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Wirtschaft
Samstag, 20. Januar 2018 10

Ausblick

Jobwunder – und kein Ende?

In der Region entstehen Tausende Jobs. Der Umbruch in der Autobranche und der Fachkräfte-Engpass gefährden den Boom.
Von Marion Koller

Ein Spezialist des Chamer Kunststoffherstellers Ensinger inspiziert einen Roboter. Fotograf: Christian Schlueter

Regensburg.Die Region hat eine unglaubliche Entwicklung durchlaufen. Das zeigt am besten die Arbeitslosenquote von Kötzting. Im Februar 1967 hatten dort 42,8 Prozent keinen Job, 1980 im Jahresschnitt immerhin noch 14,2 Prozent. Auch wenn der Vergleich ein wenig hinkt: Heute weisen die einstigen Schlusslichter Bad Kötzting und Cham, die von der Arbeitsagentur inzwischen zusammengefasst werden, eine Arbeitslosenquote von nur 2,3 Prozent auf.

Der Jobaufschwung in der Oberpfalz geht 2018 weiter. Die Neutraublinger Krones AG und ihre neue Mitarbeiterin Carolina Stelbrink sind Beispiele dafür. Die Maschinenbau-Firma mit 6500 Beschäftigten plant dieses Jahr mindestens 250 Neueinstellungen. Betriebswirtschaftlerin Stelbrink (36) hat dort Anfang Januar ihren anspruchsvollen Traumjob im internationalen Personalwesen angetreten.

„Die Entwicklung ist super“

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) prognostiziert, dass in der Oberpfalz und besonders in der Region Regensburg die ohnehin geringe Arbeitslosigkeit stärker sinken wird als im übrigen Bayern. Im Bezirk wird die Beschäftigung von knapp 500 000 auf rund 511 000 klettern. 400 Regensburger ohne Job werden eingestellt, erwarten die Forscher. Schon jetzt herrscht in der Domstadt mit einer Arbeitslosenquote von nur 2,1 Prozent quasi Vollbeschäftigung (Oberpfalz 2,9 Prozent). Im Arbeitsamtsbezirk Schwandorf werden 100 Arbeitslose eine Stelle finden, im Bereich Weiden 200.

„Die Entwicklung ist super“, freut sich Olga Saitz, Pressesprecherin der bayerischen Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit.

Der Grund des Erfolgs: Die Region weist die meisten Industrie-Unternehmen bei geringster Bevölkerungsdichte in Bayern auf: 122 Beschäftigte je 1000 Einwohner. Für die starke Industrie in der Oberpfalz sorgen vor allem junge, innovative Unternehmen und Hightech-Firmen. Die Industrie setzt auf Ausweitung der Produktvielfalt und Export – wie etwa SMP Automotive aus Neustadt oder der Kunststoffhersteller Ensinger GmbH in Cham, die in alle Kontinente liefern.

Die Firmen wachsen. Pressesprecherin Susanne Reimann von Continental, mit 8000 Beschäftigten der zweitgrößte Regensburger Arbeitgeber, geht davon aus, dass der Autozulieferer auch heuer zulegen wird. Conti sucht Software-Ingenieure, IT-Spezialisten und Facharbeiter für die Fertigung. Bei der Krones AG sind laut Sprecherin Danuta Kessler-Zieroth besonders Konstrukteure, Produktspezialisten, Software-Entwickler, Projektmanager, Servicetechniker und -ingenieure gefragt. Die Chamer Ensinger GmbH erweitert und deshalb betont Personalchefin Maria Bauer: „Wir werden definitiv Zuwachs haben.“ SMP Automotive profitiert laut Personalleiter Volker Folwill von einer stabilen Auftragslage und hält die 2300 Beschäftigten.

