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Wirtschaft
Montag, 11. Dezember 2017 5

Landwirtschaft

Eine Landfrau mit vielen Talenten

Sozialpädagogin Sabine Schindler hat auf dem Land ihre Berufung gefunden: Sie ist Erlebnis- und Kreisbäuerin.
Von Anna-Maria Ascherl, MZ

Sabine Schindler hat im Leben auf dem Land ihre Erfüllung gefunden. Sie schätzt die Vielfalt der Arbeit auf dem Hof und bringt ihre Berufserfahrung als Sozialpädagogin in ihr Amt als Kreisbäuerin mit ein. Foto: Ascherl

Nittenau.4.45 Uhr im fünf Kilometer von Nittenau entfernten Weiler Oed. Sabine Schindler quält sich aus dem Bett. Die Landfrau muss in den Stall, das Vieh ruft. 45 Kühe warten vor ungewöhnlicher Kulisse auf ihr Futter: Hinter den echten Nutztieren grast auf einer bunt bemalten Wand Fleckvieh. Das Werk von Sabine Schindler. Der graue Beton war ihr zu trist. Kurzerhand hat die 34-Jährige ihre Pinsel ausgepackt und sich einen Raum zu eigen gemacht, der ihr erst völlig fremd war.

Seit zehn Jahren lebt die gebürtige Bad Tölzerin in der Oberpfalz. Von einer Stadt mit 18 500 Einwohnern in einen Ort mit fünf Wohnhäusern – eine massive Veränderung. Die Entscheidung, in einen Bauernhof einzuheiraten und die damit verbundenen Aufgaben zu übernehmen, ist ihr nicht leichtgefallen. Die studierte Sozialpädagogin hatte sich bewusst für ihren Beruf entschieden und wollte ihn auf keinen Fall aufgeben – ihren zukünftigen Mann Martin allerdings auch nicht.

Erlebnispädagogik als Chance

Eine verzwickte Situation. Den Ausweg eröffnet ein Mitarbeiter des Landwirtschaftsamts. Er bringt den Schindlers Informationsmaterial vorbei: „Der Erlebnisbauernhof als zweites Standbein.“ Die Verbindung von Bauernhof und Sozialpädagogik war die Chance für die junge Frau. „Ich brauchte einen Bereich, der nur mir gehört, und den ich gestalten kann, wie ich will.“

Im Laufstall von Sabine Schindler stehen 45 Kühe. Auf der Stallwand tummeln sich auch Fantasiewesen. Foto: Ascherl

Ein Sinnbild dafür ist auch das Wandbild im Laufstall. Die naturgetreuen Kühe waren ein Kompromiss mit ihrem Mann – wäre es nach ihr gegangen, hätten quietschbunte Fantasietiere die ganze Wand geschmückt. Ganz gebeugt hat sich Sabine Schindler aber nicht: Auf den zweiten Blick entdeckt man ein buntgesprenkeltes, geflügeltes Wesen, das über den weiß-blauen Betonhimmel flitzt.

Die Tiere auf dem Schindler-Hof sind zum Anfassen da. Foto: Ascherl

6 Uhr, die Tiere sind versorgt. Jetzt beginnt der ganz normale „Familienwahnsinn“, bis die Kinder Johanna und Michl aus dem Haus sind. Ruhe kehrt dann allerdings nicht ein auf dem Schindlerhof, im Gegenteil: Jetzt ist Multitasking angesagt. Mama, Erlebnisbäuerin und seit Februar auch Kreisbäuerin – da muss einiges parallel laufen. Während Sabine Schindler die Wäsche macht, ruft der Bayerische Bauernverband (BBV) an. Der Haushalt ruht, während Schindler in die Geschäftsstelle nach Schwandorf fährt.

Familienleben vs. Ehrenamt

Seit Februar hat die 34-Jährige das Amt der Kreisbäuerin inne. Die circa 70 Ortsbäuerinnen im Landkreis Schwandorf haben sie gewählt. Wieder ein großer Schritt in unbekanntes Gebiet. Welche Aufgaben auf sie zukommen, wusste sie zwar theoretisch von ihrer Vorgängerin – die Praxis sieht dann allerdings doch ganz anders aus. Ein großer Teil der Landfrauenarbeit ist Bildungsarbeit, das kommt der Sozialpädagogin entgegen. Sie kann ihr Wissen einbringen, erarbeitet Vorträge und organisiert Veranstaltungen.

