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Wirtschaft
Montag, 23. Oktober 2017 12° 7

Innovation

Sorgenkind ist der Mittelstand

Für Innovationsexperten Prof. Dr. Michael Dowling haben die Mittelständler bei der Digitalisierung noch Nachholbedarf.
Von Thorsten Retta, Wirtschaftszeitung

Der Mittelstand gilt eigentlich als Musterschüler. Beim Thema Digitalisierung sieht Prof. Dr. Michael Dowling von der Uni Regensburg aber noch Nachholbedarf. Foto: Istvan Pinter

Regensburg. Herr Professor Dowling, die deutsche Wirtschaft strotzt derzeit nur so vor Kraft. In welchen Bereichen darf das Land auf keinen Fall den Anschluss verlieren, damit das auch so bleibt?

Prof. Dr. Michael Dowling: Der Fokus sollte insbesondere auf dem produzierenden Gewerbe und der Digitalisierung liegen. Hier hat Deutschland das größte Potenzial. Danach würde ich Bio- und Energietechnologie nennen.

Und wie sind wir in diesen Bereichen aufgestellt?

Bei der Digitalisierung sind gerade die großen Unternehmen – insbesondere im Industriebereich – sehr gut aufgestellt. Wo es noch hakt, ist beim Mittelstand.

Der Mittelstand gilt doch aber als einer der Hauptgründe für den Erfolg der deutschen Wirtschaft und der deutschen Produkte. Wie passt das zusammen?

Genau darin liegt das Problem. Dem deutschen Mittelstand geht es zu gut. Viele Mittelständler sehen aufgrund der aktuell hervorragenden wirtschaftlichen Lage keine Notwendigkeit, Digitalisierungsprojekte entschlossen voranzutreiben. Es gibt Umfragen, die besagen, dass sich weniger als 15 Prozent der Mittelständler in Deutschland der Digitalisierung strategisch und mit einem langfristigen Konzept nähern. Aber ich bin auch überzeugt, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird. Denn die Mittelständler sind als Kunde oder Zulieferer mit den Großunternehmen vernetzt und werden sich daher den entsprechenden Strukturen anpassen müssen, wenn sie weiter im Geschäft bleiben möchten.

„Dem deutschen Mittelstand geht es zu gut. Viele Mittelständler sehen aufgrund der aktuell hervorragenden wirtschaftlichen Lage keine Notwendigkeit, Digitalisierungsprojekte entschlossen voranzutreiben.“

Prof. Dr. Michael Dowling

Könnte ein Grund für den Rückstand des Mittelstands bei dem Thema auch die Qualität der Datenautobahnen sein?

Natürlich braucht es bessere und schnellere Netze. Auf der Fahrt mit dem Zug zwischen München und Regensburg haben Sie manchmal gar kein Handynetz, geschweige denn ein Datennetz. Und gerade in diesen ländlichen Gebieten sind viele Mittelständler vertreten. Hier muss vor allem seitens des Bundes viel mehr getan werden. Ich leite auch den Münchner Kreis, eine unabhängige Plattform zur Orientierung für Gestalter und Entscheider in der digitalen Welt. In diesem Rahmen versuchen wir der Bundesregierung immer wieder zu sagen, dass wir im Festnetzbereich flächendeckend Glasfaser brauchen und im Mobilbereich LTE.

Ist Deutschland bei der Digitalisierung also doch nicht ganz vorne dabei?

Daraus zu schließen, dass wir weit zurückliegen, ist falsch. Die Übertragungsgeschwindigkeit ist nur ein Teil der Digitalisierung. Ein Großteil findet innerhalb der Fabriken statt und dafür braucht man kein Netz. Bei der Industrie 4.0 ist Deutschland mit Unternehmen wie Siemens oder BMW weltweit führend.

Wie steht es um die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft?

