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Wirtschaft
Donnerstag, 23. November 2017 10° 4

Vermögensanlage

Die Nullzinspolitik wird zur Nagelprobe

Wer den Spargroschen noch ehrt, muss sich in Zeiten extrem niedriger Zinsen nach Alternativen umschauen.
Von Thomas Tjiang

Hat das klassische Sparbuch ausgedient? Foto: Tjiang

Nürnberg.Man muss noch einmal den alten Spruch bemühen, um das Problem auf den Punkt zu bringen: „Spare in der Zeit, dann hast du in der Not“ – die alte Weisheit gilt in Zeiten der faktischen Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) nicht mehr. Und auch wenn viel über eine Zinswende orakelt wird, steigende Zinsen auf dem Sparbuch könnten noch lange auf sich warten lassen. Trotzdem liegt die Sparquote der Deutschen bei 9,7. Das heißt, knapp jeder zehnte Euro des verfügbaren Einkommens wird auf die hohe Kante gelegt.

Wer allerdings seine Spargroschen auf ein Sparbuch trägt, hat Pech. Die Sparda-Bank Nürnberg hat jüngst vorgerechnet, dass der einstige Klassiker zur Vermögensbildung alles andere als attraktiv ist. Im Jahr 2000 konnte man noch bei einer Verzinsung von sechs Prozent sein Sparguthaben innerhalb von zwölf Jahren verdoppeln. Vor zwei Jahren waren die goldenen Zeiten bereits vorbei. Da waren schon 277 Jahre nötig, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Mittlerweile reichen selbst Jahrzehnte oder Jahrhunderte nicht mehr aus, um den doppelten Betrag mit Zins und Zinseszins zu erhalten: Der lange Atem müsste schon über 7000 Jahre anhalten – von persönlicher Vermögensbildung für sich und seine Nachkommen kann hier nicht mehr die Rede sein. Das Sparbuch für Kind oder Enkel sorgt heute mehr oder minder nur noch für Tränen.

Gleichwohl bunkern die Deutschen stattliche 2,03 Billionen Euro auf der hohen Kante in Form von Sicht-, Termin- und Spareinlagen. Zwar sind selbst vermögende Sparer bislang von Negativzinsen weitgehend verschont geblieben. Trotzdem wird die EZB-Politik schon als Enteignung der Sparer kritisiert. Denn die ausbleibende Verzinsung ist das eine, die Inflation in Form höherer Preise ist das andere. Die Quickborner Comdirect hat berechnet, dass jeder Haushalt seit Oktober 2010 bereits 1300 Euro verloren hat. Für das erste Quartal 2017 kommt die Direktbank infolge steigender Inflation und eines nahezu bei null notierenden Zinses auf einen negativen Realzins von 1,6 Prozent für Tagesgelder, Festgelder und Spareinlagen. Nun rächt es sich, dass die Deutschen mehrheitlich ein distanziertes Verhältnis zu Aktien und Fonds haben. Fehlende Zinseinnahmen lassen sich so nur durch verstärktes Sparen oder durch ein Ausweichen in riskantere Anlageangebote kompensieren. Nicht einmal neun Millionen Menschen halten Aktien oder Fonds, das ist noch einmal rund ein Viertel weniger als in der Hochphase der New Economy im Jahr 2001. Damals allerdings führten typische Anlegerfehler für viele Neubörsianer zu einem schmerzhaften Verlust.

Langfristig gesehen gelten breiter gestreute Invests in den Deutschen Aktienindex als attraktiver Teil einer Anlagestrategie – trotz des Platzens der New-Economy-Blase und der weltweiten Finanzmarktkrise 2007. „Bei einem Anlagehorizont von 20 bis 30 Jahren konnten jährliche Renditen von sechs bis neun Prozent erwirtschaftet werden“, heißt es beim Deutschen Aktieninstitut. „Aktienanlage ist keine Hexerei.“ Zu den zentralen Grundregeln gehören vor allem der lange Atem und entsprechende Finanzreserven, um bei einem kaputten Auto oder anderen ungeplanten Ausgaben nicht auf das Depot zurückgreifen zu müssen. Außerdem ist eine Einmalanlage in eine Aktie erheblich risikoreicher, als über einen längeren Zeitraum unterschiedliche Titel etwa auch im Rahmen eines Fondsparplans zu kaufen. Das schützt vor dem Kauf zum falschen Zeitpunkt – also etwa zum Höchstpreis – und auch vor Problemen, wenn ein einzelnes Unternehmen an der Börse in Schieflage gerät.

Häufig zählt auch eine selbstgenutzte Immobilie zu den Kernelementen einer Vorsorge und Anlage. Doch die Eigenheimquote liegt seit Jahren unterhalb des europäischen Durchschnitts und ist sogar angesichts der zunehmenden Einpersonenhaushalte leicht rückläufig. Der Spardastudie „Wohnen in Deutschland 2017“ zufolge leben nur 46 Prozent der Deutschen in einem Eigenheim. Doch jeder vierte Mieter in Deutschland unter 50 Jahren plant den Kauf einer eigenen Immobilie. Allerdings hat die Preisentwicklung für Immobilien in den letzten Jahren vielen Kaufwilligen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Käufer investieren in Deutschland im Durchschnitt 242000 Euro in eine Immobilie, das entspricht etwa sechs Jahresnettoeinkommen eines deutschen Durchschnitthaushalts. Dafür ist aber gerade in den Metropolen immer weniger zu bekommen. Zwar hat in der Altersgruppe zwischen 31 und 40 Jahren, also der Phase der Familiengründung, gut ein Drittel Kaufabsichten. Doch fast zwei Drittel scheuen den Erwerb wegen der längerfristigen finanziellen Risiken, mehr als die Hälfte wegen der hohen Kosten.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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