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Wirtschaft
Donnerstag, 25. August 2016 31° 1

Finanzen

Mister Dax: Kein Hafen ist mehr sicher

Die Party in China ist endgültig vorbei. Der Börsenexperte Dirk Müller befürchtet dramatische Folgen für die Weltwirtschaft.
Von Christine Hochreiter, MZ

Auch nach der Einstellung des Parketthandels: Börsenexperte Dirk Müller ist und bleibt „Mister Dax“. Foto: dpa

Regensburg.Obwohl der Parketthandel an der Frankfurter Börse längst Vergangenheit ist, kennt man ihn immer noch als „Mister Dax“. Bis 2008 hatte Dirk Müller seinen Arbeitsplatz direkt unter der Kurstafel und war ein beliebtes Fotomotiv. Sein Gesicht zeigte, ob es gerade nach oben oder unten ging. Heute managt der ehemalige Börsenmakler einen eigenen Aktienfonds, betreibt die Website Cashkurs und berät die Politik.

Was sich in China zusammengebraut hat, gefällt ihm gar nicht: „Die Situation im Reich der Mitte ist sehr riskant und hat Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft“, sagte Müller gestern im Gespräch mit der MZ. Aus seiner Sicht war der Kurssturz an den Börsen aber schon lange absehbar: „Was wir jetzt erleben, hat schon vor über einem Jahr begonnen.“ Fakt sei: „Die Party ist zu Ende.“

Vorausgegangen sei ein XXL-Boom, wie ihn die Weltwirtschaft noch nicht gesehen habe. Dieser Boom habe über 20 Jahre lang auch seine Berechtigung gehabt. Er habe Geld aus aller Welt im XXL-Volumen angezogen. Geld, das sich die Investoren häufig im großen Stil geliehen hätten. Die Kredite seien nicht nur in Japan, sondern auch im Westen aufgenommen worden. Für quasi null Prozent Zinsen habe man in China Renditen von 15 bis 20 Prozent erzielen können. Doch das ist vorbei.

„Unglaublich viel Blödsinn“

Die große Frage lautet: Kann die chinesische Regierung das Vertrauen der Investoren wiedergewinnen? Foto: dpa

Nur in Boomzeiten könne man alle möglichen Investitionen tätigen – auch wenn sie völlig unsinnig sind, so der Experte. Der Wert steige automatisch. Doch in dem Moment, in dem sich die Konjunktur abkühle und sich die Preise nicht mehr erhöhten, breche das ganze System zusammen. Müller: „In China wurde in unglaublich viel Blödsinn investiert.“ So seien beispielsweise Städte für eine Million Menschen errichtet worden, die komplett leerstehen. Die Fehlinvestitionen hätten Dimensionen, die wir uns überhaupt nicht vorstellen könnten.

Es könnte schlimmer kommen als bei der Finanz- und Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehmann Brothers im Jahr 2008.

Dirk Müller

Seit etwa einem Jahr befindet sich China in dramatischen Schwierigkeiten: Investoren ziehen ihr Geld in großem Stil ab. Und wenn es der Volksrepublik schlecht geht, hat das Folgen für den Rest der Wirtschaftswelt, die stark vom Wachstum in China abhängig ist. Die Situation könne nur noch gedreht werden, wenn es der chinesischen Regierung gelinge, das Vertrauen der Investoren mit Notmaßnahmen wiederherzustellen. Müller glaubt allerdings, dass das nicht wirklich funktionieren wird – und schon gar nicht auf Dauer.

Der Experte rechnet mit einer „sehr heftigen Entwicklung“. Es könnte schlimmer kommen als bei der Finanz- und Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehmann Brothers im Jahr 2008. Es könnte. Dirk Müller räumte allerdings ein, dass niemand eine Glaskugel besitze. „Wir Menschen machen den Fehler, das linear fortzuschreiben, was wir kennen und wissen.“

Der niedrige Ölpreis ist gefährlich

Der Ölpreis fällt und fällt – ein Ende dieser Entwicklung ist nicht absehbar. Foto: dpa

Auch wenn derzeit keine Rettungsanker erkennbar seien, könne es durchaus sein, dass die Chinesen die Konjunktur noch mit irgendwelchen Paketen anschieben. Und auch wenn die europäischen Notenbanken mit der Senkung der Zinsen auf ein historisch niedriges Niveau eigentlich ihr Pulver verschossen haben, sei nicht auszuschließen, dass ihnen etwas Neues einfällt. In erster Linie seien aber zunächst die Chinesen selbst gefordert. Und vermutlich würden schwere Verwerfungen der Weltwirtschaft dann nur zeitlich nach hinten geschoben.

Doch es gibt noch andere Krisenherde – wie den niedrigen Ölpreis. Gestern lag er so tief wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Und ein Ende der Talfahrt ist angesichts des hohen Angebots an Rohöl und der eher schwachen Nachfrage nicht in Sicht. Müller hält diese Entwicklung für „sehr gefährlich“, denn dadurch verrutsche bei den Ölstaaten viel. Bleibe der Ölpreis so niedrig, sei beispielsweise Saudi-Arabien in drei bis vier Jahren pleite.

In Europa sei die Situation derzeit noch mit am besten. Global betrachtet handle es sich dabei um die letzte Region, „die noch ein Fünkchen Hoffnung versprüht“. Allerdings seien die Verflechtungen mit den USA und Asien sehr dicht. Und Griechenland? Obwohl sich dort nichts verändert habe, habe sich der Fokus der Medien inzwischen anderswohin verlagert. Dies gelte im Übrigen auch für die Ukraine.

Aktien, Gold oder Immobilien?

Auch Edelmetalle wie Gold sind laut Müller kein Wertgarant. Foto: dpa

In solch unsicheren Zeiten mit so vielen Unwägbarkeiten ist es auch schwierig, Anlegern Empfehlungen zu geben. Müller: „Machen wir uns nichts vor. Für die Zukunft gibt es keine Wahrheit, sondern nur unterschiedliche Szenarien.“ Und die können alles Mögliche beinhalten: von einem Platzen der Aktienblase bis hin zu einer Währungsreform. Auch auf dem Geld sitzen zu bleiben, könne ein Fehler sein, wenn die Inflationsspirale richtig in Gang kommt, weil die Anleihenblase platzt. Fakt sei: „Für unser Geld gibt es keine sicheren Häfen mehr.“ Auch nicht die Edelmetalle. „Wenn die Saudis Geld brauchen, werden sie ihr Gold verkaufen, und dann geht auch der Edelmetall-Preis in den Keller.“ Und Immobilien seien bereits sehr teuer und ein Einstieg schwierig.

Die Börse ist ein Schmelztiegel all dessen, was da draußen passiert.

Dirk Müller

Einen Rat hat der Profi dennoch parat. Er empfiehlt Investitionen in starke Unternehmen aus Nordamerika und Europa und das Depot konsequent gegen mögliche Kurseinbrüche abzusichern.

Dirk Müller will kein Prophet oder Finanz-Guru sein. Aus dem Börsenmakler ist ein Informationsmakler geworden. „Die Börse ist ein Schmelztiegel all dessen, was da draußen passiert. Deshalb versuche ich möglichst viel zu verstehen, um es einordnen zu können.“ Um zu ahnen, ob es eher nach oben oder unten geht.

Der Bestseller-Autor Marc Friedrich ist indes überzeugt, dass unser Finanzsystem zusammenbricht. Zusammen mit dem ehemaligen Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Wiegard, war Friedrich im vergangenen Jahr Gast beim ersten MZ-Wirtschaftsforum.

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