mz_logo

Wirtschaft
Sonntag, 25. Juni 2017 27° 5

Prozess

Schlecker-Frauen kämpfen sich durch

Der Schlecker-Prozess lässt bei Ex-Mitarbeiterinnen in der Region die Wut hochsteigen. Zwei Geschichten machen Mut.
Von Katrin Wolf, MZ

Mit Protestaktionen versuchten die Angestellten der Drogeriemarktkette Schlecker ihre Arbeitsplätze zu retten. Am Ende verloren Tausende ihren Job. Foto: dpa

Regensburg.Frühjahr 2013. Christine Gansbühler schraubt die Steckdosen in ihrer Wohnung ab. Eine nach der anderen. Als sie fertig ist, schraubt sie sie wieder an. Die 49-Jährige, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet hat – erst als Chefin ihrer eigenen Sicherheitsdiensts, dann 15 Jahre bei Schlecker als Marktleiterin – erträgt die Untätigkeit nicht. Sie ist ganz unten. Als die Drogeriemarktkette Schlecker im Juni 2012 Insolvenz anmeldet, verliert auch Gansbühler ihren Job. Nach monatelanger Arbeitslosigkeit steht sie am Tresen der Tafel.

Fünf Jahre später sitzt Gansbühler im Büro der Regensburger Tafel. Mittlerweile leitet sie den Verein kommissarisch. Sie lacht und gestikuliert viel, immer wieder springen ihr ihre beiden Hunde auf den Schoß. Gansbühler spricht von innerer Ruhe, sagt, sie sei angekommen – auch in ihrem neuen Job als Nanny. Vor fünf Jahren sah das ganz anders aus: Sie war selbst auf die Tafel angewiesen, um ihren drei Kindern weiter Klavierunterricht und Studium ermöglichen zu können.

Im Video erzählt Ex-Schlecker-Frau Christine Gansbühler:

Eine "Schleckerfrau" erzählt

„Man wollte Märkte kaputtmachen“

Christine Gansbühler musste nach der Insolvenz selbst zur Tafel. Jetzt ist sie 2. Vorsitzende – und macht anderen Mut. Foto: Wolf

Viele der Schlecker-Frauen, die durch die Insolvenz ihren Job verloren haben, hatten Probleme, eine neue Stelle zu finden. Viele waren jenseits der 50, alleinerziehend und ohne Ausbildung, also Angehörige von Gruppen, die es auf dem Arbeitsmarkt besonders schwer haben. Laut Gansbühler hatte diese Einstellungspraxis Methode: Wer dringend auf den Job angewiesen sei, den könne man leicht unter Druck setzen. Sie ist überzeugt, dass der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Firmenpatriarch Anton Schlecker habe die Pleite bewusst herbeigeführt, zutrifft: Sie berichtet von Lieferungen falscher Produkte, wobei die Menge aber gestimmt habe. So hätten einen Markt, der 100 Packungen Toilettenpapier bestellt hatte, etwa 100 Packungen Gummibärchen erreicht. „Das sah nach Willkür aus“, sagt Gansbühler. „Man wollte kleine Märkte kaputtmachen.“ Sie war auch im Betriebsrat engagiert und habe ihre Vermutung auf einem bundesweiten Treffen zur Sprache gebracht, ihre Kolleginnen hätten ihr aber nicht geglaubt.

Die Schlecker-Filialen waren oft unattraktiv gestaltet, manche „kaum größer als eine Garage“. Einige Verkaufsräume, wie die ehemalige Schlecker-Filiale in Regensburg-Kumpfmühl, gehören tatsächlich nicht zu Objekten, um die sich Einzelhändler reißen. Seit fünf Jahren hat sich kein Nachmieter gefunden. Das liege nicht unbedingt an fehlenden Interessenten, sagt Thomas Vogel vom gleichnamigen Immobilienbüro, der für die Vermietung zuständig ist. Es handle sich eher um private Gründe der Besitzer. Aber für den Einzelhandel sei die Fläche zu klein, und Parkplätze seien vor dem Haus auch nicht genug vorhanden.