Schindlers Sohn Michl hat Spaß im Stall. Foto: Ascherl

Um 12.45 Uhr kommen die Kinder nach Hause – dann muss das Mittagessen fertig sein. Schafft es die Landfrau nicht, zu kochen, springt Schwiegermutter Josefa ein. Eine große Hilfe für die 34-Jährige. Nach einer kurzen Mittagspause bereitet die Erlebnisbäuerin ihren Hof für eine Schulklasse vor: Sie baut einen Strohkreis auf, kocht Milch ab und füllt Sahne in Gläser. Bis zu 60 Kinder erleben drei Stunden den Bauernhof mit allen Sinnen – und lernen ihn kennen.

Auf dem Schindlerhof kommen viele Kinder zum ersten Mal mit der Landwirtschaft in Berührung – obwohl sie aus dem Schwandorfer Raum stammen. Dort werden mit rund 65 300 Hektar Wald und 58 038 Hektar Landwirtschaft immerhin 85 Prozent der Fläche land- und forstwirtschaftlich genutzt. Etwa 2000 landwirtschaftliche Betriebe gibt es in der Region. Den Beruf des Landwirts ergreifen in der Oberpfalz durchaus wieder mehr junge Menschen: Im Schuljahr 2000/2001 haben nur 49 Schüler das Berufsgrundschuljahr absolviert – aktuell sind es 68.

Weitere Infos zur Landwirtschaft im Landkreis Schwandorf gibt es im Video:

Landwirtschaft im Landkreis Schwandorf

Trotzdem fehle den Menschen im Alltag der Bezug zu den Landwirten, sagt Schindler. Einkaufen, sich ernähren sei so selbstverständlich geworden, dass an den Erzeuger oft nicht mehr gedacht wird. „Vor allem für Kinder ist das problematisch, weil sie den Bezug zum Ursprünglichen, zur Natur verlieren.“ Die Landwirtschaft biete diesen Ursprungsbezug.

Esel Leo ist Sabine Schindlers Liebling – knutschen lässt er sich nicht von jedem. Foto: Ascherl

Ein Besuch auf dem Bauernhof, ein Spaziergang durch den Wald, Blumen pflücken auf der Wiese – das alles seien Dinge, die Kinder nicht missen sollten. „Die Aktivität an sich ist nicht so wichtig. Das Entscheidende ist, gemeinsam etwas zu erleben.“ Das Erleben wird auf dem Schindlerhof großgeschrieben. Die Tiere sind zum Anfassen da. Absoluter Liebling: Esel Leo.

Die Besuchergruppe eist sich von den Tieren los, packt die selbst geschüttelte Butter ein und verlässt den Schindlerhof. Nach dem Aufräumen geht es wieder in den Stall – jeden Tag zur selben Zeit, von 5 bis halb 7. Feierabend ist frühestens um halb 9 –und selbst dann wartet die liegengebliebene Wäsche, müssen Anrufe erledigt und die E-Mails gecheckt werden. Freizeit? Die kommt oft zu kurz. Jammern will Sabine Schindler aber nicht, im Gegenteil: „Meine Aufgaben erfüllen mich.“

Was macht eine Landfrau aus? Und was hat es mit Esel Leo auf sich? Das verrät Sabine Schindler im Video:

Video: Ascherl

Sie mag es gern, wenn es um sie herum wuselt, braucht die Herausforderung. „Das Leben ist nicht dazu gemacht, sich zu langweilen.“ Und langweilig wird es auf einem Bauernhof sowieso nie. Schon gar nicht mit einem Ehrenamt, das so viel Zeit beansprucht. Will sie denn – wie ihre Vorgängerin – auch in 30 Jahren noch Kreisbäuerin sein? Eher nicht. „Das Leben hält noch mehr bereit.“ Sabine Schindler denkt da an den Ausbau ihres Erlebnisbauernhofs: Sie würde gerne noch mehr in die Erwachsenenbildung einsteigen.

Die Bildungsangebote sind ihr auch in ihrem Amt als Kreisbäuerin ein besonderes Anliegen. Sie richten sich an alle Frauen auf dem Land. „Eine Landfrau zu sein heißt nicht, einem landwirtschaftlichen Betrieb oder dem BBV anzugehören.“ Eine Landfrau fühle sich einfach mit dem ländlichen Leben verbunden.

Weitere Teile der Serie „Mit Herz und Hand“ finden Sie hier.

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