mz_logo

Wirtschaft
Montag, 22. Januar 2018 7

Arbeit

Glück beim Job ist kein Zufall

Wer bei der Arbeit Glück empfindet, ist deutlich produktiver. Führungskräfte können viel für das Glückslevel im Team tun.
Von Thorsten Retta, Wirtschaftszeitung

Glückliche Arbeitnehmer sind selten: 61 Prozent der Beschäftigten in Deutschland machen nur mehr Dienst nach Vorschrift. Foto: ALDECAstudio - stock.adobe.com

Ostbayern.Unsere Erfahrungen die Arbeit betreffend sind sehr widersprüchlich. Viele Menschen gehen erst im Job richtig auf, sie definieren sich über ihren Beruf, vor allem bei der Arbeit erleben sie ein Hochgefühl. Sie fühlen sich stark, kreativ, glücklich, sind zufrieden und verlieren bei der Arbeit das Gefühl für Zeit. Der ungarisch-amerikanische Psychologieprofessor Mihály Csíkszentmihályi hat den Zustand in den 1970er-Jahren mit dem Begriff „Flow“ beschrieben.

Regelmäßig erlebt wird der Flow aber nur von einer Minderheit. Zumindest dann, wenn man einschlägigen Studien glaubt. So machen laut einer Gallup-Umfrage 61 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nur noch Dienst nach Vorschrift. Viele Arbeitnehmer fühlen sich unzufrieden, ausgebrannt, leiden unter zu viel Druck und Stress. Sie wünschen sich mehr Freizeit und weniger beziehungsweise eine andere Arbeit. Eine Studie der von Kassen und Unfallversicherern getragenen „Initiative Gesundheit und Arbeit“ ergab gar, dass ein Fünftel der Arbeitnehmer innerlich bereits gekündigt hat und im Job nur noch das Nötigste tut.

Ob nun ein berufstätiger Mensch mit seiner Arbeit glücklich ist oder nicht, ist nicht allein eine elementare Frage für ihn persönlich. Glück und Wohlbefinden der Angestellten sollten auch im Interesse des Arbeitgebers liegen. Denn glückliche Angestellte sind produktiver – je nach Studie zwischen zwölf und 20 Prozent. Angestellte, die angeben, mit ihrer Tätigkeit unzufrieden zu sein, erbringen hingegen unterdurchschnittliche Leistung. Harvard-Absolvent und Glücksforscher Shawn Achor hat herausgefunden, dass das Gehirn besser arbeitet, wenn der Mensch glücklich ist. Die Fähigkeit, Probleme kreativ zu lösen, nimmt mit steigendem Glückslevel zu. Gleichzeitig erzielen glückliche Angestellte beim Arbeiten in Gruppen bessere Ergebnisse.

Was gibt nun den Ausschlag, ob jemand im Job voll und ganz aufgeht oder resigniert durch die Büroräume schlurft?

„Flow entsteht, wenn sich Personen durch ihre Arbeit herausgefordert, aber nicht überfordert fühlen und voll in ihrer aktuellen Tätigkeit aufgehen. Flow ist dabei kein Dauerzustand, sondern beschreibt eher ein kurzzeitiges Hochgefühl, in dem eine Person zutiefst auf die aktuelle Tätigkeit konzentriert ist und die Zeit für sie verfliegt“, erklärt Dr. Laura Venz. Sie forscht am Lehrstuhl für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Mannheim. „Flow-Erleben tritt in der Regel nicht bei Routineaufgaben ein. Es müssen fordernde Aufgaben sein.“

Nun nehmen aber Routinen bei den meisten Tätigkeiten einen großen Raum ein. Laut Dr. Venz ist das kein Problem. „Personen können auch ohne Flow-Erlebnisse glücklich bei ihrer Arbeit sein.“ Und demnach ein großes Leistungspotenzial abrufen. Venz verweist auf das Job-Characteristics-Model von Hackman und Oldham. Es betont, dass Anforderungsvielfalt, Ganzheitlichkeit, Bedeutsamkeit, Autonomie und Feedback gleichermaßen wichtig für Wohlbefinden, Arbeitszufriedenheit und Leistung sind. Es braucht also nicht unbedingt ein „Feel Good Management“, um glückliche Mitarbeiter zu haben – solide Arbeitsgestaltung, die nicht nur auf die Vermeidung von Problemen setzt, reicht hierfür meist schon aus.“ Ganz wesentlich dabei sind gute soziale Kontakte zu Kollegen und Führungskräften. „Gegenseitige Unterstützung, ein offenes Ohr – dadurch lassen sich viele Stressoren am Arbeitsplatz leichter ertragen. Die Forschung zeigt hier ein konsistentes Bild. Positive soziale Beziehungen tragen zum Wohlbefinden bei; persönliche Konflikte, Mobbing oder sozialer Ausschluss sind hingegen Vorläufer von Burnout, Unzufriedenheit und schlechter Leistung“, erklärt Venz weiter.

Das sieht auch Josef Schmidt so. Der Gründer des Seminardienstleisters Schmidt-Colleg befasst sich seit Jahren intensiv mit Managementmethoden und Ethik. „Der Mitarbeiter kann der größte Gewinnproduzent eines Unternehmens sein“, sagt er. „Dazu muss er sich wertgeschätzt fühlen.“ An diesem Punkt fordert Schmidt die Vorgesetzten. „Jeder fühlt sich als Mittelpunkt seiner Welt.“ Das müssten sich die Chefs bewusst machen und in diesem Sinne ihren Mitarbeitern dienen.“ Löse die Probleme deiner Mitmenschen, Mitarbeiter und Kunden – und du löst deine eigenen, lautet der Schmidt’sche Imperativ. Gibt also der Vorgesetzte seinem Mitarbeiter das Gefühl, im Sinne des Unternehmensziels eine wichtige Aufgabe gut zu erfüllen, macht er ihn glücklich und leistungsfähig – und erfüllt dabei seine Führungsaufgaben.

„Menschen, die das Gefühl haben, dass ihre Arbeit anderen nützt, fühlen sich gut“, bestätigt auch Dr. Laura Venz. „Das muss aber nicht immer gleich das Retten von Leben sein. Auch der Bäcker kann das Gefühl haben, etwas Gutes zu tun. Es ist nämlich weniger die Außenwahrnehmung als die individuelle Selbstwahrnehmung der eigenen Tätigkeit, die glücklich macht.“ Ärzte sind also nicht per se glücklicher als Bäcker, Buchhalter oder Bademeister.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

Lesen Sie zu diesem Thema auch das Interview Beziehungen sind wichtiger als Geld sowie einen Gastbeitrag eines Regensburger Philosophen.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht