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Wirtschaft
Montag, 19. Februar 2018 4

Umwelt

Plastikmüll – unbekannt verreist

Kunststoffabfall aus Haushalten und Gewerbe wird immer mehr. Wo er landet, lässt sich kaum verfolgen. Wir sagen die Gründe.

Regensburg.Die Wege des Plastikmülls sind unergründlich. Wer seinen gelben Sack, die gelbe Tonne eifrig mit seinen Kunststoffverpackungen befüllt oder die Joghurtbecher brav zum Wertstoffhof trägt, fragt sich mitunter, was daraus wird. Er wird es nie erfahren. Selbst Menschen, die sich beruflich intensiv mit dem Thema befassen, haben so gut wie keine Chance. Der Beauftragte eines Landkreises in Ostbayern lachte auf die Frage, wo denn der Kunststoffabfall aus seinem Gebiet verbleibe: „Wenn Sie es rauskriegen, dann sagen Sie es mir bitte.“ Auch für den Direktor des Zweckverbands Müllverwertung Schwandorf (ZMS), Thomas Knoll, steht fest: Es ist unmöglich zu erfahren, denn: „Es wäre schon hilfreich, wenn wir wüssten, was an Kunststoffabfall überhaupt vorhanden ist. Das ist nicht der Fall.“ Geschweige denn, wie viel davon wohin geht.

Max Scheidacker, Chef von Zellner Recycling, mit Folien aus Gewerbebetrieben. Das rote Stück stört die Qualität enorm. Foto: Fleischmann

Der verschlungene Entsorgungsweg läuft über viele Zwischenstufen ab. Ist der Abfall durch zwei, drei Hände gegangen, weiß der eine nicht mehr, woher er kommt, und der andere nicht, wohin er gelangt ist. Max Scheidacker, Geschäftsführer des Regensburger Unternehmens Zellner Recycling, versucht zu erklären: Bei Zellner sammelt sich der Verpackungskunststoff der Haushalte aus dem gesamten Landkreis Regensburg mit seinen 39 Wertstoffhöfen – 1500 Tonnen pro Jahr. Das Material wird am Firmengelände im Regensburger Hafen zu großen Ballen gebündelt und gelagert.

Verwertbarer Abfall wird in einer Müllsortieranlage sortiert. Foto: Roland Weihrauch dpa

Herkunft unbekannt

Ab da ist das Geschäft für Zellner schon wieder vorbei, denn das Plastik wird von sogenannten Bündlern im Auftrag eines der zehn Unternehmen abgeholt, die am Dualen System in Deutschland teilnehmen. Das ist mal RKD, mal Interseroh, mal Veolia oder eines der anderen Unternehmen. Sie stimmen sich untereinander ab, um entsprechend ihrer Marktanteile Material zu erhalten. Sie kümmern sich darum, die Kunststoffe in Sortieranlagen zu bringen und danach zu vermarkten beziehungsweise zu entsorgen. Zellner weiß also nicht, wohin die Reise der von ihm abgeholten Verpackungsfolie geht. Und der Endverwerter, also die Fabrik, an die RKD das Material weitergibt, weiß nicht, ob die Folie aus dem Landkreis Regensburg oder aus Rosenheim kommt.

Hier landen viele Kunststoffabfälle aus Ostbayern: die Müllverbrennungsanlage in Schwandorf. Foto: MZ-Archiv/Grabinger

Recht wahrscheinlich ist, dass die Folie verbrannt wird. Gut die Hälfte der Kunststoffabfälle in Deutschland wird thermisch verwertet, wie die Branche die Verbrennung nennt. Die andere, etwas kleinere Hälfte, wird stofflich verwertet. Je nach Qualität werden daraus etwa Textilfasern oder Kunststoffgranulat hergestellt. Ein Viertel des Kunststoffabfalls von rund sechs Millionen Tonnen in Deutschland wird exportiert. Bislang war China ein wichtiger Abnehmer, doch die Regierung dort hat nach und nach die Einfuhrregeln verschärft. Inzwischen ist die Ausfuhr von Kunststoffabfall dorthin so gut wie abgewürgt. Aus der Branche heißt es, mittlerweile gehe das Material eben eher nach Indien oder Vietnam.

Plastikmüll in Peking Foto: Rolex De La Pena/dpa

Ob nun Verpackungsfolien aus der Oberpfalz früher nach China verschifft wurden, das ist unergründlich. Der Bann Chinas wirkt sich aber auf jeden Fall auch hier aus, sagen übereinstimmend Scheidacker und sein Kollege Richard Meindl junior vom gleichnamigen Entsorgungsunternehmen in Lappersdorf, bei dem die 3000 Tonnen Inhalt der gelben Säcke aus der Stadt Regensburg zwischenlanden. Weil die Nachfrage aus China fehlt, sinken die Preise für das Gut. Das wiederum hat zur Folge, dass sich die aufwendigere stoffliche Verwertung öfter nicht mehr lohnt und ein größerer Anteil der Kunststoffe – je schlechter die Qualität, umso wahrscheinlicher – verbrannt wird.

