mz_logo

Wirtschaft
Montag, 20. November 2017 7

Technik

Mit einer Datenflut gegen den Stillstand

Die Digitalisierung hilft, den Betrieb von Fahrzeugen reibungsloser zu machen. Werden Werkstätten damit bald arbeitslos?
Von Christine Schultze und Roland Losch, dpa

Lokomotiven wie „Vectron“ sind mit einer Vielzahl an Sensoren ausgestattet, um kritische Teile wie Bremsen, Getriebe oder Türen zu überwachen. Foto: dpa

München.Die Zugtür öffnet sich nicht, der Automotor geht plötzlich aus, die Klimaanlage streikt – wer häufig mit dem Auto oder der Bahn unterwegs ist, muss auch auf solche unliebsamen Überraschungen gefasst sein. Pannen kosten Zeit, Nerven und oft auch viel Geld. Abhilfe verspricht die Digitalisierung. Denn sie macht möglich, dass Verkehrsmittel und andere technische Anlagen stetig überwacht und vorausschauend gewartet werden – und nicht erst dann, wenn das Malheur schon da ist. Gehören Pannen damit bald der Vergangenheit an?

Die neuen Technologien nutzt beispielsweise Siemens in seinem Servicegeschäft für Züge. Zusammen mit Teradata, einem auf die Analyse riesiger Datenmengen spezialisierten Unternehmen aus den USA, optimiert der Konzern die Wartung für seine Bahnen. Die mussten früher standardmäßig nach einer festgelegten Kilometerleistung zum Check in die Werkstatt – obwohl das Intervall längst nicht zu jeder Komponente passte, wie Johannes Emmelheinz, Chef der Bahnservicesparte von Siemens, sagt. „Bei Ablauf mussten beispielsweise Bremsbeläge runter, auch wenn sie noch gar nicht abgenutzt waren.“

Die Sensorik

  • Definition:

    Bei der technischen Sensorik handelt es sich um die Wissenschaft und die Anwendung von Sensoren zur Messung der Veränderungen in Systemen. Es hilft somit diese zu überwachen und bei Bedarf einzuschreiten.

  • Einsatzbereiche:

    Die Sensorik findet heute Anwendung in fast allen Bereichen der Technik – am Fließband, in Fahrzeugen oder in der Medizin, zum Beispiel bei Herzschrittmachern.

  • Funktion:

    Durch Sensoren werden nichtelektrische Messgrößen in elektrische Signale umgewandelt. Diese können dann auf entsprechenden Endgeräten dargestellt werden.

Nun stehen kritische Teile wie Bremsen, Getriebe und Türen über Sensoren ständig unter Beobachtung und können flexibler und nach Bedarf instandgehalten oder ausgetauscht werden – nämlich beispielsweise in den Nachtstunden, wenn die Züge nicht im Einsatz sind. Das hilft, lange Standzeiten in der Werkstatt zu vermeiden und den Materialeinsatz zu reduzieren. Wichtigstes Ziel dabei: Es soll zu keinen Verspätungen oder Ausfällen kommen, sagt Emmelheinz.

Sensoren beugen Ausfällen vor

Auch die Autoindustrie setzt auf die Datensammlung – und nutzt sie etwa für die vorausschauende Instandhaltung von Robotern und Fließbändern. Verschleißteile wurden früher sicherheitshalber oft zu früh ausgetauscht – oder zu spät, mit der Folge, dass die ganze Produktion stand. Heute signalisieren Sensoren an elektrischen Antrieben, Drehtischen oder Schweißzangen frühzeitig, wo sich ein Problem anbahnen könnte, wo etwas plötzlich leicht vibriert oder die Temperatur etwas ansteigt, wo sich Muster aus früheren Ausfällen zu wiederholen beginnen. Die Reparatur kann rechtzeitig und geplant erfolgen.

Die Stahlbahnen, aus denen die Karosserieteile bei BMW gestanzt und gepresst werden, sind 40 Tonnen schwer und drei Kilometer lang. Nicht an jeder Stelle ist das Blech gleich dick und gleich fest – aber jede Abweichung kann beim Umformen bei extrem belasteten Karosserieteilen zu Rissen führen. Deshalb wird heute jedes Karosserieteil per Laser mit einer Art Personalausweis versehen. Die Pressen werden dann auf die Eigenschaften jedes Teils feinjustiert. Auch beim Lackieren wird der Farbauftrag auf die Oberfläche jedes einzelnen Karosserieteils abgestimmt. Ein voller Erfolg, sagt Christian Patron, Leiter Digitalisierung in den BMW-Werken.

Doch wo bleiben in der digitalen Welt eigentlich die vielen kleinen und mittelständischen Betriebe, die bisher ihr Geld mit Wartungen und Reparaturen verdienten? Bleibt dieses Geschäft zukünftig nicht gleich den Herstellern vorbehalten, die ihre digitale Technologien liefern und damit Zugriff auf die Betriebsdaten bekommen?

Viele alte Autos in Deutschland

In den Autowerkstätten jedenfalls gehen solche Sorgen um. Der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) und sein europäischer Dachverband CECRA sind deshalb mit der EU-Kommission im Gespräch. „Sofern nur der Fahrzeughersteller die Daten im Fahrzeug verarbeiten und dadurch digitale Dienstleistungen anbieten kann, wird es für uns schwierig“, erklärt der ZDK. Datenmonopole für die Industrie müssten verhindert werden.

Vorerst aber dürfte über 37 700 Kfz-Betrieben in Deutschland die Arbeit trotz Telematik, Sensorik und vorausschauender Wartung nicht ausgehen. Mit durchschnittlich 9,3 Jahren sind die 46 Millionen Autos in Deutschland relativ alt – und der Reparaturbedarf steigt mit zunehmendem Alter.

Weitere Meldungen aus der Wirtschaft.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht