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Wirtschaft
Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Fortschritt

Kammer schiebt bei E-Mobilität an

In Ostbayern nehmen Elektro-Autos Fahrt auf. Aber noch fehlen einheitliche Konzepte. 60 Experten trafen sich zum Update.
Von Marianne Sperb, MZ

IHK-Vizepräsident Rolf Pfeiffer an der Ladestation der Kammer in Regensburg: „Seien wir Avantgarde bei E-Mobilität“, appelliert er. Foto: Sperb

Regensburg.An E-Mobilität kommt künftig niemand vorbei. Auch wenn sie nicht für jede Kommune, jedes Unternehmen und jedes Einsatzgebiet die perfekte Lösung bietet: Sie spielt eine Schlüsselrolle für Wachstum und Wohlstand, sagt Rolf Pfeiffer, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer für Oberpfalz und Kelheim. „Wir müssen fragen: Sind wir vorn dabei? Gestalten wir mit? Oder verlieren wir den Anschluss?“

Am Mittwoch brachte die Kammer in Regensburg 60 Experten aus Unternehmen, Verwaltung, Forschung und Entwicklung auf den aktuellen Stand. Der Befund: Strukturen und Konzepte differieren von Region zu Region. Einzelne Kommunen setzen auf verschiedene Ladestecker, Bezahlsysteme oder Marketingstrategien. Eine zentrale Frage der Tagung war deshalb, wie es gelingt, das Handling von E-Mobilität zu vereinheitlichen.

Nach einer Erhebung von Werner Beck, bei der IHK der Experte für E-Mobilität, sind die Kommunen in Ostbayern sehr unterschiedlich auf dem Zukunftsfeld aufgestellt. Regensburg etwa verfügt bereits über 116 Ladepunkte, Weiden dagegen hinkt mit fünf Ladepunkten nach (Stand: jeweils März 2017). Das unterschiedliche Tempo, mit dem die Kommunen unterwegs sind, hängt mit einer Reihe von Faktoren zusammen. In Regensburg zum Beispiel war die Stadt-Tochter Rewag (Regensburger Energie- und Wasserversorgung) früh einer der Treiber. Rudolf Gruber, Leiter des Umweltamts, stellte Konzepte der Stadt für die Region vor. In Weiden dagegen sprang die Politik spät auf den Zug auf, sagt Matthias Rösch vom etz (Energie-Technologisches Zentrum Nordoberpfalz), einer der Referenten am Mittwoch. Inzwischen kommt E-Mobilität auch dort in Fahrt. In zwei bis drei Jahren, so das Konzept, das in Regie von etz entstanden ist, sollen in Weiden 14 neue öffentliche Ladepunkte stehen.

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E-Mobilität entwickelt sich extrem dynamisch. Im IHK-Bezirk schnellte die Zulassungszahl für E-Fahrzeuge von Anfang 2015 bis Anfang 2017 von 271 auf 648 hoch (Plus: 136 Prozent). Zum Vergleich: In Bayern stieg die Zahl von 4053 auf 8175 (102 Prozent) und im Bund von 18 948 auf 34 022 (80 Prozent). E-Mobilität allein wird aber nicht alle Herausforderungen meistern. Rolf Pfeiffer verweist deshalb auf vernetzte Konzepte, die alle Arten von Mobilität verbinden, vom ÖPNV bis zu Carsharing.

Bislang dreht sich die Debatte im Kreis. Fahrer zögern mit dem Kauf eines E-Autos und deuten auf fehlende Ladesäulen, Kommunen zögern mit dem Bau von Ladesäulen und deuten auf fehlende E-Autos. „Seien wir Avantgarde“, wirbt Pfeiffer bei Verwaltern und Unternehmern. Er drückt, mit Blick auf die Dynamik etwa bei den Zulassungen, aufs Tempo: „Wir müssen jetzt beginnen, Fahrzeuge, Infrastruktur und rechtlichen Rahmen parallel bereitzustellen. Wenn wir an einer Stelle zögern, werden wir das Ziel nicht erreichen.“

E-Autos im internationalen Vergleich

  • Der Absatz von E-Autos:

    China gibt das Tempo vor. Der Absatz stieg dort im Vergleich von 2015 auf 2016 (jeweils erstes Halbjahr) von 73 000 auf 170 000, in den USA von 53 000 auf 66 000. In Norwegen mit rund fünf Millionen Einwohnern kletterte der Absatz von 16 000 auf 22 000, in Frankreich von 10 000 auf 16 000, in Großbritannien von 15 000 auf 19 000.

  • Die Lage in Deutschland:

    In Deutschland mit seinen knapp 83 Millionen Bürgern bewegte sich in der Zeit von 2015 bis 2016 (jeweils erstes Halbjahr) nichts: Der Absatz stagnierte bei 10 000 E-Autos. Das Regierungsziel von einer Million zugelassener E-Autos im Jahr 2020 ist unerreichbar. Die Zahlen sind im neuen Faltblatt der IHK für Oberpfalz und Kelheim zur E-Mobilität aufgeführt.

Die IHK hat seit Oktober 2016 zwei Ladepunkte an ihrem Sitz in Regensburg eingerichtet, ein E-Auto angeschafft und zwei Broschüren sowie aktuell ein Faltblatt publiziert. Alle Details, von der Bezahl-App bis zu steuerlichen Aspekten, stellt sie als Entscheidungshilfen zum Download bereit. Unternehmen und Kommunen können der E-Mobilität kräftigen Schub geben, wenn sie ihren Fuhrpark umstellen und Besuchern sowie eigenen Mitarbeitern ihre Ladestation zur Verfügung stellen.

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E-Mobilität hat inzwischen sogar neue Berufsbilder hervorgebracht. Ein gutes Beispiel ist Annette Schwabenhaus, eine der ersten Beraterinnen für E-Mobilität in Bayern. Sie begleitet Unternehmen, Kommunen und Privatpersonen bei der Umstellung auf E-Autos. Sie vergleicht Antriebsarten, berechnet Parkraumkosten oder unterstützt beim Erreichen von Umweltzielen. Im Zehn-Jahres-Vergleich, sagt sie, können E-Autos preislich durchaus konkurrieren mit konventionell angetriebenen Kfz.

Experten informierten bei der IHK für Oberpfalz und Kelheim, wie Elektromobilität Fahrt aufnimmt: Werner Beck, Annette Schwabenhaus, Matthias Rösch, Rolf Pfeiffer und Rudolf Gruber (von links). Foto: Sperb

Nach der Erfahrung von Schwabenhaus kann ein E-Auto sogar Mitarbeiter motivieren. Ein Bäcker, der lange Lehrlinge suchte, fand Auszubildende, weil er ihnen ein günstiges E-Auto für die Fahrt zur Bäckerei stellte, das sie auch privat nutzen durften.

Nicht immer führt die Abwägung zum Kauf eines Elektroautos. Die Beraterin zitierte als Beispiel das Theater Stuttgart mit seinen über die Stadt verteilten Probebühnen. Der Fahrer, der Requisiten von Haus zu Haus brachte, stand häufig im Stau. Am Ende entschied das Theater, ein Lasten-Pedelec zu kaufen – und sparte 1,5 konventionelle Fahrzeuge dafür ein.

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