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Wirtschaft
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Landwirtschaft

Milchbauern fühlen sich als Melkvieh

Den Erzeugern schwillt der Kamm: Jetzt legen ihnen auch Handelsriesen die Ketten an. MdEP Albert Deß reagiert provokant.
Von Marianne Sperb, MZ

Der Milchpreis im Keller, die Bauern auf den Barrikaden: Jetzt machen auch Großhandelsketten den landwirtschaftlichen Erzeugern das Leben zunehmend schwerer. Foto: dpa

Regensburg.Albert Deß platzte um 3.04 Uhr der Kragen. Der Oberpfälzer Bauern-Fürsprecher hatte Anfang August 22 Stunden lang Ernte eingebracht, da setzte er sich noch hin und postete: Von den „Bauern-Schikanierern“ bei Grünen, SPD, Greenpeace, Aldi, Edeka und anderen habe „sicher niemand heute 22 Stunden gearbeitet, um unsere Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen“. „Hört endlich auf, uns Bauern an den Pranger zu stellen und uns vorzuschreiben, wie wir unser Land bewirtschaften und unsere Tiere halten sollen“, floss es dem EU-Parlamentarier aus den Fingern. „Wenn ihr es besser könnt, dann macht es doch selber, statt schlau daher zu reden. Wir Bauern haben es satt, von euch wie Leibeigene im Mittelalter behandelt zu werden.“

So ist er, der Albert Deß. Was ihm auf der Seele brennt, haut der 69-Jährige in die Welt hinaus, ohne große Rücksicht auf Diplomatie und Nuancierung. Ein paar Tage nach seinem Aufschrei, im Gespräch mit unserer Zeitung, ist er differenzierter zu erleben, als Lobbyist, der zu jeder Behauptung mit Zahlenmaterial aufwarten kann. Er rückt seinen Eintrag auf Facebook zurecht: „Ich hab’ da sicher pauschaliert. Es gibt ja auch bei Grünen und SPD Vernünftige.“ Die Reaktionen geben ihm allerdings recht. Zwischen 3.04 und 6 Uhr früh erhielt seine Botschaft bereits rund 600 „Gefällt mir“, gestern – Stand: 12.30 Uhr – waren es 4259 und der Post war 2383 Mal geteilt. Zum Vergleich: In ähnlichen Fällen bekommt er „vielleicht 300 Likes“. „So viel Echo“, schüttelt Albert Deß den Kopf, „hatte ich noch nie.“

Die Edeka-Forderung „ein Witz“

Hinter dem Frust des CSU-Politikers steckt ein 21-Punkte-Papier von Edeka. Die Handelskette schickte an Molkereien „Mindestanforderungen zur Haltung von Milchkühen“. Keine Gummimatte ohne Einstreu, fordert Edeka – „ein Witz“, sagt Albert Deß: „Manche Matten sind so weich wie Stroh.“ Maximal 170 Kilo Stickstoff pro Jahr und Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche, fordert Edeka – „völlig sachfremd“, sagt Deß: „Das kommt ja immer auf den Standort an. Im Allgäu kann ich mehr Stickstoff einsetzen als in der Oberpfalz.“ Haltung im Liegeboxenstall ohne Anbindung, fordert Edeka – „realitätsfremd“, sagt Deß: „Ein Bergbauer mit zwölf Kühen müsste für den Laufstall vielleicht 150 000 Euro ausgeben. Das wird er nicht tun. Er wird aufhören.“

Kommentar

Nerv getroffen

Albert Deß ist Landwirt mit Leib und Seele, einer, der traditionelle Werte hochhält. Ein bestens vernetzter Lobbyist ist er außerdem. Sein Aufschrei hat...

