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Wirtschaft
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Jahresrückblick

Die Rätsel des Jobmarkts

Deutschland wird für seine Arbeitsmarktdaten beneidet. Der Erfolg ist teuer erkauft – von Niedriglöhnern. Denen soll nun der Mindestlohn helfen.
von Bernhard Fleischmann, MZ

Der Fachkräftemangel könnte zu einer verbesserten Arbeitswelt führen, meinen Experten. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Foto: dpa

Regensburg.Eine schöne neue Welt malt der Personalmanager Thomas Sattelberger für Mitarbeiter. „Künftig wird es so sein, dass sich eine Firma bei einem potenzielle Mitarbeiter bewirbt und nicht umgekehrt“, sagte der Personalexperte jüngst in einem Interview mit „Zeit Online“. Schon heute geht die Zahl junger Menschen, die sich um einen Ausbildungsplatz bewerben, Jahr für Jahr zurück. Der Bevölkerungsschwund in der jungen Generation führt nach aktuellen Berechnungen dazu, dass bis zum Jahr 2030 fünf Millionen Fachkräfte fehlen werden. Nicht nur Akademiker, sondern vor allem Meister, Techniker, Facharbeiter und Handwerker.

Diese Entwicklung führt nach Sattelbergers Einschätzung zu einer wesentlich verbesserten Arbeitswelt. Firmen müssten ihren Kräften mehr Freiräume für selbstbestimmtes Arbeiten geben, die riesigen Gehaltslücken zwischen Spitzenmanagement und Arbeitern verringern. Obendrein forderten die Mitarbeiter ein sinnstiftendes Klima ein, in dem sie ihre Persönlichkeit einbringen können, was eine Abkehr von der Elitenförderung bedeute.

Gegenströmung Ausbeutung

Klingt verlockend. Doch ob Sattelbergers Vision auf breiter Ebene Wirklichkeit wird, ist keineswegs ausgemacht. In den vergangenen Jahren hat sich Einiges in diese Richtung bewegt, zumeist bei begehrten – und knappen – Fachkräften. Aber ebenso gibt es eine Gegenströmung bis hin zur gnadenlosen Ausbeutung.

Dabei sehen die Zahlen auf dem Arbeitsmarkt prinzipiell sehr gut aus, insbesondere im Vergleich zu den anderen Mitgliedsländern der EU. Eine Arbeitslosenquote von 6,5 Prozent im November 2013 gilt als positiver Niedrigwert. Die Zahl der Erwerbstätigen bewegt sich im Herbst mit 42,3 Millionen auf einem Rekordstand.

Doch momentan ist es mit der jahrelangen Aufwärtsdynamik vorbei. Es zeichnen sich eine Reihe von Baustellen ab, denen sich die Bundesregierung dringend widmen sollte. Allem voran steht das Thema Langzeitarbeitslosigkeit. Sie verharrt seit Jahren bei einer Million und ist zuletzt sogar leicht gestiegen. Da hilft auch der jüngste Job-Boom nichts.

Viele sind schlecht qualifiziert

Ein entscheidender Grund: Für 90 Prozent der angebotenen Stellen sollten die Bewerber ein Studium oder eine abgeschlossene Berufsausbildung mitbringen. Doch die Hälfte der Arbeitssuchenden ist so schlecht qualifiziert, dass nur eine Helfertätigkeit infrage kommt. Hier sieht das der Bundesagentur für Arbeit angegliederte Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) den Hauptgrund für den stockenden Abbau der Arbeitslosigkeit. Es empfiehlt als Gegenmittel unter anderem eine intensive Betreuung der Betroffenen und individuelle Maßnahmen.

Für den gesamten Arbeitsmarkt im kommenden Jahr gibt das IAB eine verhalten optimistische Prognose ab. Voraussetzung ist, dass die jüngsten Einschätzungen zur Konjunktur eintreffen. Unter diesen Prämissen sollte die Zahl der Arbeitslosigen im Jahresdurchschnitt 2014 um 40 000 Menschen auf 2,90 Millionen sinken. Bei den Erwerbstätigen erwarten die IAB-Experten ein Plus von 240 000, bei den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einen Zuwachs von 370 000 auf gut 29,7 Millionen.

