahlen der Commerzbank-Studie sind erschreckend. Viele Unternehmen wissen zwar, dass die Digitalisierung das Mega-Thema der Zukunft ist – und warten...

Das Fazit lautet: Die meisten Firmen haben die Chancen der Digitalisierung zwar erkannt, verhalten sich aber abwartend. 62 Prozent der Befragten räumen durchaus selbstkritisch ein, dass sie das Thema noch vernachlässigen. Bei der Mehrzahl stehen Kostensenkungen, Effizienzsteigerungen und der Fachkräftemangel aktuell höher auf der Agenda als Investitionen in Wachstum und Innovation. „Unternehmen setzen auf Online-Marketing, optimieren die Verwaltung, ermöglichen das Arbeiten aus einem Home-Office oder bieten online Dienstleistungen an. Eine individualisierte und automatisierte Produktion oder die Vernetzung der Wertschöpfungskette findet aber nur bei wenigen Firmen statt“, so Feil.

Eine gewaltige Managementaufgabe

Die größten Schwierigkeiten sehen die befragten Unternehmen in der hohen Komplexität und Geschwindigkeit der technischen Entwicklung (52Prozent), im hohen Investitionsbedarf (50 Prozent), in Datenschutz-Fragen (49 Prozent) und im Fehlen verlässlicher Standards (42 Prozent). Der Banker warnte die Mittelständler davor, die Digitalisierung zu verschlafen. Abwarten könne in sich schnell verändernden Märkten gefährlich sein. Außerdem seien gerade Zeiten, in denen es der Wirtschaft gut geht, der richtige Moment für Investitionen in die Zukunft, betonte Feil. Der Einzug der digitalen Technologien biete große Chancen und sei aufgrund der Komplexität auch eine gewaltige Managementaufgabe. Entscheidungen müssten allerdings schnell getroffen werden. Es räche sich, bei dieser Entwicklung den Anschluss zu verpassen.

Kreative Freiräume schaffen

Der Unternehmer Carl Fruth (li.) und der Commerzbanker Christian Feil machen sich stark für das Thema Digitalisierung im Mittelstand. Foto: Lex

Die digitalen Vorreiter – oft seien es die kleineren Unternehmen – warteten nicht ab, sondern setzten auf Innovationen und Ausprobieren, um sich in engen Märkten einen Vorsprung zu verschaffen. Signifikant häufiger als andere starten sie Pilotprojekte, analysieren das Potenzial möglicher neuer Produkte anstatt sich nur am Marktumfeld zu orientieren, schaffen kreative Freiräume und stellen technische Spezialisten ein. „Der Mut, etwas Neues auszuprobieren, ist das beste Rezept, um den digitalen Wandel im Unternehmen erfolgreich zu managen“, hat der Oberpfälzer Banker beobachtet.

Der Unternehmer Carl Fruth aus Lupburg im Landkreis Neumarkt hat in dieser Hinsicht eine Vorbildfunktion. Seine Fit AG hat sich seit der Gründung 1995 eigenen Angaben zufolge zu einem international tätigen Marktführer entwickelt. Das Oberpfälzer Unternehmen beschäftigt über 200 Mitarbeiter und ist im Bereich Additive Fertigung (Schichtbau) tätig. Das Wort 3D-Druck mag der Unternehmer nicht, weil es hochkomplexe technologische Verfahren verbal zu sehr vereinfacht. Die Fit AG befasst sich mit der Industrialisierung der Additiven Fertigung. Fruth: „Damit sind wir in der Lage, Einzelteile präzise auf Kundenbedürfnisse ausgerichtet herzustellen.“

Für uns steht außer Frage, dass sich die Digitalisierung lohnt, ja sogar zwingend notwendig ist.

Unternehmer Carl Fruth

Dazu gehören unter anderem digital gefertigte medizinische Individualimplantate. Bei dem Lupburger Unternehmen geht die Digitalisierung von der Konstruktion des Datenmodells bis hin zur Qualitätskontrolle. Die Fit AG beliefert auch die Automobil- oder Luft- und Raumfahrtindustrie. Hier helfen innovative Leichtbauelemente die Energieeffizienz von Motoren zu verbessern. Im Motorsport etwa gibt es laut Fruth neue Anforderungen an Leistungsfähigkeit und Komplexität. Bei innovativen Lösungen verkürze sich die Entwicklungsdauer. Mit der Additiven Fertigung würden die Herstellkosten durch Materialeinsparungen minimiert und die Energieeffizienz im Produktionsprozess gesteigert.

Eine Fabrik für 20 Millionen Euro

So vielfältig kann 3D-Druck sein: Modelle der Fit AG. Foto: Lex

Gründer und Unternehmer Fruth ist fest davon überzeugt, dass er ohne eine konsequente Digitalisierung nicht mehr profitabel arbeiten könnte. Der Mut, Personal und Kapital in die Digitalisierung zu investieren, ist seiner Ansicht nach entscheidend für künftige Erträge und eröffnet den notwendigen Handlungsspielraum für die Zukunft. Der Vorstandschef:„Für uns steht außer Frage, dass sich die Digitalisierung lohnt, ja sogar zwingend notwendig ist. Wir sind hundertprozentig im Einklang mit den Handlungsempfehlungen des Zukunftsrats der Bayerischen Wirtschaft.“

Die Fit AG verbuchte 2014 einen Umsatz von 16,8 Millionen Euro. Das war ein Plus von 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Hauptsitz ist Lupburg, weitere Standorte gibt es in Hamburg und Santa Clara in Kalifornien. Das Unternehmen bietet Lösungen für neue Produkte – „für Firmen, die sich heute schon Gedanken machen, womit sie in fünf Jahren ihr Geld verdienen wollen“. Zu den Kunden gehören Autokonzerne wie Toyota. In der neuen Fabrik, die derzeit im Entstehen ist, werden sich die Japaner einmieten, um von den Lupburgern zu lernen, wie die Additive Fertigung perfektioniert werden kann. Die Fit AG investiert derzeit rund 20 Millionen Euro in eine weltweit einmalige Fabrik für additiv gefertigte Teile.

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