Erfolgsgeschichte in Langquaid

In der ehemaligen Schlecker-Filiale in Langquaid werden heute Drogisten ausgebildet. Sie lernen unter realen Bedingungen. Foto: BBW-Abensberg

Natürlich ist nicht jede ehemalige Schlecker-Filiale heute ein trostloser Leerstand: In Langquaid sieht die Sache ganz anders aus. Das Berufsbildungswerk Abensberg (BBW) betreibt dort die Franziskus-Drogerie, in der Auszubildende unter Realbedingungen lernen. Die Drogerie ist womöglich die einzige in ganz Bayern, die nicht zu einer Kette gehört, vermutet Gerlinde Dubb, die den Bereich Ausbildung am BBW leitet. Ein privates Unternehmen sei auch längst pleite. Das Konzept funktioniere, weil sich einige Lieferanten von der sozialen Idee überzeugen ließen, und dank der Unterstützung des Markts Langquaid. „Wir sind sicher nicht erfolgreicher, als es der Schlecker war, aber den Schlecker gibt’s nicht mehr – uns schon“, sagt Dubb.

Zwei der ehemaligen Verkäuferinnen der Filiale wurden übernommen. Eine von ihnen ist Eva Demetz. Jetzt, wo sie Anton Schlecker beim Prozess im Fernsehen sieht, kommt auch bei ihr alles wieder hoch. Wie Gansbühler hatte auch sie Angst um ihre Existenz. Im Gegensatz zu ihrem vorherigen Arbeitsplatz sieht Demetz Vorteile: Bei Schlecker habe ständig Druck geherrscht, man habe sich kaum getraut, auf die Toilette zu gehen.

Hier finden Sie einen Kommentar der Autorin:

Kommentar

Späte Genugtuung

Der Prozess gegen Anton Schlecker ist für die ehemaligen Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriekette wichtig. Er hilft ihr, mit dem Erlebten abzusc...

Diebe mussten sie selbst festhalten

Vor fünf Jahren meldete Schlecker Insolvenz an – genauso lange steht die ehemalige Filiale in Regensburg-Kumpfmühl leer. Foto: Anton

Ex-Betriebsrätin Gansbühler erzählt ähnliche Geschichten von Mitarbeiterinnen, die über zehn Stunden allein im Laden waren. „Wenn die Bude gebrannt hat, hast du auch nicht freibekommen“, sagt sie. Sie erzählt Geschichten, die in Zeiten allgegenwärtiger Smartphones absurd klingen: Die Filialen hätten anfangs nicht einmal Telefone gehabt. Erwischten die Marktleiter einen Ladendieb, hätten sie diesen einsperren und einen Zettel an die Tür kleben müssen, auf dem sie Passanten baten, die Polizei zu rufen. Später habe es auf Betreiben des Betriebsrats zwar Telefone gegeben, aber ohne die Möglichkeit, jemand anderen als die Polizei anzurufen. Allerdings hätten nicht einmal die Marktleiter die Nummer ihrer eigenen Filialen gehabt. Trotz aller Repressalien betonen die ehemaligen Schlecker-Frauen auch das Positive: Der Lohn sei in Ordnung gewesen, sind sich beide einig.

Beide gehen im Prozess von einer Verurteilung aus. Für Gansbühler wäre eine Gefängnisstrafe keine Genugtuung: „Die Familie müsste dahin, wo sie so viele hingebracht haben.“ Und auch Demetz hat für den Firmengründer vor allem Verachtung übrig: „Wenn ich ihm gegenüberstehen würde, würde ich mich schweigend umdrehen und weggehen – der Blick, den ich dem zuwerfen würde, der würde mir jedes Wort sparen.“

Unsere Grafik zeigt Ihnen den Umsatz großer Drogerieketten:

Mehr Wirtschaftsnachrichten lesen Sie hier.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht