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Wirtschaft
Sonntag, 19. November 2017 3

KI-Forschung

Die letzte Erfindung der Menschheit?

Die KI-Forschung schreitet zügig voran. Am Ende könnte eine „Spezies“ stehen, die intelligenter ist als der Mensch.
Von Thorsten Retta, Wirtschaftszeitung

Ungeahnte Möglichkeiten oder Bedrohung: Die KI-Forschung macht rasante Fortschritte. Foto: jim – stock.adobe.com

Regensburg.Die Delfine gelten als zweitintelligenteste „Spezies“ auf der Erde. Ein Abrutschen auf Rang drei wird die Meeressäuger wohl kaum kümmern – sie haben ohnehin keinen Einfluss darauf, ob, wann und wie das geschehen wird. Der Mensch dagegen arbeitet seit etwa 70 Jahren an der Erschaffung von etwas, das ihm in Sachen Intelligenz gleichkommt. Oder ihn sogar übertrifft. Glaubt man den Vorhersagen von Raymond Kurzweil, hat der Mensch noch knapp 30 Jahre Zeit, um sich auf ein Leben als zweitintelligenteste „Spezies“ vorzubereiten.

Schon 1998 hat er in seinem Buch „The Singularity is near“ vorhergesagt, dass 2045 die Rechenleistung künstlicher Intelligenz (KI) so groß sein wird, dass sie die des menschlichen Gehirns nicht nur weit übersteigt. Ultraintelligente Maschinen werden dann auch in der Lage sein, selbst Maschinen zu erfinden, die noch intelligenter sind als sie selbst. Kurzweil ist heute Chef von Googles technischer Entwicklung. Er dürfte also Ahnung haben. Um 2045 steigt die Ressource Intelligenz – zumindest in der Theorie – also exponentiell an. Dann könnte der Mensch für die überlegenen Maschinen, ohne den Meeressäugern zu nahe zu treten, nicht bedeutender sein, als es die Delfine heute für den Menschen sind: possierliche Tierchen, schützens- und mit Blick auf ihre Fähigkeiten bemerkenswert, allerdings mit beschränktem gestalterischem Spielraum in der Welt ausgestattet.

Aufsehenerregende Ergebnisse

Neben dieser düsteren Sicht auf die Zukunft versprechen die Möglichkeiten der KI so zahlreiche neue Lösungsansätze für die Probleme der Menschheit, dass die KI-Forschung längst einen Hype ausgelöst hat. Schon wieder, muss man sagen. Denn in den 1960er- und 1970er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts versprachen KI-Forscher schon einmal einen Durchbruch. Der blieb aus, weil die entsprechenden technologischen Möglichkeiten fehlten. Das könnte heute anders sein: Heerscharen von Wissenschaftlern beschäftigen sich mit KI und bringen, angetrieben durch enorme Rechenleistung, Unmengen an Daten und die Milliarden, die Tekkie-Pioniere wie Elon Musk, Marc Zuckerberg oder Larry Page in die Branche stecken, aufsehenerregende Ergebnisse hervor.

Laut dem Datenanalyse-Unternehmen Quid sind seit 2009 mehr als 17 Milliarden Dollar Kapital in Unternehmen geflossen, die an cleveren Computerprogrammen arbeiten. Google, Facebook, die chinesische Suchmaschine Baidu: Alle Internetkonzerne haben KI-Labore eröffnet, Start-ups gekauft und Topwissenschaftler von den besten Universitäten der Welt angeworben.