Eigentlich ganz gut. Es gibt direkte Kontakte zwischen Unternehmen, Hochschulen und Universitäten. Und es gibt den außeruniversitären Kontakt über Fraunhofer und weitere Institute, die natürlich auch mit den Universitäten verknüpft sind. Ich bin der Meinung, dass das in Deutschland hervorragend funktioniert.

Ist die Innovationsförderung in Deutschland angemessen ausgestattet?

Hier hat sich in den vergangenen 20 Jahren sehr viel getan – etwa mit der Exzellenzinitiative des Bundes. Darüber hinaus gibt es weitere gute Bundesprogramme und gerade hier in Bayern tolle bayerische Programme. Etwa die „Digitalisierungsoffensive Bayern“ – um nur ein Beispiel zu nennen. Die Forschungsförderung funktioniert inzwischen relativ gut.

Immer wieder wird auch die Forderung nach einem Aktionsprogramm für nichttechnische Innovationen laut. Ist unser Innovations-Fokus zu technisch?

Nein, das würde ich nicht sagen. Das ist die Stärke der deutschen Industrie.

Die Versorgung mit Venture Capital dagegen gilt nicht als deutsche Stärke. Ist der Wagniskapitalmarkt in Anbetracht der Wirtschaftskraft zu klein?

Ja, es könnte mehr sein. Auch oder gerade im Vergleich zu den USA stehen wir nicht gut da. Im europäischen Vergleich sind wir ungefähr im Mittelfeld, aber auch da wird die Lage oft schlechter geredet, als sie tatsächlich ist. Der Freistaat Bayern fordert schon lange von der Bundesregierung Steueränderungen, um die Vergabe von Wagniskapital steuerlich attraktiver zu machen. Aktuell haben wir hier im Vergleich zu anderen Nationen einen Nachteil.

Hat das allein steuerliche Gründe oder gibt es auch kulturelle Ursachen? Die Deutschen gelten bei Anlagefragen eher als konservativ.

Eher nein. Ich glaube, Geld wäre ausreichend vorhanden und würde auch bei den Kapitalsuchenden ankommen. Das Problem ist eher strukturell.

Sie haben die USA angesprochen. In puncto Innovationsklima gilt das Silicon Valley als großes Vorbild. Sind Strukturen und Kulturen, wie sie dort herrschen, auf Deutschland übertragbar und ist das überhaupt sinnvoll?

Nein. Das Silicon Valley ist einmalig in der Welt. Das ist schon in der Entstehung aus der US-amerikanischen Rüstungsindustrie heraus angelegt. Das Silicon Valley ist ein nicht kopierbares Ökosystem. Das ist aber nicht weiter schlimm. Wir haben inzwischen selbst tolle Gründerszenen etwa in München oder Berlin. Und außerdem mehrere kleinere Gründerzentren – zum Beispiel das Digitale Gründerzentrum Oberpfalz.

Ist diese regionale Verteilung sinnvoll?

Ob man solche Zentren verstreut in neun kleinen Städtchen über ganz Bayern braucht, ist fraglich. Ich werde nie ein Fan des Gießkannenprinzips sein. Wir sollten uns darauf fokussieren, wo unsere Stärken liegen. Und das ist in Bayern der Raum München. München konkurriert mit Brüssel, London und Berlin und da kann auch Regensburg nicht mithalten. Natürlich ist es nötig, auch hier ein wenig, dabei aber sehr gezielt, zu fördern. Aber die größeren Programme muss man schon konzentrieren, sonst droht die Gefahr, sich zu verzetteln.

Was können Deutschland und seine Forscher, Gründer und Entwickler besser machen?

Deutschland hat manchmal das Problem, dass viele seiner Gründer das perfekte Produkt herausbringen möchten, statt ein noch nicht perfektes Produkt deutlich schneller. Das ändert sich aber gerade. Die junge Gründergeneration ist nicht mehr so versessen auf Perfektion, sie weiß um die Bedeutung der Geschwindigkeit und des richtigen Timings und wartet mit dem Markteintritt nicht, bis der Markt vielleicht gar nicht mehr da ist.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper.

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