Hautnah spürt Alexandra Bencinic vom Personaldienstleister I. K. Hofmann in der Regensburger Maxstraße den Jobboom. „Wir haben eigentlich viel zu wenig Bewerber für die offenen Stellen in Regensburg und der Oberpfalz“, bedauert sie. „Wir suchen Anlernkräfte für die Produktion, Techniker, Ingenieure und High Potentials, also Top-Nachwuchs.“ Manche Kunden bräuchten ad hoc bis zu 30 Kräfte, doch die Regionalleiterin muss passen. Fast leer gefegt ist der Markt in der Elektrik und Elektronik. „Das heißt nicht, dass wir kein Personal finden. Es dauert nur länger und ist kostenintensiver geworden“, erklärt Bencinic.

Wie lange wird der Aufschwung anhalten? Das vermag kein Fachmann vorauszusagen. Professor Joachim Möller, Volkswirt von der Universität Regensburg und Leiter des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, gibt zu bedenken, dass sich die weltwirtschaftliche Lage jederzeit zuspitzen könne. Eine Eskalation des Nordkoreakonflikts hätte Folgen für die Weltwirtschaft gehabt, etwa Produktionsausfälle bei den Nachbarn. „Das kann eine exportorientierte Region wie die Oberpfalz schnell betreffen“, sagt Möller.

Der Strukturwandel bei der Mobilität ist ein Risikofaktor, weil die Autoindustrie in der Region ein bedeutender Arbeitgeber ist. Ob E-Mobilität oder Brennstoffzelle: Möller glaubt, dass die bayerischen Autobauer nach anfänglichem Zögern die Lektion gelernt haben. „Die Zahl der Patente zeigt: Die deutschen Hersteller sind dabei.“ Doch ganz begrenzen lasse sich das Risiko nicht.

Maschinenfabrik ergreift Chance

Die Digitalisierung betrachtet der Forscher als Chance und Gefahr zugleich. Einige Unternehmen, wie die Regensburger Maschinenfabrik Reinhausen (MR), die das Thema rasch anpackte, gewinnen mehr Marktanteile. Die MR hat zum Beispiel eine Software entwickelt, die Metallbearbeitungsmaschinen vernetzt. Einige Branchen wie die Banken und manche Tätigkeitsbereiche wie das Buchhaltungswesen büßen viele Jobs ein.

Möller sieht keinen generellen Fachkräftemangel, aber Engpässe – vor allem in technischen Berufen und in der Pflege. Den Fachkräfte-Engpass gehen die Firmen mutig an: Krones bildet intensiv aus. Personaldienstleister Hofmann rekrutiert am Standort Cham Bewerber aus Tschechien. Eine Chamer Firma bietet, ähnlich wie Hofmann Personal, Deutschkurse an, eine andere im Landkreis Cham organisiert einen Shuttleservice für die Azubis, denn Busverbindungen decken die Schichtzeiten nicht ab. Die Ensinger GmbH überzeugt als prämierter Top-Arbeitgeber, bildet viel aus, qualifiziert die Mitarbeiter nach, wirbt aber auch in sozialen Medien und bei Rekrutierungsveranstaltungen.

Carolina Stelbrink von Krones hofft, dass das Unternehmen weiterhin floriert und damit ihr Job sicher ist. Die Chancen für sie stehen gut. Forscher Joachim Möller ist überzeugt, dass sich die Gesamtnachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland aufgrund der Digitalisierung wenig verändern wird. „Aber unter der Oberfläche gibt es viele Turbulenzen, viele Wechsel.“ Unternehmen müssten stark und dauerhaft nachqualifizieren.

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Softwareentwickler und Techniker gesucht

  • Die Oberpfalz

    liegt mit einem Beschäftigungswachstum von 2,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr über dem bayerischen Durchschnitt (2,7).

  • Eine Analyse

    der Bundesarbeitsagentur zeigt Fachkräfte-Engpässe in technischen Berufsfeldern (z. B. Mechatronik und Automatisierung). - und Pflegeberufen fehlen Fachleute. Händeringend gesucht werden Software-Entwickler, IT-Anwenderberater und Pharmazeuten. Das sind bundesweite Engpässe. In Bayern fehlen auch Spezialisten in Hochbau, Metallbearbeitung, Konstruktion, Programmierung, Fahrzeug- und Elektrotechnik.

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