Der Digitalverband Bitkom prognostiziert, dass der globale Umsatz mit Hardware, Software und Services rund um Cognitive Computing und maschinelles Lernen 2017 um 92 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro wächst. Bis zum Jahr 2020 wird sich das Weltmarktvolumen dann voraussichtlich auf 21,2 Milliarden Euro mehr als verfünffachen. „Künstliche Intelligenz hält schon heute Einzug in unser Leben: Sie ist die Grundlage digitaler Sprachassistenten, textbasierter Dialogsysteme wie Chatbots oder von Gesichtserkennung auf Fotos oder in Videos“, sagt Dr. Mathias Weber, Bitkom-Bereichsleiter IT-Services. Darüber hinaus komme Cognitive Computing im Zuge der Digitalisierung zum Beispiel verstärkt in der medizinischen Diagnostik, in autonomen Fahrzeugen oder in der Robotik zum Einsatz.

Ein besonders großes Medienecho rief im vergangenen Jahr das von Google entwickelte Programm Alpha-Go hervor. Die KI schlug im Brettspiel Go, das als komplexer als Schach gilt, einen Weltklassespieler. Dabei wandte Alpha-Go Spielzüge an, die es sich selbst beigebracht hatte. Ebenso selbstlernend ist Watson. Für den Supercomputer hat IBM gar eine eigene Konzerneinheit ins Leben gerufen – ausgestattet mit einer Milliarde Dollar Investitionsmitteln. „Watson versteht natürliche Sprache“, erklärt Stephen Gold, Marketingchef der Konzerneinheit. „Er erkennt Muster in Massen an Daten. Und er lernt dazu.“

Die anvisierten Anwendungsgebiete der KI, die in der Lage ist, in knapp drei Sekunden etwa 200 Millionen Seiten an Inhalten zu verarbeiten, sind Produktentwicklung, Forschung und auch Callcenter-Aufgaben. Für Oliver Lindner, den strategischen Berater im Service Management bei Continental Regensburg, stellt Watson eine sogenannte „Artificial General Intelligence“ dar: „Das ist ein Typ von KI, der jede kognitive Aufgabe durchführen kann, die ein Mensch durchführen kann. Und die KI ist nicht auf ein bestimmtes Gebiet limitiert.“

KI hat neue Sprache erfunden

Dieses Überwinden von Grenzen ist neu – und kann beunruhigen. Denn der Mensch kann nicht jede Handlung der KI erklären. Im vergangenen Sommer machte Google Translate einen Quantensprung in der Übersetzungsqualität. Noch nicht in allen Sprachen, aber zum Beispiel bei der Übersetzung vom Französischen ins Englische. Die KI hatte entdeckt, dass es zielführender ist, statt direkt zu übersetzen, erst eine eigene, neue Sprache zu entwickeln. Diese neue Sprache funktioniert vereinfacht gesprochen als Mittelstück, denn sie ist sowohl mit dem Englischen als auch mit dem Französischen kompatibler als die Sprachen direkt. Darin wird die gegenwärtige Essenz der künstlichen Intelligenz deutlich: Sie kann Probleme völlig anders lösen, als der Mensch es sich ausgedacht hätte. Sie erarbeitet eigene Lösungen, die dazu noch ständig verbessert werden können. Und selbst den Schöpfern der KI ist nicht mehr klar, weshalb genau die Maschine welchen Lösungsweg gewählt hat.

Der Mensch hat also etwas erschaffen, das nicht nur intelligent, sondern auch kreativ ist. Und der Mensch wird sich damit nicht zufriedengeben. Dafür sind die Möglichkeiten zu vielversprechend. „Das Potenzial der KI ist enorm“, sagt Oliver Lindner. Und die drohenden Verluste zu groß. „Wer 2017 nicht beginnt, sich mit künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, verschläft den Start in ein neues technologisches Zeitalter.“ Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass Raymond Kurzweils Vorhersagen zutreffen und irgendwann etwas existiert, das den Menschen auf Platz zwei der intelligentesten „Spezies“ auf der Erde verweist. Und die Delfine auf Platz drei.

Ein Interview mit Prof. Dr. Armin Grunwald zur KI-Forschung finden Sie hier.

Lesen Sie außerdem einen Beitrag zu den ethischen Aspekten der KI.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper.

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