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Wirtschaft
Freitag, 1. Juli 2016 28° 1

Modellprojekt

In Passau lernen Flüchtlinge fürs Leben

Die ICUnet.AG bemüht sich intensiv um ein besseres Verständnis fremder Kulturen. Die Initiativen gehen in zwei Richtungen.
Von Christine Hochreiter, MZ

Grundvoraussetzung für die Integration in den Jobmarkt: gute Deutsch-Kenntnisse Foto: dpa

Passau.Um Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren, haben Unternehmen, Wirtschaftsvereinigungen und Arbeitsagenturen landauf landab bereits viele verschiedene Programme initiiert. Die meisten setzen auf einen intensiven Sprachunterricht. Einige Projekte kümmern sich aber auch darum, den Neuankömmlingen die Regeln, Gepflogenheiten und die Kultur in Deutschland nahezubringen.

Die Passauer ICUnet.AG bemüht sich nicht nur in eine Richtung um ein besseres Verständnis fremder Kulturen. Das Unternehmen begleitet zum einen Firmen, Organisationen und Mitarbeiter weltweit bei der Internationalisierung. Ein interdisziplinäres Expertenteam – 150 feste und 350 freie Mitarbeiter an 15 Standorten mit einer Kompetenz für 75 Länder und 25 Sprachen – bereitet jährlich mehrere tausend Fach- und Führungskräfte auf Geschäfte mit Menschen in anderen Kulturkreisen vor. Zum anderen haben die Niederbayern aber auch diverse Projekte für Flüchtlinge am Laufen: Dazu gehören Workshops für die Caritas. Auch hier ist die Richtung nicht eingleisig. Es geht darum, Helfer vorzubereiten – auf Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kommen. Außerdem soll den Neuankömmlingen eine Tätigkeit in sozialen Berufen schmackhaft gemacht werden, sagt Vorstandschef Dr. Fritz Audebert.

Was Chefs erwarten

Für das Bundesaußenministerium recherchiert die ICUnet.AG derzeit, „über welche Kanäle sich Afghanen über Deutschland informieren, und was sie letztendlich dazu treibt, ihr Land zu verlassen“. Weitere Projekte für andere Länder wie Syrien, Nigeria oder Eritrea werden folgen.

Kommentar

Der Faktor Zeit

Wie gut kann die Integration von Flüchtlingen in den Jobmarkt funktionieren? Die Antwort ist schwierig, weil es kaum Daten über die Qualifikation der Neuankömmlinge...

Nach der bayernweit ersten Messe für Flüchtlinge im Sommer soll es möglichst rasch eine Neuauflage geben. Veranstalter war das Wirtschaftsforum der Region Passau e.V. ICUnet-Chef Audebert fungiert bei dem Verein als Geschäftsführer. Die Messe fand im Rahmen des Projekts „FAM – Potenziale nutzen“ statt. Die Initialen stehen für Flüchtlinge, Asylbewerber, Migranten. Mit der Initiative soll zumindest ein kleiner Teil der vielen Neuankömmlinge für den regionalen Arbeitsmarkt gewonnen werden. Laut Audebert gibt es inzwischen schon viele Städte, die sich für das Passauer Modell interessieren und Ähnliches umsetzen wollen. Die Messe sei für die Integration ein Katalysator gewesen. Die Vermittlungsrate liege bei fast 50 Prozent.

Die Projekt-Teilnehmer haben 600Stunden Deutsch-Unterricht und bekommen zusätzlich ein interkulturelles Training. Vorher werden sie einer Potenzialanalyse unterzogen, die den Trainingsbedarf in puncto deutschem Kulturverständnis abklärt. In den Kursen lernen die „FAM“ nicht nur die wichtigsten Begriffe für den Berufsalltag, sondern sie erfahren auch, was deutsche Chefs von ihren Mitarbeitern erwarten. Außerdem werden die Teilnehmer auf Bewerbungsgespräche vorbereitet.

Ein idealer Brückenbauer

Laut Audebert beobachten sowohl das Bundesarbeits- als auch das Bundeswirtschaftsministerium das Passauer Pilotprojekt intensiv. Dessen positive Auswirkungen auf die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt sollen nun im Rahmen einer deutschlandweiten Studie verifiziert werden. Dabei soll gezeigt werden, dass interkulturelles Training gepaart mit Sprachunterricht die Integration in den Jobmarkt am besten befördert.

Bassam Elemam arbeitet seit vier Jahren als interkultureller Berater bei ICUnet. Der gebürtige Ägypter hat in Kairo Betriebswirtschaftslehre studiert, war lange Zeit in der Tourismusbranche tätig und lebt seit 2003 in Deutschland. Als er ankam, konnte er kein Wort Deutsch. Inzwischen beherrscht er die Sprache perfekt. Der 53-Jährige lebte 14 Jahre in Saudi-Arabien und war mit einer Deutschen verheiratet. Er kennt beide Kulturkreise sehr gut und ist daher bestens geeignet, um eine Brücke zu schlagen. Daher coacht er Deutsche, die geschäftlich mit Partnern aus dem arabischen Raum zu tun haben. Und im Rahmen des Passauer Modells bringt er Flüchtlingen die deutsche Kultur näher.

Sich versichern ist neu

Brückenbauer zwischen zwei Kulturkreisen: Bassam Elemam Foto: ICUnet.AG

Er erzählt, dass es dabei um ganz unterschiedliche Dinge geht. Es fängt damit an, dass hierzulande ein wesentlich direkterer Kommunikationsstil gepflegt wird. Elemam: „In arabischen Ländern redet man eher blumig um den heißen Brei herum.“ Es geht aber auch um das Alltagsleben in Deutschland, um Höflichkeit oder das Rollenverständnis von Mann und Frau. Auch der Umgang mit Firmenhierarchien unterscheide sich stark, sagt der Trainer: „In der arabischen Welt dulden Führungskräfte keinen Widerspruch. Hierzulande wollen die Manager, dass ihre Mitarbeiter mitdenken.“

Ein anderes Thema, das vielen Neuankömmlingen fremd ist, sei „dass man sich hierzulande versichert“. Für die AOK Bayern trainiert ICUnet Betreuer, die sich um Flüchtlinge kümmern sollen. Im Übrigen versucht man, einige für eine Laufbahn in der Versicherungsbranche zu gewinnen. Am eigenen Beispiel will Bassam Elemam aber auch verdeutlichen, „dass man sich schon selbst einbringen muss und dass Deutschland nicht alles bezahlen kann“. Was er sich wünscht, ist so etwas wie eine Kettenreaktion: Dass die Flüchtlinge, die er trainiert hat, ihr Wissen an Landsleute weitergeben, und diese wiederum bei der Integration unterstützen.

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