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Wirtschaft
Dienstag, 16. Januar 2018 7

Gastbeitrag

Im Tätigsein als Mensch liegt das Glück

In der Antike galt das Tätigsein frei von Zwang und Ergebnisorientierung als glückversprechend. Das ist heute anderes.

Prof. Dr. Günter Fröhlich ist außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität Regensburg.
Foto: Istvan Pinter

Regensburg.Was „Arbeit“ ist, wissen wir nur, wenn wir nicht näher darüber nachdenken. Dass die Arbeit aber mit dem Glück zusammenhängt, von dem wir noch viel weniger verstehen, was es genau ist, erscheint je nach Blickwinkel einerseits trivial, andererseits absurd. Die einen verbinden damit ihre erfüllende Tätigkeit, die anderen Mühe und Anstrengung. Was der Mensch zum Leben braucht, muss er sich erst schaffen, er findet es nicht vor. Die Erklärungsbedürftigkeit dieses Umstands erkennt schon der Autor der Genesis an: Als Strafe für den Sündenfall „sollst du dich mit Mühsal vom Acker nähren“, der auch noch verflucht ist. Die mühevolle Arbeit ist eine unfreie Tätigkeit, von der Aristoteles das Herstellen und seine Methoden, das Sich-Entschließen und das eigentliche Tätigsein (Praxis) unterschied; denn diese erstrebten allesamt ein Gut – und das höchste der menschlichen Güter ist die Glückseligkeit. Das Glück liegt für Aristoteles unmittelbar im menschlichen Handeln, in dem wir nichts herstellen, sondern worin wir einfach als Menschen tätig sind. Das Worumwillen, um dessen Erfüllung wir das meiste tun, zielt dabei kein Ergebnis mehr an, sondern bezieht sich auf die Führung unseres Lebens, wenn wir unsere inneren Kräfte, und vor allem unsere Vernunft, bestmöglich angesichts der Situation, in der wir stehen, zur Entfaltung bringen. Es geht beim Glück also in keinem Fall um ein emotionales Hochgefühl.

Schon die Renaissance rief den Menschen dazu auf, tätig die Schöpfung Gottes zu vollenden. Die Abwertung der Arbeit wird allerdings erst in der Reformation und bei John Locke aufgehoben: Für Luther und Calvin stellt sie unmittelbar einen Dienst an Gott dar. Sie ist der tätige Ausdruck für das menschliche Dasein, das in „Beruf“ und „Berufung“ im Erfolgsfall Zeichen für die Heilswürdigkeit des Einzelnen darstellt. Von Locke stammt dann die moderne Mehrwerttheorie: Die natürlichen Güter werden durch die menschliche Arbeit umgestaltet. Das Produkt ist wertvoller als das Ausgangsmaterial und der Mehrwert gehört dem Hersteller. Während Hegel sich mehr für den damit verbundenen Prozess einer inneren Auseinandersetzung zur Herausbildung des menschlichen Selbstbewusstseins interessierte, verstand Marx die Arbeit als materialen Stoffwechsel mit der Natur, der entfremdet ist, wenn der Ertrag nicht mehr dem Arbeitenden zur Nutzung überlassen bleibt. Die Reduktion aller menschlichen Tätigkeiten auf Formen der Arbeit in Differenz zur erfüllenden Freizeitaktivität, ihre soziologische Interpretation als Disziplinierungsmaßnahme, die in ihr liegende Chance auf Selbstbestimmung und ihre befürchtete Knappheit infolge zunehmender Automatisierung prägen heute das heterogene Bild der Arbeit. Aus diesem Befund können wir die simple Schlussfolgerung ziehen, dass es bestimmte Tätigkeiten gibt, welche den Menschen glücklich machen können, denn wenn irgendwo das Glück zu finden ist, dann im Tätigsein. Ebenso kennen wir allerdings Arbeit, die unglücklich macht, weil sie eine nackte Notwendigkeit darstellt, und zu der wir keinen Bezug aufbauen können; die uns bedroht, weil wir nicht wissen, wie lange wir sie noch haben; oder die so anstrengend ist, dass wir für anderes keine Zeit oder Kraft mehr haben.

So sonnenklar dieser Befund scheint, die Wirklichkeit im Einzelfall ist sicher komplizierter. Der geneigte Leser gestatte mir hier eine persönliche Anmerkung: Ich unterrichte Philosophie an der Universität Regensburg und musste mich zuletzt vom Bayerischen Verfassungsgerichtshof belehren lassen, dass das keinen Beruf und „keine Arbeit“ darstellt, weswegen eine solche Tätigkeit nicht bezahlt werden müsse. Offenbar gibt es erfüllende Tätigkeiten, die mühselig sind, aber keinen erklärten Mehrwert produzieren, um davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. Uns interessiert hier nur, ob das schon unglücklich macht. Und ich kann versichern: Das tut es nicht.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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Zur Person

  • Dr. phil. Günter Fröhlich, apl. Professor für Philosophie an der Universität Regensburg, arbeitet als Barista im Café Drei Mohren und hält Vorträge über eine breite Vielfalt an philosophischen Themen. Zuletzt sind von ihm die Bücher „Platon und die Grundlagen der Philosophie“ (utb 2015) und „Der Mensch stammt vom Affen ab. Philosophische Etüden über unsere Vorurteile“ (Meiner 2016) erschienen.

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