Gut und schön, wenn man in der richtigen Branche tätig ist. Dazu gehören laut IAB nicht Banker und Finanzdienstleister. Hier würden weiterhin Stellen abgebaut. Dagegen rechnen die Arbeitsmarktforscher vor allem Unternehmens- und öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit zu den Sektoren, die am stärksten zulegen werden. Das Wachstum im Gesundheitssektor spiegelt die Alterung der Bevölkerung wider. Sie führt dazu, dass der Bedarf an medizinischer Betreuung steigt, mehr Menschen in Senioreneinrichtungen und bei Pflegediensten gebraucht werden.

Südeuropäer zieht es nach Deutschland

Ein zunehmender Teil der zusätzlich gebrauchten Menschen kommt derzeit aus dem Ausland. Gegenwärtig treibt die Krise in ihren Heimatländern vor allem junge Südeuropäer nach Deutschland. Das dürfte nicht von Dauer sein. Wir selbst überschätzen die Anziehungskraft Deutschlands auf junge Migranten. Zwar wurden die Zuwanderungsgesetze liberalisiert. Aber es hakt im Detail. Bewerber stehen vor einem bürokratischen Hürdenlauf und vor undurchschaubaren Zugangsvoraussetzungen, die selbst großen Konzernen höchste Mühen bereiten, wenn sie ausländische Mitarbeiter anstellen wollen.

Auch bei der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse hakt es gewaltig. Die Strahlkraft Deutschlands für gut qualifizierte Menschen auf der Weltkarte ist gegenüber Kanada, USA oder Australien gering und gleicht eher einer schwachen Funzel.

Eine weitere Schwäche des Arbeitsmarkts ist der ausgeuferte Niedriglohnbereich. Fast jeder vierte Beschäftigte arbeitet für einen Niedriglohn, der hier bei 9,54 Euro pro Stunde liegt. Als Niedriglöhner gilt, wer weniger als zwei Drittel des nationalen mittleren Lohns erhält. Mit seiner Quote steht Deutschland miserabel da, nur Litauen weist in der EU einen noch höheren Anteil aus. Dabei haben mehr als 80 Prozent dieser Geringverdiener eine abgeschlossene Berufsausbildung.

Aber nun kommt ja der Mindestlohn. Höchste Zeit in einer doch so reichen Volkswirtschaft, meint die Mehrheit der Bevölkerung. Zwar liefen die Arbeitgeberverbände dagegen Sturm, aber wohl vor allem aus ideologischen Gründen, wie der neue Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer jetzt durchscheinen ließ. Ein prominenter Verfechter des Mindestlohns ist IAB-Direktor Joachim Möller. Der Regensburger Volkswirtschaftsprofessor sieht nur Vorteile – wenn die Untergrenze denn nicht zu hoch gesetzt und behutsam eingeführt wird. Am Ende könnte ein Mindestlohn sogar für mehr Beschäftigung sorgen, meint Möller.

Die Fluchtwege der Firmen

Es kommt halt auf die Regelungen im Detail an. 8,50 Euro für alle Arten von Beschäftigung hält auch er für riskant. Den Betrieben stehen durchaus Ausweichstrategien zur Verfügung. Ausgliederungen von Tätigkeiten an Selbstständige zum Beispiel, für die es keinen Mindestlohn gibt. Inwieweit das dann Selbstständige im klassischen Sinn oder doch in Realität abhängig Beschäftigte sind, lässt sich nicht immer leicht feststellen. Wer dagegen klagt, hat vielleicht die Chance, einen Prozess gewinnen, aber auch die Gewissheit, den Job zu verlieren.

Die große Lohnungleichheit in Deutschland rührt auch von der zunehmenden Tarifflucht der Unternehmen her. 1996 waren im Westen Deutschlands noch 70 Prozent der Arbeitnehmer in tarifgebundenen Firmen tätig. 2012 waren es nur noch 53 Prozent. Kein Betrieb verlässt das Tarifsystem, um seine Mitarbeiter besserzustellen. Vielmehr geht es stets darum, in Summe weniger zu bezahlen und sich so einen Vorteil gegenüber Wettbewerbern zu verschaffen. Das ist die Wirklichkeit heute. Bis Sattelbergers Visionen Realität werden, ist es offenbar noch ein sehr weiter Weg.

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