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Wirtschaft
Dienstag, 20. Februar 2018 5

Ernährung

Ernüchterung bei Online-Food

Amazon Fresh sollte den Lebensmittelhandel per Web in Schwung bringen. Doch die Erwartungen haben sich noch nicht erfüllt.
Von Erich Reimann, dpa

Der Online-Lebensmittelhandel kommt nur zaghaft in Schwung – hier ein Bolick in ein Depot von Amazon Fresh in Berlin Foto: Monika Skolimowska/dpa

Düsseldorf.Als der Internetgigant Amazon im Mai vergangenen Jahres seinen Lebensmittellieferdienst Amazon Fresh in Deutschland startete, hielt der Lebensmittelhandel den Atem an. Die Sorgen waren groß. Denn niemand wusste, wie dramatisch der durch den US-Konzern ausgelöste Wandel sein würde. Kaum ein Jahr später sind die größten Ängste offenbar verflogen. Der Siegeszug des Online-Handels im Geschäft mit Hackfleisch, Tomaten und Mineralwasser ist vielleicht nicht abgesagt, aber doch aufgeschoben.

Einen Gang zurückgeschaltet

„Im Lebensmittelhandel ist eine Ernüchterung zu beobachten, was das Online-Geschäft angeht. Viele haben einen Gang zurückgeschaltet, was den Ausbau ihrer Internet-Aktivitäten angeht“, beobachtet der E-Commerce-Experte Kai Hudetz vom Institut für Handelsforschung (IFH). Die Erwartung, dass durch den Start von Amazon Fresh der Online-Handel mit Lebensmitteln unheimlich an Fahrt gewinne, habe sich nicht erfüllt. Das Branchenfachblatt „Lebensmittel-Zeitung“ beschreibt den Trend mit den Worten „Zwei Schritte vor und einen zurück“.

Tatsächlich scheinen die deutschen Handelsketten ein wenig die Lust verloren zu haben. Beim Internet-Vorreiter Rewe stagniert die Zahl der vom Lieferservice abgedeckten Regionen bei 75. Statt das Netz zu verdichten, testet Rewe in gut 50 Läden Servicestationen, bei denen der Kunde per Internet bestellte Waren selbst abholt.

Edeka beschränkt sich mit dem Lieferdienst Bringmeister auf Berlin und München. Lidl und Kaufland haben das mit viel Ehrgeiz gestartete Online-Geschäft mit Lebensmitteln sogar weitgehend aufgegeben. Ein Lieferservice im Lebensmittelbereich lasse sich „auf Sicht nicht kostendeckend betreiben“, hieß es zur Begründung bei Kaufland. Aldi lässt bisher ganz die Finger von dem Thema. Selbst Amazon legt ein geruhsames Tempo vor. Bislang ist Amazon Fresh nur in Berlin, Hamburg und München am Start.

„Die Händler stehen vor einem Dilemma: Wer zu früh in den Online-Handel einsteigt, verliert Geld. Wer zu spät kommt, verliert Marktanteile. Die Kunst ist es, bereit zu sein, um auf den Zug aufzuspringen, wenn er losfährt. Aber nicht vorher. Das Anschieben kostet im Moment noch unheimlich viel Geld“, meint Hudetz.

Der Marktanteil des Online-Handels liegt bei Lebensmitteln nach wie vor bei nur rund einem Prozent. Die durch ein dichtes Ladennetz verwöhnten Deutschen sind schwierige Kunden. Woran es den Internet-Supermärkten vor allem fehlt, ist Stammkundschaft. Laut EY-Studie kaufte im vergangenen Jahr gerade einmal jeder 70. Befragte (1,4 Prozent) seine Lebensmittel mindestens zur Hälfte online.

„Das Marktpotenzial des Online-Handels mit Lebensmitteln wurde von vielen überschätzt“, glaubt inzwischen der Handelsexperte Hudetz. Bei den meisten Verbrauchern fehle die Bereitschaft, die Kosten für den teuren Lieferservice extra zu bezahlen.

Verfrühte Entwarnung

Ob die überschaubaren Auswirkungen von Amazon Fresh auf den deutschen Lebensmittelhandel wirklich Anlass zur Entwarnung sind, ist unter Branchenkennern umstritten. „Keiner der großen deutschen Lebensmittelhandelsketten nimmt das Thema Online-Handel ernst genug“, kritisiert der E-Commerce-Experte Gerrit Heinemann.

Amazon sei bereit, auf Profite zu verzichten, um einen Markt zu erschließen. Am Ende werde Amazon damit erfolgreich sein. Heinemann prognostiziert: „Der Online-Anteil beim Verkauf von Lebensmitteln kann in den nächsten zehn Jahren zehn Prozent erreichen. Wie es heute aussieht, wird sich Amazon mindestens 50 Prozent davon sichern. Wenn Rewe und Edeka nicht bald wieder Gas geben, könnten es sogar 80 Prozent werden.“

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