Die Bedingungen von Edeka – und ähnliche Anforderungen stellen Konkurrenten wie Aldi – gehen weit über das Tierschutzgesetz hinaus und bedeuten das Aus für kleinere Betriebe, sagt der Abgeordnete. Er spricht von „Schikane“ und „Schlauschwätzerei“, von Bevormundung und Erpressbarkeit durch die Marktmacht der Großen. Schon die penible Dokumentation etwa von „tierbezogenen Tierwohlindikatoren“, wie Edeka sie wünscht, sei kaum zu leisten.

Der Lobby-Arbeiter plant eine provozierende Antwort. Er sitzt über einem Fragebogen an Handelsketten. Wie viele Beschäftigte Mindestlohn erhalten, wie lange sie unter Neonlicht arbeiten und wie oft sie ans Tageslicht dürfen oder ob sie ihre Vögel noch im Käfig halten, der bei Landwirten schon abgeschafft ist: Mit solchen und ähnlichen Fragen will er den Handelsriesen den Spiegel vorhalten, mit einer analogen Begründung, wie sie die Einkaufsriesen nennen: „Weil ich sonst ein schlechtes Gewissen hätte, dort Kunde zu sein.“ Das Papier wird Deß über social media verbreiten, über seine politischen Kanäle und über Tausende Kontakte zu Bauern.

Edeka zeigt sich gesprächsbereit

Edeka rudert bereits zurück. Auf Anfrage unserer Zeitung ließ Gernot Kasel, Leiter der Medienkommunikation in der Zentrale Hamburg, am Donnerstag wissen: Man plane, „gemeinsam mit den Molkereien Verbesserungen beim Thema Tierwohl zu erreichen“. „Unsere Absicht ist es aber nicht, einseitige Vorgaben aufzustellen. Es handelt sich nicht um eine Forderung, sondern um eine Aufforderung, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Sollte die Botschaft nicht bei allen Empfängern angekommen sein, bedauere man das und werde es „selbstverständlich im persönlichen Kontakt richtigstellen“. Erste Gespräche hätten bereits stattgefunden.

Albert Deß: EU-Parlamentarier und Oberpfälzer Landwirt Foto: Sperb

Albert Deß ist Landwirt aus Leidenschaft. Der Frust, der ihn umtreibt, speist sich aus vielen Entwicklungen und mündet in eine Einsicht: „Heute könnte ich keinem jungen Menschen mehr raten, diesen Beruf zu wählen.“ Der Abgeordnete spannt den Horizont weit auf. Er hat 1961 den Traktorführerschein gemacht, mit 14. Sein erster Einsatz war: Getreide wegfahren. Für den Erlös von 200 Gramm konnte man damals eine Bild-Zeitung kaufen, sagt Deß und zeigt ein Säckchen Getreide, das er zur Veranschaulichung extra mitgebracht hat. „Heute braucht man dazu sechs Kilo – das 30-Fache.“ Wenn die Preise seit 1961 für Getreide so stark gestiegen wären wie für Tageszeitungen, würden die Bauern 100 Milliarden Euro pro Jahr mehr einnehmen, rechnet Deß vor. In der Realität erhalten die Landwirte sechs Milliarden Euro Subventionen aus Brüssel – „und die muss man sich auch noch vorhalten lassen“.

Die Webcam im Mastschweinestall

Als Bauer ist Albert Deß gefrustet, als Politiker setzt er auf Aufklärung. „Immer weniger Menschen wissen um die Verhältnisse in der Landwirtschaft.“ Klar: Nach 1945 gab es in Deutschland rund eine Million landwirtschaftlicher Betriebe, heute sind es noch etwa 280 000. Transparenz weckt Verständnis. Das zeigt der Bauer in Schleswig-Holstein, der eine Webcam im Mastschweinestall montiert hatte. Oder der Milchbauer am Rand von Darmstadt, der immer Ärger mit Anwohnern hatte – bis er seinen Hof öffnete, beim Melken zuschauen ließ und Info-Karten über Dünger-Einsatz und Ähnliches aushängte. Die Folge: Der Bauer wurde in den Stadtrat gewählt.

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