Ein Mitarbeiter hält in der Produktion des Sportartikelherstellers Uvex in Lederdorn (Landkreis Cham) Kunststoff-Granulat. Dort werden Skihelme und Skibrillen produziert. Foto: Armin Weigel/dpa

Das gilt auch für den gewerblichen Plastikabfall. Hier ist die Situation mindestens ebenso unübersichtlich wie beim Grünen Punkt. Denn die Reststoffe, die bei Unternehmen anfallen, gelten als Wirtschaftsgut. Mit der Folge, dass die Firma einen privaten Entsorger ihrer Wahl beauftragt. Das kann in Regensburg Zellner oder Meindl sein, aber auch ein Entsorger von weit weg. Und je nach dem, mit welchen Zwischenhändlern und Endabnehmern dieser gerade zusammenarbeitet, verliert sich die Spur des Materials mehr oder weniger schnell auf Nimmerwiedersehen.

In Plastik verpackte Tomaten und Salatherzen – Lebensmittel gibt es fast nur noch in Plastik verpackt. Foto: dpa

„Die Kunden müssen noch besser trennen.“ Zellner-Geschäftsführer Max Schaidacker

Vorteilhaft ist beim gewerblichen Kunststoffabfall, dass er gewöhnlich gut vorsortiert ist. Jetzt sogar noch besser als früher, sagt Scheidacker. Denn wegen des Preisverfalls durch Chinas Importstopp seien nur noch sehr gut sortierte Chargen Geld wert. „Die Kunden müssen noch besser trennen“, erklärt Scheidacker. Ist die Qualität mäßig, lohne sich eine Vermarktung nicht mehr. Dann bleibe nur noch die Verbrennung in Schwandorf. Aber „für gute Qualitäten gibt es immer einen Weg nach Fernost“, sagt Scheidacker.

Die Mengen

  • Die Menge der Restkunststoffe

    lässt sich regional nur sehr schwer nachvollziehen – auch wegen unterschiedlicher Sammelsysteme.

  • Die Stadt Regensburg

    kommt auf 3000 Tonnen Gelbe Säcke pro Jahr, darin sind auch Alu-Abfälle und oft Nicht-Verpackungen enthalten (Schüsseln, Spielzeug etc.)

  • Im Landkreis Regensburg

    fallen in den Wertstoffhöfen 1500 Tonnen Verpackungen an, im Kreis Cham 1080 Tonnen, im Kreis Schwandorf 284 Tonnen (anderes System), im Kreis Neumarkt 2500 Tonnen (mit Tetra-Packs und Alu). Keine Angaben aus Kelheim.

Sortierung wird eher schlampiger

Knoll hat den Eindruck, dass in den vergangenen Jahren zunehmend schlampiger sortiert wurde. Die Müllverbrennung erkennt das, wenn von den Sortieranlagen mehr Material kommt, das auf keinen Fall in den gelben Sack oder den Plastikcontainer gehört. Gewöhnlicher Hausmüll oder Sperrmüll sei häufig beigemischt. Als „Highlight“ fällt ihm die Heckklappe eines Opel Corsa ein.

In der Stadt Regensburg wird mit gelben Säcken gesammelt. Foto: Fleischmann

Scheidacker vermarktet den gewerblichen Plastikabfall, der bei Zellner rund 60 Prozent des Aufkommens ausmacht, auch selbst – in naher Umgebung ebenso wie weltweit. Genauso macht das Meindl. Es mag sich aber keiner so richtig auf Prozentangaben einlassen, was aus seinen Händen wohin geht – das schwanke stark. Beiden gemein ist die Aussage: Kunststoffe, die sie erhalten, würden zu einem deutlich höheren Grad wiederverwertet als verbrannt.

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  • RM
    Roswitha Michalke
    17.01.2018 10:55

    Plastik verbrennen, Plastik recyceln, Plastikmüll in andere Länder, Plastik in unseren Weltmeeren, Plastik-Mikroteilchen in Zahncreme und Kosmetika, Plastik in unserer Nahrungsmittelkette...... Sollten wir uns da nicht nur sehr viele Gedanken machen sondern auch mal etwas unternehmen? Produzenten und auch Politik wäre gefragt. Wahrscheinlich kann man Plastik nicht ganz abschaffen, aber..... Joghurt in Gläsern die man wieder neu auffüllen kann, Milch in Flaschen, Mineralwasser in Flaschen, Obst und Gemüse, Käse und Wurst offen..... Vielleicht ein Tropfen auf den heißen Stein?

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