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Karriere

Die „Gläserne Decke“ durchbrechen

Ein Soziologe erklärt an der Uni Regensburg, warum Frauen es in der Wirtschaft schwer haben – und was sie dagegen tun können.
Von Louisa Knobloch, MZ

In den Chefetagen großer Unternehmen sind Frauen noch eine Seltenheit. Symbolfoto: Oliver Berg/dpa

Regensburg.Seit 1. Januar gilt die Frauenquote: Rund 100 große, börsennotierte Unternehmen müssen nun 30 Prozent ihrer Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzen. Weitere rund 3500 Firmen sind verpflichtet, sich verbindliche Ziele zu setzen, um den Frauenanteil in Aufsichtsräten, Vorständen und im obersten Management zu erhöhen. Während Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig das zugrundeliegende Gesetz als einen „historischen Schritt für die Gleichberechtigung der Frauen in Deutschland“ bezeichnete, sieht die Realität anders aus. Denn längst noch nicht alle Unternehmen haben sich bislang die geforderten Ziele gesetzt, wie Prof. Dr. Carsten Wippermann am Freitag in seinem Vortrag zu Frauen in Führungspositionen an der Universität Regensburg erläuterte. Der Soziologe ist Mitglied der Sachverständigenkommission, die den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung erarbeitet. Selbst als Zielgröße für den Frauenanteil im Vorstand „Null“ festzulegen, wie es etwa ThyssenKrupp, Volkswagen oder Infineon getan hätten, sei legal. „Das hat keine Konsequenzen.“

„Ohne Quote wird es nicht gehen“

„Die Gläserne Decke“ lautete der Titel von Wippermanns Vortrag. Darin beleuchtete er, warum es für Frauen noch immer so schwer ist, Spitzenpositionen in der Wirtschaft zu erreichen. Seit 2009 beschäftigt sich der Soziologe in zahlreichen Studien und Interviews mit dieser Frage. Sein Fazit: Ohne Quote geht es nicht. Eine ernüchternde Aussage für die vielen jungen Frauen, die im Hörsaal H24 Wippermanns Vortrag lauschten. Die Nachwuchswissenschaftlerinnen nehmen am Mentoring-Programm der Universität Regensburg teil. Am Freitag wurden die Mentees der 2013 gestarteten dritten Staffel verabschiedet und die 14 neuen Teilnehmerinnen begrüßt.

Die Teilnehmerinnen der vierten Staffel des Mentoringprogramms mit Christina Decker (Koordinationsstelle Chancengleichheit und Familie) und der Frauenbeauftragten Prof. Dr. Susanne Modrow. Foto: Knobloch

Dass es auch in der Wissenschaft häufig gläserne Decken gibt, an die Frauen stoßen, zeigte die Frauenbeauftragte der Universität, Prof. Dr. Susanne Modrow, anhand von Zahlen. So sind zwar derzeit 60 Prozent aller Studenten an der Universität Regensburg Frauen, bei den Professoren sind es aber nur noch 16 Prozent. Die Quoten unterscheiden sich zwar je nach Fachbereich, dennoch räumte Präsident Prof. Dr. Udo Hebel ein, dass es Verbesserungsbedarf gebe: „Wir sind noch nicht da, wo wir sein sollten.“ Programme zur Nachwuchsförderung und zur Gleichstellung wie „Mentoring.UR“ sollen Abhilfe schaffen.

Prof. Dr. Ulf Brunnbauer, Prof. Dr. Carsten Wippermann, Prof. Dr. Susanne Modrow, Prof. Dr. Martina Müller-Schilling, Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und Präsident Prof. Dr. Udo Hebel bei der Auftaktveranstaltung des Mentoring-Programms Foto: Knobloch

Zurück zur Wirtschaft: In Interviews mit männlichen Führungskräften hatte Wippermann drei Mentalitätsmuster ausgemacht: Von den konservativ Denkenden werden Frauen in Führungspositionen schlicht wegen ihres Geschlechts abgelehnt. Andere zeigen eine emanzipierte Grundhaltung – sind aber überzeugt, dass Frauen gegen Machtrituale und gesellschaftliche Rollenbilder meist chancenlos seien. Für eine dritte Gruppe ist das Geschlecht zwar nicht das Entscheidende, sie sehen aber einen Mangel an authentischen und flexiblen Frauen, die Führungspositionen besetzten könnten. „Diese Mentalitätsmuster sind der Hüter der Gläsernen Decke“, betonte Wippermann.

Selbstbewusst starten statt warten

Um wirklich etwas zu verändern, gelte es, dieses System fest verwurzelter und sich selbst reproduzierender kultureller Muster zu durchbrechen. „Das vermag nur eine gesetzliche Quotenregelung, die mit Sanktionen versehen ist“, so der Soziologe. Appelle allein reichten nicht. Er sei eigentlich kein Freund einer Quotenregelung. „Aber ich bin überzeugt, dass sich ohne dieses Instrument nichts ändern wird.“

Interessante Zahlen hatte Wippermann auch zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Gepäck: So gaben bei einer Befragung Männer in mittlerer Führungspositionen an, dass ihre Frau die meisten Arbeiten im Haushalt erledige. Frauen, die ebenfalls in einer mittleren Führungsposition tätig waren, erledigten diese Arbeiten noch zusätzlich zum Job. Den Nachwuchswissenschaftlerinnen gab Wippermann mit auf den Weg, mit dem Partner darüber zu sprechen, solche Aufgaben fair zu verteilen und zur Entlastung auch auf haushaltsnahe Dienstleistungen zurückzugreifen.

Viele Frauen, die im Beruf gute Arbeit leisteten, würden zudem oft auf die persönliche Berufung warten, so der Soziologe. Sie sollten stattdessen Mut haben, selbstbewusst aufzutreten, sich neue berufliche Herausforderungen und Förderer zu suchen sowie Personalberater aktiv anzusprechen. Dann steigen die Chancen, die gläserne Decke zu durchbrechen.

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