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Wirtschaft
Montag, 26. Juni 2017 27° 5

Automesse

Schöner Schein und harter Umbruch

In Genf zelebriert die Branche das Automobil. Doch die Zeitenwende spielt im Hintergrund mit.
Von Marco Engemann, dpa-AFX

Glanz und Luxus, wohin das Auge blickt – eine Szene vom Genfer Automobilsalon im vergangenen Jahr Foto: dpa

Genf.Sportwagen, Eleganz, Luxus – in Genf kamen bisher immer die schöngeistigen Autoliebhaber auf ihre Kosten. Auch diesmal werden die Hersteller in der kommenden Woche wieder versuchen, mit elegantem Design zu punkten. Die Franzosen von Renault etwa wollen ihrer Sportwagenmarke Alpine wieder Leben einhauchen und lüften dazu den Schleier über einer neuen Version des französischen Kult-Sportcoupés A110. Volkswagen kommt mit dem Nachfolger des CC, einer Art noblem Passat.

Diesmal dürfte die Eleganz aber vom harten Ringen um die künftige Ausrichtung der Branche in Europa überschattet werden. Denn die steht nicht nur wegen der geplanten Übernahme von Opel durch PSA Peugeot Citroën am Scheideweg.

Den Oberklasseherstellern geht es zwar blendend – Daimler, Audi und BMW fahren von kleineren Schlaglöchern abgesehen satte Gewinne ein. Aber im Segment darunter knirscht es. Noch lebt der europäische Markt vom Aufschwung der Jahre nach der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Weniger Schwung in Europa

Jedoch wie in anderen Regionen auch rechnen Experten mit einem abflauenden Wachstum – kein Wunder, markierte das vergangene Jahr mit 14,6 Millionen neu zugelassenen Pkw den besten Wert seit neun Jahren. Dieses Jahr, so schätzt der europäische Herstellerverband Acea, dürfte das Plus nur noch ein Prozent betragen nach fast sieben Prozent im Vorjahr.

Das könnte einige Volumenhersteller in Bedrängnis bringen, denn paradiesisch ist die Rendite bei vielen auch im Boom nicht. Zu wenig ausgelastet sind die europäischen Werke, um auch unter Druck zu funktionieren. Die Volkswagen-Kernmarke VW hat den Abbau von Zehntausenden Arbeitsplätzen verkündet, um die Gewinnschwäche abzuschütteln.

Die geplante Opel-Übernahme durch die Franzosen von PSA steht beispielhaft für die Lage. Die Amerikaner von General Motors würden ihr chronisch defizitäres Europageschäft gern loswerden, und PSA-Chef Carlos Tavares dürfte mit Zusammenlegungen den Leerlauf in vielen Werkshallen ausmerzen. Das könnte Geld sparen und die Hersteller robuster machen für den Ernstfall, obwohl PSA nach einer harten Sanierung derzeit gar nicht schlecht dasteht.

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Kommentar

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Tavares gilt nicht gerade als zimperlich, wenn es um Rendite geht. Um Peugeot wieder fit zu machen, musste etwa ein Werk nördlich von Paris die Tore schließen, Tausende verloren ihren Job. Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer erwartet, dass die seiner Rechnung nach teuren deutschen Opel-Werke besonders gefährdet wären. Immerhin: Bis Ende 2018 sind die 19 000 deutschen Opel-Jobs tarifvertraglich gesichert. Aber bis dahin ist es für die Autobranche ein kurzer Zeitraum – Investitionspläne gehen wegen der jahrelangen Modellzyklen üblicherweise deutlich darüber hinaus.

Ein Deal zwischen PSA und Opel könnte nur ein Vorgeschmack sein auf das, was laut Experten bis 2025 an Umbruch droht – dann, wenn der Verbrennungsmotor wirklich in Bedrängnis kommt. Große Hersteller wollen bis 2025 bis zu oder gar rund ein Viertel ihrer Neuwagen als Elektromodelle auf den Markt bringen.

E-Autos könnten schneller kommen

Die Experten der Unternehmensberatung Deloitte gehen davon aus, dass es mitunter schneller geht. Der Anteil der E-Antriebe bei Neuzulassungen könnte im Jahr 2025 in Deutschland bereits 40 Prozent betragen. „Aus dem bisher gut planbaren ist ein disruptiver Markt geworden“, sagt Deloitte-Strategieexperte Nikolaus Helbig. Stellen sich die großen Hersteller nicht schnell genug auf die neuen Bedürfnisse der Kunden ein, dann drohen unter Umständen einbrechende Umsätze und Gewinne sowie Arbeitsplatzverluste im zweistelligen Prozentbereich.

Ein Überblick über die wichtigsten Automessen:

Dennoch: In Genf spielt der Anteil von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben eine untergeordnete Rolle. Weniger als 70 von 900 präsentierten Modellen erfüllen auch die in der EU ab 2021 für Neufahrzeuge vorgeschriebene Ausstoßgrenze von 95 Gramm Kohlendioxid pro gefahrenem Kilometer.

Als wäre all das nicht genug, steht ja auch noch der Brexit vor der Tür. Je nachdem, wie hart der Austritt Großbritanniens aus der EU wird, desto stärker müssen Autobauer darüber nachdenken, wo sie für welchen Markt in Europa produzieren. BMW prüft einem unbestätigten „Handelsblatt“-Bericht zufolge, ob der künftige Elektro-Mini nicht in Regensburg gebaut werden soll.

Opel will in Genf übrigens den Kompakt-SUV Crossland X zeigen – ein gemeinsames Projekt der seit 2012 bestehenden Zusammenarbeit mit PSA Peugeot Citroën. Womöglich stehen die Zeichen auf Grün.

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