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Wirtschaft
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Tourismus

Gehobener Schlafvollzug

Zellen statt Zimmer: Mit seinem Knastcharme zieht das Hotel Fronfeste in Amberg die Gäste nahezu magisch an.
Von Theo Kurtz, Wirtschaftszeitung

Aus Zellen wurden Zimmer: Im Hotel Fronfeste wird bewusst am Gefängnischarme festgehalten. Fotos: Sebastian Pieknik

Amberg.Eine Klingel an der Pforte und vergitterte Fenster über der schmalen hölzernen Eingangstür. Das ist das Entree zu einem der wohl ungewöhnlichsten Beherbergungsbetriebe der Republik. 2013 hatten zum ersten Mal im Hotel Fronfeste zahlende Gäste ihr Haupt zur Nachtruhe gebettet. Bis in die 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war das noch ein bisserl anders. Damals logierten in erster Linie Langzeitbewohner auf Staatskosten und nicht ganz freiwillig in dem historischen Gebäude mit seiner fast 270-jährigen Knasttradition.

Folterinstrumente kann man gerne auf eigenes Risiko ausprobieren.

2007 hatte Gerald Stelzer das denkmalgeschützte Anwesen im Herzen der Altstadt käuflich erworben. „Ich hab es mir angesehen und habe sofort gewusst: Ein Hotel muss es werden.“ Wichtig für ihn: Der Gefängnis-Charakter sollte unbedingt erhalten bleiben. Die Schnapsidee von einst ist heute eine absolute Erfolgsgeschichte. Danach sah es zunächst gar nicht aus. Das Projekt drohte zwischen den Mühlsteinen der Bürokratie zermahlen zu werden. Vier Jahre lang dauerte das Genehmigungsprozedere. Besonders die Brandschutzauflagen und auch die denkmalschützerischen Vorgaben hatten Stelzer und seine beiden Mitstreiter Peter Voss und Thomas Roidl so manche schlaflose Nacht gekostet. Beim Gang durch den Zellengang deutet der Hotelchef auf die grün gestrichene Wand: Fünf Brandmelder sind innerhalb von wenigen Metern angebracht. Und auch die Gitter vor den Fenstern mussten schlussendlich so präpariert werden, dass sie sich im Fall des Feuerfalls öffnen lassen. Doch ein Jahr nach der Eröffnung dann bereits eine kleine Belohnung für all die Mühen und Strapazen: Das Hotel Fronfeste wurde mit dem Denkmalschutzpreis des Bezirks ausgezeichnet.

„Zellen“ sind zu 90 Prozent belegt

Die Auslastungsquote des Knasthotels ist so hoch wie zu besten Gefängniszeiten. Die Zellen – zwei Dutzend gibt es davon – sind zu sage und schreibe 90 Prozent belegt. Geschäftsleute, aber auch Radfahrer und ganze Vereinscliquen gehören zu den Übernachtungsgästen. Statt Regel- wird gehobener Schlafvollzug geboten. Die Räume verfügen über Flachbildschirm, kostenloses WLAN und Nasszellen. Die zwischen sieben und zehn Quadratmeter großen Einzelzimmer, pardon, -zellen sind ein Traum für Platzminimalisten. Das Tageslicht dringt aus kleinen Fenstern in die Räume. In zweien davon hat Stelzer direkt neben den Einzelbetten teure Edelstahltoiletten an die Wand gedübelt und gegrübelt: „Nimmt der Gast das an?“ Er nimmt. Natürlich geht es flächenmäßig ein bisschen größer. In der Doppelzelle kann man nach dem Motto „Zusammen gefangen“ in trauter Zweisamkeit von dem Mineralwasser und der Scheibe Brot naschen, die als Willkommensgruß auf jeden der Neuzugänge wartet. Dieser kalorienreduzierte Snack ist übrigens im Nächtigungspreis inkludiert. Und wer sich wie der Knastchef persönlich fühlen möchte, dem sei die 33 Quadratmeter große Direktorensuite empfohlen, mit Schlaf- und separatem Wohnraum und Bad mit Dusche und WC. Aber auf den Begrüßungssekt wartet man auch hier vergebens.

Im Hotel Fronfeste wird bewusst an dem alten Gefängnischarme festgehalten.

Vor einer Zelle hatten die Renovierer ganz bewusst Halt gemacht. Hier saßen die Delinquenten ein, für die bald das allerletzte Stündlein schlagen würde. Jedem Neuzugang wird diese schummrig-düstere Todeszelle natürlich gerne gezeigt – als Gratis-Grusel-Gabe nach dem Check-in. Nicht vermietet wurde auch die Räumlichkeit im Fronfeste-Keller. Hier, im ehemaligen Verhörzimmer, versuchte man durch den Einsatz von nicht gerade Vertrauen erweckenden Hilfsinstrumenten, maulfaulen Sträflingen das „Singen“ beizubringen. Und wer möchte, kann im Selbstversuch und auf eigenes Risiko bei sich einmal die Daumenschrauben anziehen. „Wer zu uns kommt, der möchte in seinem ganzen Leben bestimmt kein Gefängnis von innen sehen“, erläutert Stelzer mit einem Augenzwinkern. Die Fronfeste: ein Hotel mit Präventionsfunktion. Das Personal empfängt übrigens in Uniform die Gäste – höflich und freundlich. Kein rüder Befehlston. „Soweit darf die Authentizität dann doch nicht gehen“, sagt Stelzer schmunzelnd. Und auch von anderen liebgewonnenen Knastutensilien hat sich der Hotelchef inzwischen verabschiedet. Handschellen etwa hat man ganz aus den Zellen verschwinden lassen, nachdem sich ein Gast damit fixiert, aber die Entfernung zum befreienden Schlüssel gnadenlos unterschätzt hatte. „Wir mussten ihm dann zu Hilfe eilen“, erinnert sich Stelzer. Passé sind auch die gestreiften Sträflingsklamotten, die in den ersten Hoteljahren jedem neuen Ankömmling automatisch ausgehändigt worden waren. Gegen einen kleinen Obolus kann man sie sich jetzt auf Wunsch aber ausleihen.

Abwechslung für alle „Freigänger“

Der Fronfeste-Insasse von heute hat natürlich Recht auf Freigang. So kann er mit dem Henker einen spannenden historischen Rundgang durch die Amberger Altstadt unternehmen oder mit dem Segway durch das Umland der Vilsstadt streifen. Und wer sein kurzes Rast-im-Knast-Gastspiel für die Nachwelt dokumentieren will, der kann zum Beispiel einen Profi für ein exklusives Zellen-Fotoshooting engagieren. Die Fronfeste bietet sich zudem als absolut „sicherer“ Tagungsort an. Bis zu 40 Personen können in dem mit modernster Multimediatechnik ausgestatteten Konferenzraum Platz nehmen. Nichts, was dort besprochen wird, dringt dank der 1,4 Meter dicken Wände nach außen. „Das ungewöhnliche Ambiente sorgt erfahrungsgemäß bei den Teilnehmern immer für Gesprächsstoff und lockert damit die Businessatmosphäre auf“, weiß Stelzer. Und nach getaner Tagungsarbeit hat das Fronfeste-Team für die Gäste noch das perfekte Freizeitprogramm parat. Wie wär es mit leckerer Knastkost, die aus Blechnäpfen gelöffelt wird? Als Dresscode empfiehlt sich entweder ein Businessanzug – oder legere Häftlingskleidung.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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